Deutschland 83 Kritik: Warum die deutsche TV-Welt mal wieder untergeht, wenn ihr diese Serie am 26.11. nicht schaut

Tobias Heidemann 1

Und da sind wir wieder. Alle paar Jahre gelingt es einem uneinsichtigen Produzenten, eine richtig gute TV-Serie doch irgendwie an der deutschen Gesamtscheiße vorbei zu schmuggeln. 2006 war das „Blackout“,  2007 der „Kriminaldauerdienst“, 2010 war es „Im Angesicht des Verbrechens“, 2011 „Der Tatortreiniger“ et cetera pp – die Liste der Serien, die an der verkrusteten Küste der deutschen TV-Landschaft havarierten, ist bedauerlich lang. Aktuell nimmt die von der Potsdamer UFA-Fiction produzierte Serie „Deutschland 83“ mit ihrer außergewöhnlichen Qualität Kurs auf das deutsche Abendprogramm. Der Untergang scheint unvermeidbar. Es sei denn… 

Deutschland 83-Trailer.
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…du schaltest ein. Ja, wir wissen natürlich, wie abwegig sich diese Aufforderung anhört. Einschalten! Bei RTL! Guter Witz. Wenn es nicht so traurig wäre, würden wir ja sofort mitlachen, doch leider ist die Angelegenheit tot ernst. Wer dem deprimierenden Zustand der hiesigen Fernsehlandschaft sein überfälliges Ende bereiten will, der muss halt am 26.11. um 20:15 RTL einschalten oder die Mediathek aufrufen. Und damit den doofen Medienmachern zeigen, dass es hierzulande eben doch einen Markt für Qualitätsfernsehen gibt. So einfach ist das!

Deutschland 83: Untergang mit Ansage?

Doch kommen wir zum eigentlichen Anschauungsobjekt dieser vermeidbaren Tragödie. Die von Anna und Jörg Winger entworfene TV-Serie „Deutschland 83“ trennt abgesehen vom dem beschissenen Titel absolut nichts von prestigeträchtigen Emmy-Gewinnern wie „The Americans“ oder „Homeland“. Ja, so hoch ist das stilistische und erzählerische Niveau von welchem wir hier sprechen.

Der symbolschwangere Look von „Deutschland 83“ ist erste TV-Sahne, das Schauspieler-Ensemble ist erfrischend wirksam gecastet, das popkulturelle Appeal stets vorhanden. Zudem entfaltete der gut getimte Erzählfluss dieses historisch geerdeten Politik-Thrillers jenen speziellen Sog, den eine gute Serie zum Überleben braucht.

Dass die Showrunner mit Jonas Nay („Tannbach“, „Homevideo“) zudem auch noch einen Serienhelden gefunden haben, der ein Projekt dieser Größenordnung ganz ohne deutsches Theatergehabe oder nerviges Schweighöfern zu tragen vermag, ist ein weiterer, wichtiger Punkt, der für dieses Projekt spricht. Kaum zu glauben, dass das aus Deutschland kommt, werden viele Zuschauer bei dem am Donnerstag ausgestrahlten Piloten sicherlich denken.

Dabei standen die Fähigkeiten der deutschen Autoren und Schauspieler, etwas international Verwertbares zu entwickeln, eigentlich nie wirklich zur Disposition. Die Probleme sind anderer Natur. Hier wurden sie allesamt clever umschifft.

Besonders deutlich macht „Deutschland 83“ diese außergewöhnliche Leistung anhand der ungemein unterhaltsamen und spannenden Aufbereitung des historisch informierten Stoffes. Es geht um den kalten Krieg. Um Ost und West. Um DDR versus Germany und jene nukleare Aufrüstung, die uns Mitte der 80er Jahre an den Rand des dritten Weltkrieges brachten. Inszeniert nach dem öffentlich-rechtlichen Gusto hätte dabei nun eine zwar informative, aber letztlich ziemlich lahme Geschichtsstunde mit anschließendem Talk in der Jauchegrube bei herauskommen können.

Auf Augenhöhe mit US-Serien

Nicht so „Deutschland 83“. Die Serie lässt seinen jungen Helden stattdessen lieber galant auf der Rasierklinge zwischen den Ideologien tanzen. Über Nacht wird der NVA-Grenzsoldat Martin gegen seinen Willen zum sabotierenden Top-Spion der Stasi gemacht. Gemeinsam mit Martin wachen wir in der wunderbaren Warenwelt des Westens auf und befinden uns fortan in einer extrem gefährlichen Situation. Anstatt Martin den Unrechtstaat DDR nun als historische Lektion mit dem Prädikat wertvoll um die Ohren zu hauen, wählt „Deutschland 83“ den persönlichen Weg.

deutschland-83-der-trailer-zur-ausnahme-serie

Ein junger Mann zwischen den Systemen. Ein alltäglicher Kampf um die eigene Identität und die Liebe seiner Mitmenschen. „Deutschland 83“ ist erstmal eine Coming-of-Age-Story. Die politische und historische Dimension der Serie wird nonchalant im Vorbeigehen mitgenommen und durch das Prisma der Hauptfigur beleuchtet. So funktionieren die Hit-Serien aus den USA schon lange. „Deutschland 83“ hat diese Lektion gelernt. Fragt sich nur, ob das hierzulande jemand wertschätzen wird.

rating8

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