Gary Oldman im GIGA-Interview: Ein Gespräch über Paranoia, Drachen und Al-Qaida

Tobias Heidemann 3

Ein bisschen mulmig ist mir vor dem Interview-Termin mit Schauspieler Gary Oldman schon. Immer wieder habe ich seinen Norman Stansfield aus der berühmten Tabletten-Szene in „Léon – Der Profi“ vor Augen. Oder den vollkommen durchgeknallten Psychopaten Drexl aus „True Romance“, oder seinen lauernden Schatten aus „Bram Stoker’s Dracula“ oder, oder, oder. Lange Zeit war Gary Oldman Hollywoods bester Angstmacher. Ein Genie, wenn es darum ging, in uns ein Gefühl der Bedrohung entstehen zu lassen. Umso überraschender, dass Oldman privat ein sanftmütiger Nachdenker ist, der selbst ziemlich viel Angst hat.

GIGA: Mr. Oldman, sie haben für ihrer Darstellung von George Smiley dessen Erfinder John le Carré persönlich getroffen. Was war das Wichtigste, das er ihnen für ihre Rolle in Dame, König, As, Spion“ mit auf den Weg gegeben hat?

G. Oldman: Man hat mir im Vorfeld gesagt, dass Dame, König, As, Spion“ Carrés persönlichstes Buch sei. Wer ein bisschen zwischen den Zeilen liest, der kommt zum Beispiel schnell auf die Idee, dass es sich bei der Figur der Ann um seine erste Frau handelt. Der eigentliche Nutzen aus meinem Treffen mit Carré bestand aber vor allem in den kleinen Angewohnheiten, die ich ihm stehlen konnte. Seine Stimme zum Beispiel. Als Schauspieler nutzt man diese Dinge als eine Art Sprungbrett in die Rolle. Am Anfang steht dann oft ein Modell, eine möglichst präzise Nachahmung. Dann eignet man sich die Rolle an und bewegt sich immer weiter davon weg. In dieser Hinsicht war es nützlich Carré zu treffen, denn Smiley beruht ja zum Großteil auf seinen persönlichen Erfahrungen im MI 6.  

Wir sprachen natürlich auch über Carrés Zeit beim MI6. Er verriet mir, dass die permanente Gefahr,  die eigene Tarnung könnte auffliegen, das mit Abstand Aufreibendsten bei dieser Arbeit gewesen ist. Dieses Gefühl der extremen Paranoia, das er ja auch in seinem Buch sehr genau beschreibt. Das Warten auf die Schritte vor der Tür. Die Angst sie würden erkennen, dass man nicht der ist, der man vorgibt zu sein.     

GIGA: War Carré denn zufrieden mit “Dame, König, As, Spion“?

G. Oldman: Oh ja, sehr. Er sagte, es sei die bisher beste Verfilmung eines seiner Bücher und dass der Film dem Klassiker „Der Spion, der aus der Kälte kam“ in nichts nachstünde. Er war zwar nicht jeden Tag als technischer Berater oder dergleichen am Set, er nimmt es aber sehr genau mit seinen Büchern und gab dem Film dennoch seinen Segen.

GIGA: Als wir zum ersten Mal von der Neuverfilmung des Buches hörten, dachten wir: Wer soll es bitte schön mit dem großen Sir Alec Guinness aufnehmen? Dessen Interpretation von Smiley wurde weltberühmt und brachte ihm sehr viel Ruhm ein. Wie sind sie mit dieser Herausforderung umgegangen?

G. Oldman: Wenn sie jetzt vor die Tür gehen würden und irgendjemanden fragen würden: Wer ist George Smiley? Die Wahrscheinlich, dass sie „Alec Guinness“ als Antwort bekommen würden, wäre verdammt hoch. Die schwierigste Aufgabe für mich bestand also darin, diesen Drachen – den Geist von Guinness – niederzustrecken. Ich meine, er hat es geschafft, er hat den Berg erklommen, ist bis zum Gipfel gekommen. Also hatte ich große Bedenken, irgendwo auf halber Strecke zu verhungern – nicht an ihn heranzukommen. Als sie mich fragten, ob ich die Rolle des George Smiley übernehmen würde, zögerte ich deshalb auch zunächst. Fast einen Monat lang. Aber als Schauspieler kann man nie sicher sein. Man muss etwas wagen. Wenn man versagt, versagt man eben.

GIGA: Sie interpretieren Smiley sehr viel zurückhaltener als Alec Guinness. Sie geben sehr viel weniger preis und spielen ihn extrem minimalistisch. War das eine bewusste Entscheidung oder ist das einfach so passiert?

G. Oldman: Eigentlich hatte ich mit diesem schweren Erbe sehr viel Glück. Guinness hat mir hervorragendes Arbeitsmaterial gegeben. Sehen Sie, Guinness war fast 70 als er Smiley spielte und ich glaube – wenn man sich das Buch vor Augen führt – er entschied sich eine bestimmte Seite dieses Charakters nicht auszuspielen. Es gibt da eine gewisse Grausamkeit an Smiley. Beinahe sadistisch. Er verwendet diese Grausamkeit bewusst als Werkzeug, um die Menschen zu verunsichern. Deshalb denke ich, dass mein Smiley ein bisschen härter geworden ist als der von Guinness.

GIGA:  “Dame, König, As, Spion“ spielt zur Zeit des kalten Krieges. Wie haben Sie persönlich diese Zeit erlebt?

G. Oldman: Zu dieser Zeit war ich in einem Alter, in dem die Hormone den Ton angeben. Hin und wieder bekommt man da vielleicht einen Zeitungsartikel mit, der einem das Gefühl vermittelt, dass sie jeden Moment die Atombombe abwerfen, dass die Welt untergeht. Teenager können da sehr aufmerksam sein. Ich habe selbst einen 15-Jährigen zu Hause – ich weiß was da los sein kann. Doch ich persönlich war damals eher mit Mädchen und David Bowie beschäftigt. Politik war da eher nebensächlich.   

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