Sex im Film: Wie uns das Kino derzeit die Lust an der Leidenschaft verdirbt (Kolumne)

Tobias Heidemann 3

Die Diagnose steht: Wir sind oversexed und underfucked. Die mediale Übersexualisierung ist schuld daran, dass unser Sex immer schlechter wird. Gegen porentief reine Superbodies in Ultra HD+, gegen die totale Sex-Performance On Demand, gegen perfekten Porno überall hat unsere graue Lebenswirklichkeit einfach keine Chance. Die Medien verderben uns die Lust aufeinander. Unser Begehren geht kaputt. So die Analyse. Die statistisch vermeintlich belegte Sau, die da vor einiger Zeit von gleich mehreren Sexualwissenschaftlern durchs Mediendorf getrieben wurde, stößt aktuell kaum noch auf nennenswerten Widerstand. Die These scheint geschluckt. Doch wer sich dieser Tage den Sex auf der Kinoleinwand ansieht, wird zwangläufig erkennen müssen, dass die diagnostizierte Pimper-Krise keine private mehr ist. Der schlechte Sex ist längst im Film angekommen.

Sex im Film: Wie uns das Kino derzeit die Lust an der Leidenschaft verdirbt (Kolumne)

Der Film-Sex wirkt derzeit etwas impotent. Lustlos. Fast schon routiniert. Leidenschaft war irgendwie gestern. Kein Exzess. Keine Experimente. Selbst die Ektase wird nur pflichtbewusst gespielt. Seit ungefähr zwei Jahren hatte der Film keinen guten Sex mehr.

Das einst so vitale Feld der Sexualität wird zunehmend bizarr verklemmten Klamotten der Marke „Sex Tape“ überlassen. Und wenn Hollywood sich nicht gerade wieder einen lustlos inszenierten Peniswitz aus dem Unterrock schüttelt, müssen wir sexistische Langweile à la „Fifty Shades of Grey“ über uns ergehen lassen. Schatz, ich glaube, wir müssen reden.

Fifty Shades Darker - Teaser 1 Englisch.

Die hier zitierten Filme sind nämlich keine Ausnahmen. Epische Erektionsstörung wohin das begehrende Auge blickt. Wer von Filmen wie „Alpha House“, „The Boy Next Door“, „Bound“, „Free the Nipple“, „Bachelor Night“ oder „Girl House“ Rückschlüsse auf unser Sexleben schließen möchte, der sollte schon mal die Nummer eines guten Sexualtherapeuten raussuchen. Sex im Mainstream-Kino, das bedeutet heute entweder schlaffe Vorstadt-Erotik ohne Saft und Sinn oder verschämt-obszöne Stillosigkeit. Erschöpft sich unsere zeitgenössische Kino-Sexualität wirklich in Plüschhandschellen und dem Klarlack-Dekolletee von Megan Fox?

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Verloren im Klarlack-Dekolletee von Megan Fox

Natürlich nicht. Ausnahmen gibt es. Doch wenn eine gut gemachte aber letztlich total banale Sexszene wie etwa jene aus „Inherent Vice“ den Medien schon Anlass genug ist, über solche Ausnahmen in aller Ausführlichkeit zu berichten, dann liegt hier doch irgendetwas im Argen.

Bild 3

Natürlich darf und sollte man zu dieser Gelegenheit auch die etwas unglücklich geführte Debatte um die Geschlechterverhältnisse eines „Gone Girl“ oder diesen einen slowenischen Problemfilm, den keiner gesehen hat, zurück ans Licht holen – doch seien wir ehrlich: Gegen die monumentale Bedeutung und gesellschaftspolitische Reichweite, die Film-Sexualität in der Vergangenheit hatte, stinken die Fifty Shades of Gäääähn, die das Kino derzeit belagern epochal ab. Es fehlt an Masse und Klasse zugleich.

Vor zwei, drei Jahren sah die Sex-Welt noch ganz anders aus. Mit Filmen wie „Blau ist eine warme Farbe“, „Under the Skin“, „Her“, „Trance“, „Shame“, „Compliance“, „Before Midnight“ oder auch „Nymphomaniac“ fand Sexualität angenehm breit gefächert bis tief in den Mainstream statt. Doch seither herrscht mehr oder weniger tote Hose. Kino kriegt keinem mehr hoch.

Schlechter Sex im Kino: Ausgerechnet jetzt!

Und das ausgerechnet jetzt. Während die Gesellschaften von heftig geführten Sexismus-, Gleichstellungs- und Transgender-Debatten gezeichnet sind, verharrt man in Hollywood mit gestrigen Herrenwitzen und ödem Hochglanz fernab jedweder Realität in der Missionarsstellung.

Selten zuvor gab es so viele, so gute Anlässe sich im Kino vernünftig (oder gerne auch unvernünftig) mit den Aspekten moderner Sexualität auseinanderzusetzen.Dass der Film-Sex gerade jetzt mit Abwesenheit und Stumpfsinn glänzt, schmerzt damit umso mehr. Wo ist er denn, der seltsam überfällige Film zur Sexismus-Debatte? Wo bleibt das authentische „50 Shades“? Fehlanzeige!

Doch es gibt Hoffnung. Die Serie zeigt sich momentan von einer ganz anderen Seite, als ihr großer Bruder Film. In TV-Serien wie „Transparent“, „Girls“ „Masters of Sex, „Sense8“, „Togetherness“ oder auch „Shameless“ werden die Facetten menschlicher Sexualität für ein breites Publikum interessant, provokant oder spannend thematisiert. Was der großen Leinwand in puncto Sex-Appeal abhanden gekommen ist, feiert im Serienformat seine fulminante Auferstehung. Das deckt sich natürlich gut mit der allgemeinen Qualitätsverschiebung vom Film zur Serie, die wir seit einigen Jahren beobachten können. Schade um den Film-Sex ist es trotzdem.

Denn was heißt diese thematische Abwanderung zur Serie für die Zukunft der Film-Sexualität? War´s das jetzt erst einmal? Werden Lichtblicke wie zum Beispiel „Felt“ einfach weiterhin dem verärgerten Indie-Nachwuchs überlassen oder dürfen wir doch noch mit einer Mainstream-Renaissance der schönsten Hauptsache der Welt rechnen? Zu Wünschen wäre es dem Film auf jeden Fall. So einfach sollte ein Medium eine seiner schönsten und stärksten Seiten nicht aufgeben.

Felt Trailer.

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