A Game of Fans: Eine kleine Geschichte der modernen TV-Serie

Tobias Heidemann 1

Wieder ein neues Rätsel. In der aktuellen Folge von „Game of Thrones“ wurde das Publikum der erfolgreichen Fantasy-Serie Zeuge einer rätselhaften Sequenz. Die Figur Bran hatte eine Vision. Bilder aus teilweise weit zurückliegenden Episoden wurden rasant und symbolträchtig aneinandergereiht. Ein wahnsinniger König, ein grünes Feuer, eine Enthauptung, ein Drachenbaby, ein Fenstersturz und so weiter – die Ambivalenz dieser Bilderflut ist vorsätzlich. Sie ist die Reaktion einer Industrie, die langsam zu verstehen beginnt, was ihre Kunden wollen. Nur wenige Minuten nach ihrer Ausstrahlung wurden die ersten Fan-Analysen der besagten Szene ins Netz gestellt. Jedes Wort, jeder Frame wird akribisch decodiert. Die Fan-Maschine arbeitet auf Hochtouren und schon bald wird sie neuen Stoff brauchen. 

Es ist eine gemeinsame Suche nach Bedeutung. Wenn sich Reddit-User über die philosophischen Implikationen der Episoden-Titel von „Fargo“ austauschen oder sich ein Heer von „Walking Dead“-Fans über eine knarzende Audiospur aus dem Staffelfinale stürzt, dann gehen sie gemeinsam in die Tiefe. Sie folgen nerdigen Instinkten, neuen Threads, roten Pfeilen und gelben Kreisen, um den tieferen Wert ihrer Unterhaltung freizulegen. Millionen Zuschauer suchen heute nach etwas, das mehr ist als bloß Fernsehen.

Fan-Theorien: Zeichen der Zeit

Die Zeichen der Zeit sind nicht schwer zu deuten. Das moderne Publikum will teilhaben, Einfluss ausüben, sich in einer aktiven Community engagieren und Teil von etwas sein, das größer ist als der schöne, neue Flatscreen im Wohnzimmer. Fan-Theorien stellen einen massiven Trend innerhalb unserer Medienlandschaft dar. Es ist ein Trend, der schon jetzt das Storytelling in TV-Serien verändert hat und uns zugleich erste Hinweise auf die Serien von morgen geben kann.

Um diesen Trend besser zu verstehen, lohnt ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Die Vorbedingung dieses erstaunlichen Wandels war, dass die Serien erst einmal besser wurden. Oder sagen wir komplexer.

Dass Frank Underwood uns etwa in „House of Cards“ direkt anspricht, dass wir in „True Detective“ auf mehreren Zeitebenen unterwegs sind, dass das Ende von „The Missing“ schmerzhaft offen bleibt oder dass wir in Serien wie „Game of Thrones“, „Breaking Bad“ und „Mad Men“ eine verschachtelte Erzählstruktur mit etlichen Nebenfiguren präsentiert bekommen, das kommt alles nicht von ungefähr, sondern ist Ausdruck einer zunehmenden Komplexität des Geschichtenerzählens.

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25 Bilder, die zeigen, wie es hinter den Kulissen von Game of Thrones wirklich aussah.

Früher war alles schlechter: Die 90er

Einfach gesagt: Die Serien von heute beherrschen mehr Erzähltechniken und muten ihren Zuschauern auch deutlich mehr zu als das etwa die Serien der 90er Jahre noch taten. Ja, es gab mit „Akte X“ oder „Twin Peaks“ natürlich auch Ausnahmen, doch das Gros der Serien von damals funktionierte mit seinen gestelzt rekapitulierenden Dialogen und lediglich episodenlangen Handlungsbögen auf einem sehr viel schlichteren Niveau.

