Deadpool Filmkritik: Was für ein geschmackloser, infantiler Scheiß!

Tobias Heidemann 13

Deadpool hat eine merkwürdige Vergangenheit. Erschaffen von einem nicht gerade beliebten Comicbuchzeichner als billige Kopie einer DC-Figur, wurde der vorlaute Söldner von den „New Mutants“-Lesern zunächst eher geduldet denn geliebt. Erst als er dank Autor Joe Kelly begann, das Marvel-Nest, aus welchem er 1991 geschlüpft war, mit dünnen Witzen und dicken Blutspritzern zu beschmutzten, wuchs seine Fangemeinde. Deadpools Durchbruch erfolgte schließlich durch die Vierte Wand, was ihm den Status des inoffiziellen Hofnarren des Marvel Universums einbrachte. Deadpool darf, was sonst niemand darf. Er darf die Comicwelt bloßstellen. Mit seinem ersten, eigenen Film hoffen seine Fans nun darauf, dass sich die Geschichte im Kino wiederholt und Deadpool den derzeitigen Status Quo der Comicverfilmung – um es mit seinen eigenen Worten zu sagen – in „den Arsch fickt“. 

Und tatsächlich – es wird erstaunlich viel gefickt in dieser willentlich derangierten Comicverfilmung des Regie-Debütanten Tim Miller. Menschen, Mutanten, Tiere, Hirne, politische Korrektheit, topographische Karten von Utah, Liam Neeson, jede Menge Drehbuch-Klischees und natürlich die Superhelden selbst  – alles wird irgendwann irgendwie mal von irgendwem gefickt.

Natürlich nur verbal, versteht sich. „Deadpool“ hat zwar ein für Marvel-Verhältnisse erstaunlich loses Mundwerk, doch abgesehen von ein paar Kopfschüssen und abgetrennten Körperteilen bleibt das Ganze dann doch im sicheren Rahmen eines amerikanischen Actionfilms.

Dass dieser Actionfilm sich dank der feuchten Euphorie der Comic Con-Kids in den letzten Monaten zu einem veritablen Hype entwickeln konnte, zeigt genau zwei Dinge: Zum einen wie grauenvoll Wade Wilsons (aka Deadpool) erster Auftritt in der Filmwelt war („X-Men: Origins“) und wie groß das Verlangen seiner Fans nach einer werktreuen Adaption ist.

Zum anderen spricht die Welle des Zuspruchs, auf welcher „Deadpool“ seit seiner Trailer-Enthüllung surft, auch für die akute Überfälligkeit einer Mutation im Superhelden-Genre. Jenseits der smart-bunten Abenteuer der Marke Marvel und der ernsthaft düsteren Formel von DC wartet das große Nichts. Aus diesem Nichts soll nun der Messias „Deadpool“ als herausfordernder Underdog hervorspritzen. Ja, lol, ich habe spritzen gesagt.

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Deadpool darf bleiben: Warum das „X-Men“-Universum ein tragischer Clusterfuck ist und einen Neustart verdient.

Deadpool Kritik: Lol, er hat spritzen gesagt

Womit wir auch schon bei der Crux dieser Angelegenheit wären. Für wen ist „Deadpool“ eigentlich gemacht? In erster Linie für die Fans, das muss man klipp und klar sagen.

Und die stehen bekanntlich auf folgende Dinge: Amoralische Antihelden, das Brechen der Vierten Wand, popkulturelles Hyper-Referenzieren, clevere Seitenhiebe in Richtung Marvel und DC, nicht ganz so clevere Penis-, Popo- und Vagina-Witze, ironisierter Sexismus, permanentes Wortspiel-Dissen und derb getrocknete One-Liner, die mit dem brutalen Ableben von anonymen Henchmen einhergehen. Circa 90% des Filmes besteht aus genau diesen Elementen. Das muss man wissen.

So gesehen, ist „Deadpool“ ein richtiges Fest für seine Fans geworden. Die Secret Screening-Fotos von begeisterten Anhängern, die Ryan Reynolds (Deadpool) dem Internet präsentierte, entsprechen absolut den Tatsachen –  wer die Comics mag, der wird diesen Film lieben. Und zwar von ganzem Herzen. So sehr lieben sogar, dass mancher Fan vielleicht am Ende mit diesem Film schlafen möchte und seine Nippel ganz sanft…Entschuldigung, ich steife ab. Wo waren wir?

Deadpool FSK 18 Trailer.

Fazit

Ach ja, beim Fazit. Der Rest der Welt sollte unbedingt draußen bleiben. Kein Scheiß. Auch wenn die atemberaubende Masse an kunstfertig vorgetragenen Gags und herrlich infantilem Bullshit, die dieser Film auf seine nonchalante und lustvolle Weise im Sekundentakt entfesselt, es einen immer wieder vergessen lässt – außer seinem giftigen Humor und ein paar Headshots hat „Deadpool“ nicht besonders viel zu bieten.

Die zwei nennenswerten Action-Sequenzen sind schön verspielt inszeniert, heben sich aber von vergleichbaren Werken kaum ab. Ein „Kick-Ass“, „Kingsman: The Secret Service“ oder „Wanted“ etwa hatte da visuell deutlich mehr unter der Haube. Das Finale kann in Bezug auf Action und Spannung gar als kleine Enttäuschung verstanden werden. Gleiches gilt für den etwas faden Bösewicht, von welchem man sich gerade in diesem Film deutlich mehr als ein paar gute Reflexe gewünscht hätte. Die Handlung selbst passt zudem in einen einzigen Satz und besteht letztlich nur aus Rachemotiven und der ewigen Jungfrau in Not.

Bleibt die eingangs erwähnte Herausforderung der sonst so spießigen Superhelden. Auch wenn es einen Heidenspaß macht, „Deadpool“ dabei zuzusehen, wie er einen dampfenden Haufen Verachtung auf die Moral seiner Arbeitskollegen setzt, am Ende bleibt er eben doch nur ein Hofnarr. Die dürfen zwar aussprechen, was sonst niemand sagen darf – zum Herrscher taugen sie indes nicht. Und so lässt sich auch mit „Deadpool“ kein Staat machen. Aber lachen und bloßstellen, das kann man mit ihm besser als mit jeder anderen Comic-Figur da draußen.

rating7

 

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