Der Marsianer - Filmkritik: Wie man mit menschlichem Mist den Science-Fiction-Film rettet

Tobias Heidemann 12

Da liegt sie also, die arme Science-Fiction. Nach langer schwerer Krankheit erlag sie einer selbst verabreichten Überdosis Endzeit. Zuletzt bestand ihr Leben nur noch aus dystopischen Albträumen, post-apokalyptischen Untergängen und depressiven Fantasien vom gesellschaftlichen Kollaps. Von der optimistischen Aufbruchsstimmung, die der Science-Fiction-Film viele Jahre lang leidenschaftlich verbreitete, war am Ende so gut wie nichts mehr übrig. Der Traum von einer besseren Welt, von einem besseren Menschen scheint ausgeträumt. Umso erstaunlicher ist es, dass sich das Genre mit „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ nun quasi auf dem Sterbebett einen durch und durch positiven, ja geradezu fröhlichen Film abtrotzt, der im Kontext der aktuellen Düster-Trends wie eine Farce wirkt. 

Der Marsianer - Trailer Deutsch.
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Zuerst ein guter Rat. Wer ideale Voraussetzungen für sein kommendes Kinoerlebnis mit dem „Marsianer“ schaffen möchte, der sollte Ridley Scotts neusten Streich unbedingt als einen Märchenfilm sehen. Ein ideologisch verbrämtes NASA-Märchen, das glatt als Werbefilm für die Raumfahrtbehörde durchgehen würde, um genau zu sein. Mit der Realität hat „Der Marsianer nichts zu tun.

Der Film ist klassische Science-Fiction und impliziert standesgemäß das exakte Gegenteil des Machbaren. Alles wirkt so, als sei es tatsächlich passiert und würde nun Punkt für Punkt für die breite Öffentlichkeit dokumentiert. Die Verfilmung von versucht mit den Überzeugungskräften eines klassischen Science-Fiktion-Films, dem Zuschauer einzureden, dass die absurden Geschehnisse rund um den auf dem Mars verunglückten Astronauten Mark Watney tatsächlich im Bereich des Menschenmöglichen liegen würden.

Am Ende – so wenig sei hier verraten - verbrennt diese clever verstreute Pseudo-Wissenschaftlichkeit dann allerdings spektakulär in der Atmosphäre des gesunden Menschenverstands.

Darauf ist man besser vorbereitet. Auf das finale Logik-Vakuum sollten sich dabei vor allem all diejenigen einstellen, die bereits der Survival-Romantik des Erfolgsromans verfallen sind und sich nun auf ein vergleichbares Ereignis im Kino einstellen. Mark Watneys Robinsonade auf dem Mars, sein mentaler und physischer Kampf um das Überleben in der für einen Menschen denkbar feindlichsten Umgebung, wird in der Hollywood-Version des Stoffes dramaturgisch arg geglättet.

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Der Marsianer - Rettet Mark Watney: Eine Frage des Glaubens

Zwar muss Watney auch hier Lösungen für tödliche Probleme finden und auch hier heißen diese Probleme Sauerstoff, Strahlenschutz, Wasser, Strom oder Nahrung - doch während das Buch eine wahre Flut von mehr oder weniger gut recherchierten Wissenschaftsfakten und abgefahrenen Mars-Trivia über seine Leser hereinbrechen lässt, bleibt dem Film nur eine möglichst überzeugende Einladung zum Glauben auszusprechen. Mit menschlicher Kacke und einem Botanik-Studium kann man auf dem Mars Kartoffeln anbauen. Das glaubt man, oder man glaubt es eben nicht.

Wer von euch gewillt ist, diese Einladung anzunehmen, der bekommt mit „Der Marsianer“ einen der unterhaltsamsten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre. Wer sich indes von der eigenen Skepsis durch den Film führen lässt, der wird mit dem brachialen Optimismus des Films und einer Wagenladung Bullshit zu kämpfen haben.

Hat man dieses Hindernis jedoch beiseite geräumt, entfaltet der Film einen erstaunlichen Sog, der uns grandios mit seinem überaus sympathischen Helden mitfiebern lässt. „Der Marsianer“ ist voll von prima getakteten „Hurra“ und „Oh Shit“-Momenten.

Natürlich sollte man sich mit dem Hauptdarsteller des Films, Matt Damon, ganz gut verstehen. Sonst ist nämlich schnell Essig. Immerhin verbringt man einen Großteil der Filmzeit in trauter Zweisamkeit mit Damon. Doch auch den Damon-Hassern sei gesagt, der Mann macht seine Sache wirklich gut. Man kann Damon zum Beispiel dafür loben, dass er offenbar versucht hat, seinen gestrandeten Astronauten Watney so weit wie möglich von Tom Hanks Darstellung in „Cast Away“ zu entfernen.

Cast Away in Space: Abenteuer Wissenschaft mit dem Space-Mac Guyver

Zwar teilt sich „Der Marsianer“ mit dem erfolgreichen Robert Zemeckis Film aus dem Jahr 2000 Struktur und Erzählweise - die Ähnlichkeiten sind mitunter frappierend -  doch anders als Tom Hanks seinerzeit versucht Damon das intime Szenario des einsam Gestrandeten nicht durch ein überdeutliches Schauspiel zu kompensieren.

Der Marsianer Trailer 2.

Damon spielt den optimistischen Scherzkeks Mark Watney stattdessen angenehm leise und zurückgenommen, was viel zur emotionalen Wirkung des Films im letzten Akt beiträgt. In einer der stärksten Szenen des Films zeigt die ansonsten stoische, stille Fassade des Helden nämlich zum ersten Mal echte Risse. Mit anderen Worten: Regisseur Ridley Scott dosiert gefühlige Momente wie diese stets genau richtig und bewahrt sie auch dann vor dem Abrutschen in die Kitschigkeit. Wie sein Hauptcharakter ist auch der Film selbst stets um ein gesundes Maß an Sachlichkeit bemüht.

Fazit:

Und so steht und fällt „Der Marsianer“ am Ende auch mit seiner Hauptfigur. Watneys unzerstörbarer Glaube an die eigene Rettung mag genaugenommen nicht viel mit uns Normalsterblichen zu tun haben, doch Matt Damon gelingt es, den Charakter dennoch glaubhaft, sympathisch und von „nebenan“ zu spielen.

Nimmt man dem „Marsianer“ seinen pseudo-wissenschaftlichen Popanz und die übernatürliche Willenskraft der Figur ab, geht man im Idealfall eine emotionale Komplizenschaft mit Watney ein. Man lacht den Widrigkeiten mit ihm gemeinsam ins Gesicht, man empört sich mit ihm gemeinsam gegenüber den Gegenspielern und man ist schließlich auch gewillt, gemeinsam mit ihm unterzugehen. So gesehen, vereint der „Marsianer“ die Stärken naiver Science-Fiction-Klassiker und einer romantischen Heldenerzählung. Wer gewillt ist, auf dieses Angebot einzuschlagen, der kann mit Ridley Scotts Film eine überfällige Ladung Frischluft in das zuletzt sehr muffig gewordene Genre pumpen.

rating8

 

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