Die Deadpool-Sensation: Was diesen Film so erfolgreich macht und was das für die Zukunft der Comicverfilmung bedeutet

Tobias Heidemann 4

„Deadpool“ ist ein Hit. Ein derartig massiver Hit gar, dass Medien und Meme-Maker sich in ihrer nervösen Euphorie geradezu überschlagen. DAMIT hat nun wirklich niemand gerechnet! 260 Millionen global, 135 Millionen allein in den USA, erfolgreichster Start eines R-Rated-Films (ab 17 Jahren) aller Zeiten, besser als die Rekordhalter „Matrix: Reloaded“ und „50 Shades of Grey“, in einem Land sogar besser als „Star Wars 7“. Auch das Geheimnis des erstaunlichen Erfolgs ist natürlich schon längst gefunden. Die Erklärung: „Deadpool“ ist eine Comicverfilmung für Erwachsene. Und für eine solche war die Zeit eben reif. Mag sein, dass Gewalt und Sex dem unflätigen Söldner Wade Wilson bei seinem epochalen Einzug in den Kino-Olymp geholfen haben, die Gründe für „Deadpools“ bahnbrechende Einspielergebnisse liegen jedoch woanders.

Die Deadpool-Sensation: Was diesen Film so erfolgreich macht und was das für die Zukunft der Comicverfilmung bedeutet

Dass sich die vielerorts zu lesenden Analysen des Überraschungserfolges so sehr auf das R-rated-Label von „Deadpool“ stürzen, erstaunt doch schon sehr. Da wird bisweilen sogar so getan, als habe es nie zuvor eine erfolgreiche Comicverfilmung für Erwachsene gegeben. Tatsächlich ist die Filmgeschichte voll damit.

Deadpool FSK 18 Trailer.

Während „Fritz The Cat“, „Conan – Der Barbar“ oder „Akira“ als die wichtigsten Wegbereiter der frühen Jahre gelten, blieb die nicht jugendfreie Comicverfilmung mit Filmen wie „The Crow“, „Judge Dredd“ oder „Blade“ auch in den für Adaptionen sehr schwierigen 90er Jahren stets zugegen.

Danach gab es dann regelmäßig Erfolge aus diesem Ressort zu vermelden: „Watchmen“, „300“, „Sin City“, „A History Of Violence“, „V For Vendetta“, „Road To Perdition“, „Kick-Ass“, „Kingsman: The Secret“ – alles R-rated Comic-Verfilmungen, die ihr Budget mindestens verdoppelten. Manche von ihnen vervielfachten es sogar.

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Erfolgreiche Comicverfilmungen für Erwachsene sind nichts Neues

„Deadpool“ also als eine große Ausnahmeerscheinung zu stilisieren, erscheint im besten Fall als nicht besonders gut informiert. Erfolgreiche Comicverfilmungen für Erwachsene gab es schon immer.

Damit sei hier nicht behauptet, dass Ryan Reynolds siebenjähriger Windmühlen-Kampf für die Realisierung des Films durch das R-rated-Label nicht auch erschwert wurde. Im Kontext der aktuellen Comicverfilmungen fallen Wade Wilsons schmutzige Witze und schroffe Kopfschüsse eben schon etwas aus dem Rahmen.

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Womit wir bei den, meiner Meinung nach, eigentlichen Erfolgsgeheimnissen von „Deadpool“ wären. Allem voran steht das Timing.

Tim Millers Film kommt zu einer Zeit, in welcher alle auf den ersten Comic-Flop warten. Marvel, Warner und Fox haben uns mit der schieren Masse von Comic-Adaptionen an den Rand der Übersättigung gebracht. Dass sich diese Projekte in puncto Tonalität und Machart doch sehr ähneln, hat dabei nicht gerade geholfen. Die Strategie des „Mehr vom Gleichen“ dürfte in Kürze ihre Haltwertzeit erreichen.

Echte Abwechslung ist demnach überfällig. Die Trailer-Kampagnen und PR-Coups von „Deadpool“ versprachen genau das. Eine Comicverfilmung, die „einfach anders“ ist. Nicht zu anders, natürlich, Wade Wilson ist immerhin noch ein Mutant aus dem Marvel Universum, aber eben anders genug, um das gleichgültiger werdende Verhältnis zur Comic-Adaption wieder zu beleben.

Deadpools Erfolgsgeheimnisse: Timing, Humor, Fanservice und Zeitgeist

Nicht minder relevant für den Erfolg dürfte der lautstarke Humor von „Deadpool“ sein. Mit „Guardians of the Galaxy“ konnte Marvel beweisen, dass man auch im Comic-Genre so ziemlich alles verkaufen kann, so lange nur laut genug gelacht wird.

