Laut dieser Theorie sehen wir die Welt heute vor allem „Neo-Noir“. Wir leben in einem Zeitalter der Entmythologisierung. Anti-Mythen interessieren und faszinieren uns gegenwärtig mehr als positive Utopien, denn ganz tief in unserem Innern – so die Theorie - wissen wir, dass die Welt da draußen hinter all den sentimentalen Illusionen eigentlich eine grausame, kriminelle, korrupte und amoralische Welt ist. Fressen oder Gefressen werden, Gewinner und Verlieren, das ist der Stoff aus dem unsere Realität gestrickt ist. Also, get real!

Laut dem englischen Kulturtheoretiker Mark Fisher hat sich diese Weltsicht kulturell in den 80erJahren über die Verbrüderung von Hip Hop und Gangsterfilmen wie „Scarface“, „Der Pate“, „Reservoir Dogs“, „Goodfellas“ und „Pulp Fiction“, aber auch Autoren wie Frank Miller oder James Ellroy in der Unterhaltungsindustrie immer mehr verbreitet und ist heute das vorherrschende Motiv bei der Erschaffung untergehender Welten. Waren Science-Fiction-Filme in den 60er und 70er Jahren zum Beispiel sehr viel häufiger auch Fingerübungen im positiven Vorstellungsvermögen, so ist das Ende der Welt heute gleichbedeutend mit einem barbarischen Kampf Jeder-Gegen-Jeden.

Kern dieses Denkens ist dabei etwas, das Fisher „kapitalistischer Realismus“ nennt. So basieren eben auch die Untergangsszenarien aus Hollywood auf dem weitverbreiteten Gefühl, dass der Kapitalismus nicht nur das einzige gültige politische und wirtschaftliche System darstellt, sondern dass es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, sich eine positive Alternative zu ihm überhaupt vorzustellen. Kurz: Es ist heute einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.