Spassbusters: Wie man nicht an der sexistischen Hetze gegen die neuen Ghostbusters verzweifelt - Eine Anleitung

Tobias Heidemann 26

Allzu lange kann es nicht mehr dauern. Wenn alles nach Plan läuft, dann haben wir uns in einer nicht mehr ganz so fernen Zukunft alle ganz furchtbar lieb. Aufgeklärt, empathisch, respektvoll und dennoch unheimlich entspannt wird es sein, das Miteinander in der Internetwelt von morgen. Doch bis es soweit ist, wird es nochmal richtig krass scheiße. Auftritt: „Ghostbusters“.

Kaum ein anderer Film eignet sich derzeit besser, um endgültig an der Netzkultur zu verzweifeln. Während die meisten Filme gerade einmal eine Kontroverse ihr Eigen nennen dürfen, hat es Paul Feigs „Ghostbusters“ bis dato schon auf sage und schreibe drei Shitstorms gebracht. Sexismus, Rassismus und natürlich der gute alte Remake-Hass. Das muss irgendein neuer Rekord sein.

Ghostbusters 3 - Trailer.

Am Anfang war alles noch ganz harmlos. Nachdem das Projekt von der Mitwirkung seiner alten Stars (Bill Murray, Dan Aykroyd, Harold Ramis, Ernie Hudson) weitgehend befreit wurde, tauchte es mit den Gerüchten um ein komplett neues Team unternehmungslustig aus der Versenkung auf. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Beteiligten noch guter Dinge.

Gut, ein paar voreilige Entgleisungen von ultra-nostalgischen Kindheitskonservierern und das obligatorische Franchise-Gemecker hier und da, aber alles in allem hatte der geplante Reboot zu „Ghostbusters“ ein ziemlich gutes Karma.

Wobei die latente, nervliche Belastung von Sätzen wie „Die Vergewaltigung meiner Kindheit geht weiter – fick diese schwule Erde“ hier natürlich nicht unter den Kommentar-Tisch fallen soll. Doch irgendwie hat man sich mittlerweile so sehr an Vorverurteilungen, die ohne jedwede Grundlage ins Netz geballert werden gewöhnt, dass man sie einfach so hinnimmt. Wie schlechtes Wetter.

Von den üblichen Graupelschauern also einmal abgesehen, befand sich die digitale Blase, in welcher „Ghostbusters“ durchs Netz kommuniziert wurde, also in einem normal nervigen Zustand. Bis bekannt wurde, dass das neue Team aus Frauen bestehen würde.

Ghostbuster: „Fick diese schwule Erde“

Plötzlich war jeder News zum Film ein Sammelbecken epischer Niederträchtigkeit. Wird voll scheiße, garantiert ein Flop, Frauen können ja gar nicht kosmisch sein, Feministen-Müll, die politische Korrektheit hat mir den Spaß am Leben verdorben, mein Penis zu klein, bla bla bla. Man kennt das.

Oder besser, man kennt „die“, denn während die schweigende Mehrheit sich nach dem Bekanntwerden der Pläne für das neue Team wieder relevanteren Dingen in der Popkultur zuwandte, stellte der Sexismus-Mob den weiblichen Geisterjägern bis vor die Studiohaustür nach. „Die“ waren nämlich, wie viel zu oft in letzter Zeit, gekommen, um zu bleiben.

Und an diesem Punkt wurde die „Ghostbusters“-Story dann auch etwas Besonderes. Fast wöchentlich peitschten selbsternannte Video-Wertewächter ihre HD-Brandreden zum plötzlich feministischen „Ghostbusters“ durchs Netz. Wobei feministisch hier natürlich lediglich meint, dass im Film jetzt auch Frauen mitspielen – was ein tatsächlich feministischer Film ist, davon haben die dauerhaft Empörten erstaunlicher Weise nicht die geringste Ahnung. Doch das nur am Rande.

Bild 2
Sehen und lesen wollten dieses „Ghostbusters“-Rants jedenfalls nur jene, die sich durch die Besetzung von Frauen in ehemals von Männern gespielten Rollen so sehr bedroht oder tangiert fühlen, dass sie ihre Angst vor Veränderung mit anderen teilen müssen.