Und damit nicht genug. Galt in den 90er Jahren der möglichst reibungsarme Massen-Appeal einer Serie noch als Maß aller Dinge, so setzen die Programmplaner von heute ganz bewusst auf  kontroverse Nischen. Hier warten nämlich die besseren Fans. Engagierte Fans, um genau zu sein, Fans, die auch wirklich mitmachen wollen, die sofort Wikis zu ihrem Lieblingshobby anlegen, Remixen, Recapen und Supercutten, und die die komplexen Aufgaben, die man ihnen in der Serie stellt, auch garantiert bearbeiten. Dass dieses neue Publikum überhaupt existiert, ist dabei in erster Linie der technologischen Entwicklung zu verdanken.

Box-Sets und VoD: Technik, die begeistert

DVD-Boxen und Video-on-Demand ermöglichten einen sehr viel engeren Kontakt zu den Serien. Wer etwas nicht verstanden oder schlichtweh vergessen hatte, sah sich die entsprechende Folge eben noch einmal an. Kling banal, war aber eine kleine Revolution. Plötzlich stellten Handlungsbögen, die sich über eine ganze Staffel erstreckten kein Hindernis mehr dar. Die Zahl der Nebenfiguren wuchs, die Dialoge verabschiedeten sich von ihrer Aufgabe, an Zurückliegendes zu erinnern und Ambivalenz war nun auch kein Fremdwort mehr.

Schließlich war es dickköpfigen Geschichtenerzählern wie J.J. Abrams („Lost), David Chase („Die Sopranos“), Mitchell Hurwitz („Arrested Development„), David Simon („The Wire“) oder auch Joss Whedon („Buffy“) und Ronald D. Moore („Battlestar Galactica“) zu verdanken, dass sie die veränderten Bedingungen für ihre Projekte zu nutzen wussten.

Heute brüsten sich Sender wie AMC mit Prestigeprojekten wie „Breaking Bad“, einer Serie, die mit ihrer erzählerischen Komplexität, nebulösen Thematik und zwiespältigen Moralität vor 15 Jahren garantiert im Mülleimer gelandet wäre. Tatsächlich erzählt Vince Gilligan, der Schöpfer der Serie, gerne und ausführlich davon, wie oft er mit seinen Projekten damals bei den Produzenten abblitzte.

Der Schwarm will mehr: Fan-Theorien als digitale Teamarbeit

Womit wir mittendrin wären, im „Goldenen Zeitalter der Serie“. Hier treffen die komplexen Erzählweisen nun auf aktive Online Communities, die sich täglich über die Bedeutungen von Serien austauschen wollen. Das vorläufige Ergebnis dieser historischen Dynamik: Die Fan-Theorien.

Fan-Theorien sind digitale Teamarbeit. Hinweise werden gesammelt, Spuren gedeutet, Register verknüpft, Thesen aufgestellt und Prognosen gemacht. Am Ende steht die Theorie. Und das binnen weniger Stunden.

Fan-Theorien, oder „Forensic Fandom“ wie der in diesem Feld führende Kulturwissenschaftler Jason Mittell das Phänomen zu beschreiben versucht, das bedeutet ein intelligenter Schwarm, der unnachgiebig um eine TV-Serie kreist und gemäß seiner Interaktivität über quasi endlose Ressourcen bei der Entschlüsselung ihrer Codes verfügt.

 

Und nun wird die Sache wirklich interessant: Galten Komplexität, Ambivalenz und Metaphorik wie oben beschrieben in der Serienlandschaft einst als unbedingt unerwünscht – stellen Fan-Theorien bzw. „Forensic Fandom“ diese gestrigen Erzählweisen nun massiv in Frage. Der Schwarm will mehr. Mehr Hinweise, mehr Rätsel, mehr epische Vorausdeutung, mehr Mysterium, mehr Lore, mehr Welt, mehr geteilte Universen, mehr Meta.

Die gemeinsame Detektivarbeit der Serien-Communities wird dabei immer mehr zu einer Schnitzeljagd durch die Popkultur. Vordergründigere Objekte wie etwa „The Big Bang Theory“ oder „The Walking Dead“ werden von den heuschreckenhaften Bedeutungsjägern förmlich übermannt. Die Aufgaben sind hier auf Dauer nicht groß genug. Ihr Bedeutungshorizont ist zu schnell abgrast. Die Suche nach neuen Serien, die mehr bieten hat damit offiziell begonnen.

