Fakt vs. Fiktion: Was Cartel Land uns über den wahren Drogenkrieg lehrt

Philipp Schleinig 1

Cartel Land - Trailer Deutsch.
Die Idee zu unserer Woche zum Thema „Drogen & Film“ kommt natürlich nicht von irgendwoher. Eher entsprang sie unserem Interesse und der Häufung von thematischen Auseinandersetzungen sowohl auf der Leinwand, als auch auf dem heimischen Bildschirm. Nach „Escobar – Paradise Lost“, Netflix‘ „Narcos“ und Denis Villeneuves „Sicario“ erscheint Ende Oktober die Dokumentation „Cartel Land“, um die Antwort auf eine Frage zu geben: „War das alles echt?“

Cartel Land - Trailer Deutsch.
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Die Kamera gleitet per Luftaufnahme durch die Luft. In der Vogelperspektive wird uns ein Schauplatz näher gebracht, der irgendwo hätte sein können: Eine Holzmauer, die sich scheinbar unendlich durch eine karge Landschaft zieht. Die Szene ist nicht beliebig und doch bedarf es eines Grundwissens, um sofort zu verstehen, was dort gezeigt wird. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika stellen sich sicherlich nicht wenige Menschen als einen schwer bewachten Wall vor, der rund um die Uhr bewacht wird, weiß man doch, dass die Flüchtlingsströme und der Drogenschmuggel ein großes Problem für die USA darstellen. Und doch scheint eine Holzmauer ihr Problem zu lösen.

Jene Szenerie ist jedoch noch aus einem anderen Grund sehr markant. Sowohl der Drogen-Thriller „Sicario“, mit dem Denis Villeneuve erst unlängst im Kino wieder einmal überzeugen konnte, als auch die Ende Oktober im Handel erscheinende Dokumentation „Cartel Land“ bedienen sich jener Einstellung, um ihr Thema zu etablieren. Auch wenn es in „Sicario“ etwas länger dauert, bis wir jene Luftaufnahme zu sehen bekommen, ist der Grundtonus beider Beispiele gleich: Etwas Unheilvolles liegt in diesem Bild, welches den reichen mächtigen Staat vom gebeutelten Nachbarn trennt, denn wir wissen, dass das Thema, der Drogenkrieg der mexikanischen Kartelle, nichts an seiner Aktualität und Bedeutsamkeit eingebüßt hat.

Fakt versus Fiktion – Was „Cartel Land“ uns über den Drogenkrieg lehrt

Während sich die Film- und Fernsehlandschaft in der letzten Zeit mit Titeln wie „Escobar – Paradise Lost“ und der ersten Staffel von „Narcos“ sowie eben auch mit „Sicario“ dem Thema auf der fiktiven Ebene annahm – auch wenn sich etwa die Netflix-Serie sehr nahe am Original hält und mit zeitgenössischen Bildern das Ganze veranschaulicht – geht „Cartel Land“ das Thema auf der realen Schiene an und bringt damit einen Faktor in die Betrachtung, der bei der Sichtung des Films immer wieder vor Augen geführt werden muss: Was wir sehen, ist real. Regisseur Matthew Heineman verließ sich nicht auf Augenzeugenberichte, sondern begab sich mit seinem Kameramann Matt Porwoll direkt in ein Geschehen, welches definitiv nicht als harmlos zu betrachten ist.

Dabei hat Heineman keine Undercover-Arbeit betrieben oder sich mit Kartellmitgliedern verabredet, sondern hat sich auf einem Pfad, der das Gezeigte noch glaubhafter macht, dem Thema genähert. Er widmete sich bei seiner Arbeit der Bevölkerung Mexikos, genauer gesagt den Leuten der Region Michoacán im Südwesten des Landes und begegnete dort einem Mann namens José Manuel Mireles Valverde, der bereits vor der Begegnung mit Heineman für nationales Aufsehen gesorgt hatte. El Doctor, wie er aus dem einfachen Grund, dass er einst als angesehener Arzt tätig war, von den Leuten genannt wird, stieg zum charismatischen Anführer der Autodefensas, einer militanten Gruppe aus der Bevölkerung, auf und sagte dem in Michoacán vorherrschenden Tempelritter-Kartell den Kampf an.

Die Unglaubwürdigkeit der Ereignisse

Der Erfolg war ihm gegönnt: Die Autodefensas konnten nicht nur ein Drittel des Bundesstaates säubern, sondern bekamen auch aus vielen befreiten Dörfern und Städten Zuwachs. Bis zu jenem Punkt steht José Mireles für eine heroische Figur, die dem Land, vom Drogenkrieg zerfressen, von Korruption gebeutelt und von Kartellen verseucht, heilende Hände zur Verfügung gestellt haben könnte. Matthew Heinemans Dokumentation „Cartel Land“ hätte ein Film über den erfolgreichen Kampf gegen das vorherrschende System werden können. Doch die geschichtlichen – und wieder: realen – Ereignisse hat sicherlich auch Heineman nicht kommen sehen. Die Geschichte um die Autodefensas nahm im Jahr 2014 eine Wendung, die Mexikos Hoffnung zerplatzen ließ und „Cartel Land“ eine erstaunliche Richtung gab.

Am Anfang der Dokumentation, die im Übrigen von Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow produziert wurde, begegnen wir vermummten Gestalten, die in der Dunkelheit und Einsamkeit illegale Substanzen herstellen. Sie sprechen gegenüber dem Filmemacher offen über ihre Tätigkeit und die Bedeutung, die die Drogen im eigenen Land, aber vor allem auch in den benachbarten USA einnehmen. Während diese Szene dem Film am Anfang als Stimmungsbild dient, sorgt sie am Ende für einen Realisierungsmoment beim Zuschauer, der einem Spielfilm abgenommen werden würde, bei einer Dokumentation aber plötzlich unzählige Fragen aufwirft, dabei aber auch nicht minder beeindruckend ist.

Cartel Land und die Zukunft – Wie geht es weiter?

In seiner Gesamtbetrachtung wirft „Cartel Land“ ein eigentlich zutiefst deprimierendes Bild auf Mexiko, den Drogenkrieg und sämtliche Probleme, die die Thematik mit sich bringt. Es ist, als wenn uns Heineman am Ende mitteilen will, dass der Kampf David gegen Goliath in Mexiko weiter andauern, diesmal jedoch wohl zugunsten des Riesen entschieden werden wird. Die Ambition im Kampf gegen die Kartelle liegt auf Seiten der Bevölkerung, doch Stolperfallen gibt es noch an zu vielen Stellen. Es ist Heineman und „Cartel Land“ zu verdanken, dass auch wir, weit weg von der Problematik, einen Blick auf die Tatsachen erhalten, die so unglaubwürdig und damit erschreckend unvorstellbar sind, dass die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion zu verschwimmen scheinen. Ja, es war alles echt!

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