Captain America 2: The Return of the First Avenger - Filmkritik

Tobias Heidemann 12

Mehr Marvel, das heißt erst einmal mehr vom Gleichen. Wenngleich die Filmhelden des Marvel Universums Figuren unterschiedlichster Couleur sind, ihren ikonischen Stempel durften Hulk, Iron Man, Thor oder Captain America den jeweiligen Adaptionen bisher noch nicht aufdrücken. Dafür ähneln sich die nach 2008 gedrehten Comic-Verfilmungen in ihrer Machart einfach zu stark. Das soll natürlich so. Es ist das koordinierende Konzept eines auf viele Jahre angelegten Mega-Franchise. Marvel hat vorsätzlich einen gleichförmigen Kanon geschaffen, in welchem kein Platz für schrillere Stimmen ist. Wer sich also „Captain America: The Return of the First Avenger “ im Kino ansieht, der weiß vorher schon ganz genau, was ihn erwartet.

Und genau aus diesem Grund darf man sich auf eine kleine, aber feine Überraschung gefasst machen. Obwohl sich auch der zweite Alleingang um den tiefgefrorenen Supersoldaten Steve Rogers willig den filmischen Konventionen des Marvel Cinematic Universe unterwirft, erlauben sich die Regisseure Anthony und Joe Russo hier ein paar erfreulich eigenständige Pendelausschläge in Richtung härteres Action-Kino.

Ein „The Raid“ sollte man deshalb natürlich nicht gleich erwarten, doch in diesem Streifen geht es einen spürbaren Tick schmerzhafter und drastischer zur Sache, als es in Marvels stubenreiner Filmwelt sonst so üblich ist.

Der Grund dafür ist schnell gefunden. Statt am Rechner akribisch durch-deklinierter CGI-Manöver, bekommen wir hier häufiger mal traditionelle Handarbeit geboten. Ausführliche Prügeleien, gut choreographierte Kampfkunst, ätzende Messer-Attacken und druckvoll inszenierte Schusswechsel auf offener Straße. Letztere wissen sich mit ihrer trockenen, direkten Art vor allem beim grandiosen „Heat“ zu bedienen.

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Erfreulich eigenständig

Mir gefiel das ausgesprochen gut, denn „The Return of the First Avenger“ (oder darf ich bitte „The Winter Solider“ sagen?) verabschiedet sich damit hin und wieder auch mal aus dem Erwartungsgemäßen. Sogar Rogers selbst darf gelegentlich mal deutlich zulangen. Moralisch angreifbar wird ein Captain America dadurch zwar nicht – derartig interessante Prämissen scheint Marvel auch weiterhin den Comics zu überlassen – aber Anthony und Joe Russo haben offenkundig ein Händchen für Bad Ass-Momente.

The Return of the First Avenger

Das leben sie vor allem bei „Caps“ neuem Gegenspieler aus. Der Winter Soldier ist mit seinen konsequent brutalen Auftritten ein klares Highlight des Films und erinnert dank seines überzeichneten Ninja-Gebaren mehr an ein Mortal Kombat-Spiel als an einem Marvel Villain. Eiskalt und zielstrebig darf der mysteriöse Attentäter alles ansehnlich abräumen, was ihm die Stunt-Choreographen so auftischen. Da ist es fast schon ein bisschen schade, dass das Geheimnis hinter der Maske zum Ende des Films für einen emotionalen Schlenker allzu hastig gelüftet wird. Doch auch wenn der Twist etwas unterbelichtet bleibt und er den Streifen bisweilen sogar gefährlich aufs Glatteis führt – alles in allem stellt die titelgebende Figur eine Bereicherung für den Film dar.

Übrigens im krassen Kontrast zu Anthony Mackies Sam Wilson (The Falcon), der gelegentlich als vollkommen überflüssiger Fremdkörper durchs Bild rauschen muss, um ein paar aufwendigere Kamerafahrten zu rechtfertigen. Auch Scarlett Johansson stört irgendwie. Bis auf die unfreiwilligen Schauwerke ihres desaströs überschminkten Gesichts, hat ihr Black Widow-Auftritt wenig zu bieten. Damit bleibt uns Marvel auch weiterhin eine überzeugende Frauenrolle schuldig. Der Film ruht damit allein auf Chris Evans, Samuel L. Jackson und Robert Redford, und die machen ihre Sache zum Glück ganz gut.

Neben der erfrischend ruppigen Gangart  von „Captain America: The Winter Solider“ gibt es noch eine weitere, frohe Kunde, die vor allem die Comic-Fans freuen dürfte. Der bisher aus unerfindlichen Gründen eingehaltene Sicherheitsabstand zur Comicwelt wird nämlich in der zweiten Hälfte des Films ein kleines bisschen verringert.

Gute Mischung: Harte Action, naive Comic-Ideen

Wer zum Beispiel Marvel-Runs wie „“ gelesen hat und sich seit dem 2008er „Iron Man“ fragt, wo eigentlich der erzählerische Wagemut, die überdrehten Ideen, die Verspieltheit der Figuren und die spannende Alles-oder-Nichts-Mentalität aus den Heften geblieben ist, der wird sich über eine Enthüllung im zweiten Teil des Films freuen. Zu einer tatsächlich werktreuen Comic-Verfilmung mutiert „Captain America: The Winter Solider“  zwar deshalb nicht – der Marvel-Code liegt auch hier weiterhin wie Blei auf der Kreativität der Autoren – aber immerhin adoptiert das Drehbuch ein paar der naiveren Gedanken aus den Comic-Vorlagen. In diese Richtung darf sich die nächste Phase gerne weiter entwickeln.

Letzten Endes erstickt das rigide System des Marvel Universums aber auch den hier kurz aufkeimenden, kindlichen Spaß an Super-Nazis, ultra-geheimen Geheimorganisationen und schlechten Akzenten wieder. Für eine kurzweilige Beseelung des Streifens reicht es aber allemal. Mit Drohnen-Metaphern und einer leisen NSA-Kritik wurde zudem sogar an die Meta-Leser unter uns gedacht.

Mir hat „Captain America: The Winter Solider“ erheblichen Spaß gemacht, was mich nach dem tiefen Winterschlaf, in welchen mich Marvel zuletzt mit Gleichförmigkeit und Überraschungsarmut geschaukelt hatte, tatsächlich ein bisschen überrascht hat. The Winter Solider funktioniert als hart geerdeter Actionstreifen und hat auch für die bisher sträflich vernachlässigten Comic-Nerds ein paar unverhoffte Leckerlies im Programm. Hail Hydra! 

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