Eine Lektion, die „Deadpool“ nicht nur gelernt hat, sondern noch spürbar ausgebaut hat. So funktioniert der Film in erster Linie als eine frech-versaute Komödie. Das Genre der Comicverfilmung wird über weite Strecken dagegen komplett vernachlässigt. Mehr noch, wenn „Deadpool“ auf den ausgetretenen Pfaden der aktuellen Comic-Gepflogenheiten wandelt, dann meist nur, um sich über diese lustig zu machen. Mit anderen Worten: Die DNA von „Deadpool“ ist die einer waschechten Komödie – und die eignen sich traditionell sehr viel besser zu einem Überraschungshit als andere Genres.

Bleiben zwei Punkte, die vielleicht nicht ganz so offensichtlich, meiner Meinung nach aber nicht minder bedeutsam für den Erfolg von „Deadpool“ sind: Die spezielle Wechselwirkung aus Zeitgeist und Fanservice, die dieser Film provoziert hat.

Tim Millers Film geht ganz bewusst mit einer Anti-Establishment-Attitüde schwanger. Miller und Reynolds haben ihrem Film geschickt ein Narrativ der Unangepasstheit verpasst. Es ist die lustige und trotzige Geschichte von einem verstoßenen Schmuddelkind, das sich in der klinischen, konformen und langweiligen Produktionslandschaft von Hollywood nur mit Hilfe seiner treuen Fans durchsetzen konnte.

Deadpool und die PR-Geschichte vom Anti-Establishment

Dass „Deadpool“ überhaupt existiert, so will es die PR-Geschichte, das haben sich die Fans selbst verdient. Egal, ob es die euphorischen Reaktionen auf das von Reynolds widerrechtlich und absichtlich „geleakte“ Proof of Concept-Material war oder der virale Hype auf der Comic-Con – „Deadpool“ verkauft sich clever als ein Trojanisches Fan-Pferd, das einen gewaltigen Haufen Scheiße in die heile Welt der Comic-Verfilmung geschmuggelt hat.

Wie weit man dieser Tage mit der vermeintlichen Missachtung von Political Correctness und dem ordinären Chic eines Schweinepriesters kommen kann, das zeigt uns aktuelle Donald Trump in geradezu beängstigender Weise. Denen „da oben“ mal einen Stinkefinger zu zeigen, egal, ob in der Politik oder in Hollywood, das entspricht absolut dem Zeitgeist. „Deadpool“ ist, so gesehen, ein sehr zeitgenössischer Film geworden. Das sollte man bei der Analyse seines Erfolges nie vergessen.

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Eine neue Ära der Comicverfilmung?

Dass diese Erfolgsgeschichte Konsequenzen haben wird, versteht sich von selbst. Man darf davon ausgehen, dass zu dieser Stunde bereits eilig einberufene Produzentenmeetings stattfinden, die ein paar Weichen für die Zukunft zu stellen gedenken. Das meiste davon dürfte allerdings so berechenbar wie einfältig sein.

Neben dem selbstverständlichen „Deadpool 2“ können wir uns natürlich auf weitere „X-Men“ Spin-Offs im Adult-Segment einstellen.  Vielleicht sogar auf einen Team-Film, der die neuen Anti-Helden in ein paar Jahren vereinen soll. „Uncanny X-Force“ wäre zum Beispiel durchaus denkbar. Hinzu kommen dann noch ein paar fragwürdige Reboot-Versuche der Marke „Blade“ und „Spawn„. Warner wird indes dieses bereits achtmal abgelehnte „Harley Quinn“-Projekt wiederbeleben und Marvel dürfte sich ebenfalls den einen oder anderen Schmutzfink aus dem muskelbepackten Moloch der 90er Jahre ziehen.

Doch das alles wird sehr wahrscheinlich nicht an den Erfolg von „Deadpool“ heranreichen können. Dafür sind die hier beschriebenen Voraussetzungen für den Erfolg einfach viel zu speziell und eben nur bedingt reproduzierbar. Ob die im Fahrwasser von „Deadpool“ nun mit einem grünen Licht versehenden Projekte zudem dessen Qualitäten halten können, dass muss leider angesichts der Geschichte von Hollywood-Trends ebenfalls bezweifelt werden. Wer jetzt also bedingt durch den „Deadpool“-Erfolg eine neue Ära der Comicverfilmung herbeisehnt, der sollte vorsichtig sein, was er sich da wünscht. Es könnte wahr werden.

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