Das Märchen der Märchen-Kritik: Schaurig, schöner Ursprung Cinderellas

Teresa Otto

Das Märchen der Märchen - Trailer Deutsch.
„Das Märchen der Märchen“ gilt als Vorlage für Aschenputtel oder Rapunzel. Heutzutage ist man eher mit Disney als mit purer Folklore aus dem 17. Jahrhundert aufgewachsen. Einen harten Blick auf die Ursprünge gibt es nun im Kino. Erfahrt hier, ob das Urwerk mit Grimm & Co mithalten kann.

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Märchenfilme haben Hochkonjunktur: Disney setzte jüngst mit „Cinderella“ einmal mehr auf Altbekanntes und Happy End. Kaum einer kennt heutzutage noch die ursprünglichen Geschichten des italienischen Poeten Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert, dessen Motive sich stark in denen der Gebrüder Grimm wiederfinden. Wer allerdings schon immer wissen wollte, wie unverschönt blutig es früher in den Folklore Geschichten wirklich zuging, der kommt am 400 Jahre alten Urwerk „Das Märchen der Märchen“ nicht vorbei. Der italienische Regisseur Matteo Garrone („Gomorrha“) verfilmte drei Geschichten aus der ersten Märchensammlung der Welt.

Der Film spielt in drei benachbarten Königreichen. Zum einen wird die Geschichte eines Königspaares erzählt, das zutiefst unglücklich darüber ist, dass sie keine gemeinsamen Kinder haben können. Sie begegnen einem geheimnisvollen Seher, der ihnen prophezeit, dass ihr Kind von jetzt auf gleich geboren werden könne. Besonderer Clou: Die Königin (Selma Hayek) muss zuvor das Herz eines Seeungeheuers essen, das ihr König (John C. Reilly) erlegen muss. Das Schicksal meint es jedoch nicht gut mit ihr: Für jedes gegebene Leben muss auch eines genommen werden. In der zweiten Geschichte verfällt ein lüsterner König (Vincent Cassel) dem himmlischen Gesang einer Frau. Er glaubt, sie sei eine junge Magd, doch in Wirklichkeit ist Dora (Hayley Carmichael) in ihrem Lebensalter bereits weit fortgeschritten. Sie lebt gemeinsam mit ihrer Schwester (Shirley Henderson) in Armut, als der König mit seinen Avancen nicht aufzuhören scheint. Sie stimmt einer gemeinsamen Liebesnacht in kompletter Dunkelheit zu, um ihr wahres Antlitz - entstellt vom Alter - zu verbergen, doch ihr Katz-und-Maus-Spiel wird ihr zum Verhängnis… Die dritte Geschichte trumpft mit kuriosen Fabelwesen auf, wie einem zur Übergröße gezüchteten Floh, dessen Leben ein König (Toby Jones) wichtiger erachtet als das Wohlergehen seiner Tochter (Bebe Cave). Als sein Haustier unvermittelt stirbt, setzt er ein scheinbar unmögliches Gewinnspiel auf, dessen Hauptpreis die Verheiratung seiner Tochter ist. Die ist alles andere als erfreut, als ein Oger gewinnt…

Durch die zahlreichen Disney Adaptionen ist man in der heutigen Zeit bereits fest verankert in der Grimm’schen und Andersen Märchenwelt und scheint sich auch an Neuinterpretationen wie dem Realfilm „Cinderella“ oder dem Musical-Märchen-Mashup „Into the Woods“ noch nicht satt gesehen zu haben. Doch der Kern der Geschichte sollte selbst dem letzten ein Begriff sein: Das schöne Gute triumphiert über das hässliche Böse. Das Urwerk „Das Märchen der Märchen“ aus der Feder des italienischen Poeten Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert, knapp 200 Jahre bevor die Gebrüder Grimm ihre Märchensammlungen veröffentlichten, geriet dabei gänzlich in Vergessenheit. Doch er war es, der Figuren wie Aschenputtel, Rapunzel oder Dornröschen erstmals einer breiten Masse vorgetragen hat. Alle nachfolgenden bekannten Märchensammler waren selbst große Fans und so schwingt in jeder Geschichte eine Stimme à la „Das kenn‘ ich doch irgendwo her…?“ mit, während man jedoch gebannt davor sitzt und endlich einmal NICHT weiß, wie es ausgehen wird. Genau darin liegt der Charme der Geschichten. Wer nun aber Romantik und ein quietschbuntes Regenbogenrepertoire erwartet, wird bitter enttäuscht. Sex, Blut, Vergewaltigungen, Ermordungen, Tod. Nichts wird hier beschönigt oder vom Ursprung verfälscht. Garrone setzt, ähnlich wie in seinem Mafia-Hit „Gomorrha“, auf Realismus anstatt CGI: die Fabelwesen und Kostüme erstrahlen in wunderschön grotesken Farben. Die Kälte des Schlosses und seiner auf Gier setzenden Königin steht im Kontrast zum roten Blut des zu essenden Herzens. Die überdimensionierte Puppe eines Flohs erinnert eher an Kafka als an Grimm. In ruhigen Tönen überzeugt zudem der Soundtrack von Oscar-Preisträger Alexandre Desplat („Grand Budapest Hotel“) und führt dabei bestimmt durch den Cannes-Film.

Das Starensemble trumpft mit internationalen Größen auf. Selma Hayek in den Wahn getrieben von ihrem ultimativen Glück. Toby Jones als leider gar nicht fürsorglicher Vater, stürzt sich in sein eigenes Verderben. Und Vincent Cassel wird geblendet von seinen Vorurteilen. Aber auch die junge Darstellerriege besticht durch tolle Darstellungen. Die Zwillinge Christian und Jonah Lees erscheinen allein durch ihr kostümiertes Auftreten wie Fabelwesen und man fragt sich, wer in ihrem ständigen Verwechslungsspiel wen darstellt. Die Königstochter und neue Gattin des Ogers Bebe Cave führt klassische Märchenmotive der in Not geratenen Tochter, die von einem Prinzen gerettet werden müsste, in ein ganz anderes Licht. Alle Facetten einer Entführung werden schonungslos gezeigt und fabulös von ihr getragen. Die junge Reinkarnation, verkörpert von Stacy Martin, wird im Vorgängermodell der Aschenputtel-Geschichte durch ihren Drang nach Glück mit ihrer schwesterlichen Verpflichtung konfrontiert.

Fazit: Kein Disney-Film mit quietschfidelen Charakteren, sondern ein ruhiger Märchenfilm mit Gruselambiente, der endlich einen realistischen Blick auf den Ursprung zeigt. Wer übersättigt ist von ständigen Happy Ends und endlich mal eine Märchenfigur sehen möchte, die selbst ihr Glück in die Hand nimmt  - mit allen Mitteln - wird mit diesem Film keinen Fehler machen.

rating7

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