Die Next-Gen Serie: Lost 2.0?

Wie könnte eine solche Serie aussehen? Das ist die derzeit wohl spannendste Frage. Leider wird sie momentan viel zu selten gestellt.

Der Trend des „Forensic Fandom“ führt uns seiner Logik folgend zunächst zu einer Art „Lost“ 2.0. Die Serie der Zukunft sollte sich demnach die Tugenden der erfolgreichen Mystery-Serie einverleiben, um sie dann zeitgemäß zu erweitern. Sie darf sich also nicht zu schnell dingfest machen lassen, muss grundsätzlich offen und flexibel konzipiert sein, muss Fan-Theorien ganz konkret in die Handlung einarbeiten und sollte generell blitzschnell auf Fan-Aktivitäten reagieren können. So weit, so kompliziert.

Reaktionen auf die Bewegungen innerhalb der Serien-Communities, wie etwa die Rückkehr eines verstorbenen Charakters oder die gezielte Produktion von Meme-tauglichem Material, sind in modernen Serien bereits gang und gebe. Hier ließe sich also durchaus anknüpfen. Allerdings stellen die straffen Produktionsabläufe und die Staffel-Struktur derzeit noch eine gewaltige Hürde für die Weiterentwicklung dieser interaktiven Ansätze dar.

Neben dem engen Zeitrahmen bei der Herstellung von TV-Serien stellt zudem die narrative Manövrierbarkeit eine gewaltige Herausforderung für die Serie von Morgen dar. Wie soll man interaktiv erzählen? Selbst innovative Games wie etwa „The Walking Dead“ finden auf diese Frage nur leidlich befriedigende Antworten.

Vielleicht hilft auch hier ein Blick zurück. Ähnlich wie bei den in den 70er Jahren aufgekommenen Pen & Paper Rollenspielen könnte es schon bald darum gehen, die Storybögen und Charakterentwicklungen in möglichst breiten Bahnen zu halten, ohne dabei die essenzielle Botschaft und die Komplexität des „Abenteuers“ aus den Augen zu verlieren. Die Serienschöpfer als „Meister“ der Erzählung, der Zuschauer als deren „Spieler“. Überhaupt scheint eine interaktive Umdeutung des Verhältnisses von Serienmachern und ihrem Publikum schon lange überfällig. Leider sträuben sich die Showrunner noch zu sehr davor, neue Technologien in ihr Storytelling einzubinden. Womit eine weitere Hürde identifiziert wäre.

Doch es gibt Möglichkeiten. Während die schon vor Jahren prognostizierte Einflussnahme über die Soziale Medien noch sehr indirekt und gemächlich vonstattengeht, ließe sich mit guten Virals, Votings, exklusivem Content – etwa auf Second Screens – oder gar der gezielten Unterwandung der Fansbase schon jetzt viel erreichen. Man stelle sich zum Beispiel vor, der entscheidende Hinweis für die Deutung einer zentralen Szene im Staffelfinale von „The Walking Dead“ würde sich auf dem Handy eines zufällig ausgewählten Fans befinden!

Der Hype um Fan-Theorien und die erzählerische Partizipation von Online Communities stellt einen essentiellen Wandel im Zuschauerverhalten aus, auf den die Serienmacher bisher viel zu wenig und viel zu eindimensional regiert haben. Die erste Serie, die sich darauf versteht, das ungeheure, kreative Potential hinter diesem Trend zu entfesseln, wird das Tor zu einer neuen Ära weit aufstoßen.

Zu welchem Game of Thrones-Haus gehörst du? (Quiz)

Zu welchem adeligen Haus in der Welt von Game of Thrones gehört ihr? Stark, Baratheon, Lannister oder doch Targaryen? Mit diesem ausführlichen Quiz-Test könnt ihr es herausfinden.

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