Das dürfte in etwa der gleiche Typus Mensch sein, der schon im vergangenen Sommer „Mad Max: Fury Road“ unter lautem Tohuwabohu boykottierte, weil dort Charlize Theron so viel Screentime bekam wie Tom Hardy. Doch die Hetze gegen die neuen „Ghostbusters“ war im Kern noch ein Quäntchen ätzender und klebriger als der armselige Boykott des diesjährigen Oscar-Abräumers „Fury Road“.

Reine Männersache!

„Ghostbusters“, das war, mehr noch als „Mad Max“, eine reine Männersache. Frauen hätten hier absolut nichts zu suchen, so das vielerorts zu vernehmende Ressentiment. Der Grund für diese erstaunlich tief sitzende Überzeugung, die Quelle für den enormen Widerstand ist derweil sehr schnell gefunden: Der erste „Ghostbusters“ ist in seiner Natur als „klassischer Männerfilm“ einfach ein ziemlich sexistischer Streifen. Ist so.

Um das zu erkennen braucht man weder einen Doktortitel noch eine „Feministen-Brille“. Es ist für alle ersichtlich und zudem in x-facher Ausführung filmwissenschaftlich herausgearbeitet worden. Dass der Film auf einem sexistischen Bias ruht, dass er ein sexuell extrem tendenziöser Männerfilm ist, dass die „Ghostbusters“ eine verschwörerische Männerbande bilden, das konnte man damals durchaus schon als Teenager begreifen.

I-came

Ich selbst habe diesen Lieblingsfilm meiner Jugend mindestens vierzehn Mal gesehen und war mir seiner sexistischen Lausbuben-Mentalität stets bewusst. Ich meine, es ist ein Film, in welchem vier Jungs, ihre „Strahle“ kreuzen, um eine heiße, interdimensionale Biene in die Knie zu zwingen. Der Subtext von „Ghostbusters“ ist alles andere als subtil.

Weniger komisch wird „Ghostbusters“ dadurch aber auch nicht. Der Film bleibt ein Klassiker. Sexistisch, aber eben gut. Und jetzt?

Widersprüche, Leute. Lernt mit ihnen zu leben!

Worauf ich hier heute hinaus möchte – auch wenn es dieses Mal etwas gedauert hat, um dort anzukommen: Widersprüche, Leute. Lernt mit ihnen zu leben!

Das Ertragen von Widersprüchen scheint in der aktuellen Netzkultur ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein. Was wirklich fatal ist, denn wie auch unser Alltag voller verdammter Widersprüche ist, so ist es eben auch unsere Popkultur. Und die soll uns den Alltag ja eigentlich verschönern.

Mit anderen Worten: Man darf die alten „Ghostbusters“ ruhig weiter mögen, obwohl sie in Sachen Sexismus ein paar sehr problematische Töne anschlagen. Man darf aber auch die von der schwarzen Komikerin Leslie Jones gespielte Rolle der „Patty“ im Jahr 2016 als tendenziell rassistisch begreifen und trotzdem Spaß im Kino haben. Und man darf dummerweise auch grundsätzlich ein ziemlich netter Kerl sein und sich dennoch stundenlang darüber aufregen, dass in dieser Komödie nun plötzlich Frauen die Hauptrollen spielen.

Man darf das alles dürfen! Auch wenn es schwer fällt, das zu akzeptieren. Wir müssen unbedingt lernen, im Netz mit solchen Widersprüchen zu leben, anstatt sie mit aller Macht aus der Welt schaffen zu wollen. Die bleiben nämlich. Sie sind Teil eines kulturellen Wandels und der lässt sich weder aufhalten, noch blockieren. So lange wir unsere Probleme mit diesem Wandel anständig und respektvoll artikulieren, ist eben alles erlaubt. Weigern wir uns allerdings, mit den Widersprüchen da draußen zu leben, wird unserer digitales Miteinander noch ziemlich lange ziemlich scheiße sein. Versprochen.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung