Guardians of the Galaxy Filmkritik: Viel gelacht - kaum gestaunt

Tobias Heidemann 7

Wenn erwachsene Männer bei der Betrachtung abgefilmter After-Credit Szenen ihren zweiten Stimmbruch erleiden, wenn Hollywoods Studiobosse argwöhnisch auf die Disney-Aktie schielen und sich die Geek-Gurus dieser Welt gegenseitig mit vorzeitigen Ergüssen über die totale Traumerfüllung überbieten, dann ist es mal wieder so weit:  Marvel öffnet sein schwarzes Sommerloch und Millionen Kinogänger erliegen seiner Gravitation.

Guardians of the Galaxy Filmkritik: Viel gelacht - kaum gestaunt

„Guardians of the Galaxy“ heißt der neuste Streich des erfolgsverwöhnten Studios. Auch der nunmehr zehnte Film der US-amerikanischen Produktionsfirma ist natürlich wieder nach der hinlänglich bekannten Super-Rezeptur gebraut. Und doch startet Guardians of the Galaxy unter leicht veränderten Vorzeichen.

Nicht nur stellt die unwahrscheinliche Gurkentruppe um den verwaisten Erdling Peter Quill Marvels ersten Lakmustest in den trüben Gewässern der zweiten Helden-Reihe dar - außerhalb der Comic-Szene war die Marke bisher nahezu unbekannt. Mit dem treffsicheren Trailer dürfte es dem Studio zudem wohl auch gelungen sein, zuvor verprellte Kinobesucher wieder zurück an die Kinokassen zu holen. Die schrullig-verspielte Anarcho-Charm-Offensive des Trailers traf jedenfalls mitten ins Schwarze und ließ den Hype auf IMDB zwischenzeitig auf 9,7 Punkte klettern.

Auch ich bekenne mich der unverhältnismäßigen Vorfreude schuldig, versprach mir der Trailer doch nicht nur die überfällige Abkehr von der zuletzt arg springenden Superhelden-Platte, sondern darüberhinaus auch die Rückkehr eines viel zu lange verschollenen Lieblings-Genres: Endlich mal wieder eine klassische Space-Opera! Ein lässiger Abenteuerfilm, der die Ketten der irdischen Konventionen sprengt und sich in den unendlichen Weiten des Weltalls mal so richtig austoben darf. Blaster, Aliens, Schurken, Raumschiff-Schlachten und abgefahrene Schauplätze, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat.

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Diese Star-Wars-Schauspieler sind zugleich Marvel-Superhelden .

Endlich wieder Space-Opera?

Die ersten Minuten von „Guardians of the Galaxy“ lassen diesen in den 80er Jahren populären Kino-Traum tatsächlich wahr werden. Nach einer tollen weil sofort ergreifenden Exposition surft „Guardians of the Galaxy“ mit einer ansteckenden Leichtigkeit auf eine Awesome-Welle aus kindsköpfiger Naivität und 80ies Soundtrack in Marvels erweitertes Comic-Universum. Das zaubert ein breites Lächeln aufs Gesicht.

Auch der freche und etwas schrullige Grundton des Streifens scheint zunächst wunderbar aufzugehen, da er sich clever mit dem Innenleben seiner Hauptfigur verknüpft hat. Regisseur James Gunn (u.a. “Super - Shut Up, Crime!“, “Slither“) inszeniert seinen im Kindesalter entführten Protagonisten Peter Quill (Chris Pratt) nämlich als eine Art Badass-Peter Pan. Warum überhaupt erwachsen werden, das scheint sich Quill zu fragen, wenn er doch die schlimme Realität seiner irdischen Herkunft einfach gegen die fabelhafte Welt einer trashigen Sci-Fi-Vorabend-Serie eintauschen kann. Quill ist zu Beginn kein Held, er spielt ihn vielmehr.

Ein Großteil von „Guardians of the Galaxy“ erschöpft sich so auch darin, dass wir seinem Hauptdarsteller dabei zuzusehen dürfen, wie er sich in ansehnlichen Montage-Sequenzen durch seinen intergalaktischen Abenteuerspielplatz trollt, während ihm sein antiquierter Walkman den passenden Groove dafür vorgibt. Fast könnte man sagen, Regisseur Gunn hat weniger die Comic-Vorlage selbst verfilmt als vielmehr die rege Fantasie eines kleinen Jungen, der gerade ein Star-Lord Comic liest. Eine sehr sympathische Idee, die uns statt eines abgekochten Han Solo-Charakters einen frechen Kindskopf zeigt, der sich in seinem Jugendzimmer-Raumschiff diebisch über pop-kulturelle Referenzen freut, die außer ihm keine Sau versteht.

Guardians-Of-The-Galaxy-Peter-Quill-Gamora-Rocket-enter-Kyln-Prison

Bei der Präsentation seines üppigen Universums trifft „Guardians of the Galaxy“ ebenfalls ein paar sehr richtige Entscheidungen. Nova Corps, Xandar, Thanos, Korath - die Schlagzahl mit der neue Schauplätze, Organisationen und Figuren eingeführt werden, kann schon ein wenig schwindelig machen. Zum Glück wird dabei nicht erst alles umständlich erklärt, sondern vielmehr einfach drauf los gemacht. Genauso macht man gute Science-Fiction.

Der für den Marvel Cosmos gewählte krachig-bunte Popcorn-Look dürfte sich wohl eher als eine Geschmackssache erweisen. Mir kam der Look des Films bisweilen wie eine etwas zu entgrenzte Color-Grading Party mit anschließerder Katerstimmung vor. Da wäre weniger mehr gewesen. Comics mögen bunt sein, der Film sollte trotzdem immer seinen eigenen Ton finden.

Inhaltlich hätte es dafür ruhig etwas mehr sein können. Ein paar mehr Details und Charakterisierungen aus dem großen Archiv der Vorlage hätten „Guardians of the Galaxy“ gut getan. So bleibt von dem berühmt-berüchtigten Kyln-Gefängnis zum Beispiel kaum mehr übrig als das, was einem Set-Designer eben bei dem Wort “Space-Knast“ so alles einfällt. Hier wurde zu viel Potential liegen gelassen.

Mieser Bösewicht und Second-Hand Story

Dass es die Autoren mit der Vorlage nicht sehr genau nehmen würden, war zu erwarten und stellt an sich auch kein Problem dar. Warum man sich aber bei der Wahl des großen Gegenspielers der Guardians für eine ärgerlich unterbelichtete Version des Kree-Scharfrichters Ronan und gegen all die anderen hervorragenden Villains im Marvel Cosmos entschieden hat, will mir nicht in den Kopf.

Mit Lee Pace´ unmotiviert herumpöbelnden Ronan ist so auch die erste richtige Schwachstelle des Streifens ausgemacht. Seine Szenen erinnern eher an ein überambitioniertes Cosplay-Video, denn an die Inszenierung eines glaubwürdigen Bösewichts. Eine tatsächliche Interaktion mit unseren Antihelden bleibt bis zum Finale gleich ganz aus. Bis auf einen wenig spektakulären Mini-Kampf mit einem Mitglied der Guardians darf Ronan nur gelegentlich schlecht gelaunt ins Bild bellen und soll dabei offenbar gefährlich wirken. Das tut er nicht. In der Konsequenz kommt bis zur obligatorischen Final-Schlacht so gut wie keine Spannung auf. Was insbesondere in der zweiten Hälfte des Films zu einem echten Problem wird.

Noch schwerer als der schwache Bösewicht wiegt indes das dreiste Plot-Recycling aus mindestens vier bereits veröffentlichten Marvel-Filmen. Auch wenn sich mittlerweile herum gesprochen haben dürfte, dass Marvel nach und nach den Infinity Gauntlet  zusammenbaut und uns deshalb jedes verdammte Mal irgendeinen super mächtigen Gegenstand als das einzige (!) Plot-Vehikel verkauft (Hust MacGuffin Hust) -  ein bisschen mehr Ideenreichtum darf man bei der Umsetzung dieser schlichten Formel dann doch erwarten. Oder eben nicht. Nach dem “Tesseract“ und dem “Aether“ ist es also nun der “Orb“, der die Handlung in „Guardians of the Galaxy“ vorantreiben soll. Mehr als ein schlechter Platzhalter für eine gute Geschichte ist dieser Orb leider nicht.

Guardians-of-the-Galaxy-Ronan-and-Nebula

Fazit

„Guardians of the Galaxy“ macht mächtig Spaß. Statt mit einer aufregenden Space-Oper nach den Sternen zu greifen werden hier gekonnt die Schenkel im Komödien-Register geklopft. Und so ist es dann auch in erster Linie der freche und elegante Humor, der diesen durch und durch unterhaltsamen und sympathischen Ensemble-Film über seine 120 abwechslungsreichen Minuten trägt.

Unter der Last etlicher gut platzierter Lacher und cleverer Seitenhiebe gehen der Action-Komödie allerdings auch die emotionale Bodenhaftung und vor allem die Spannung über weite Strecken etwas verloren. Wenngleich die Abkehr von der seit dem Dark Knight im Comic-Genre allgegenwärtigen Ernsthaftigkeit durchaus erholsam wirkt, vermag „Guardians of the Galaxy“ aufgrund seiner Second-Hand Story und seines miesen Bösewichts selten wirklich zu fesseln.

Was trotz dieser Schwächen bleibt, ist ein wirklich lustiger und charmanter Film, der mich schon jetzt mit großer Vorfreude auf die bereits angekündigte Fortsetzung hoffen lässt.

rating7

 

Details zur Blu-ray von „Guardians of the Galaxy“

Wer sich die Blu-ray von „Guardians of the Galaxy“ zulegt, wird mit einigen detailreichen Extras belohnt. Neben dem üblichen, hochauflösenden Bild entpuppt sich der Ladebildschirm, wie auch das Menü als Radioplayer mit dem Awesome-Mix-Tape. Dort findet ihr den Reiter mit den Extras, in welchem ihr folgende Features findet:

  • Featurettes:
    • Eine Führung durch die Galaxie mit James Gunn“ - Interview mit dem Regisseur, dem Cast und Crew-Mitgliedern (21 Minuten)
    • Intergalaktische Visuelle Effekte für Guardians of the Galaxy“ - u.a. Wie Rocket zum Leben erweckt wurde und was ein echter Waschbär dazu beitragen konnte (7 Minuten)
    • Vorschau für „Avengers 2: Age of Ultron“ - Interview mit Cast & Crew
  • Audiokommentar von James Gunn
  • Pannen vom Dreh
  • Zusätzliche und erweiterte Szenen:
    • Fake-Laugh (spricht für sich)
    • Tanzende Wärter (Was passierte eigentlich mit Star Lords Walkman während der Kyln-Sequenz?)
    • Schwesterliebe (eine weitere Auseinandersetzung zwischen Gamora und Nebula)
    • Nein. Ich bin der Dumme. (Eine fantastische Rocket- und Groot-Szene, die allerdings noch nicht final ist. So könnt ihr mal sehen, was die Entwickler am Rechner sehen.)
    • Das Kyln (Mehr von John C. Reilly als Corpsman Dey)

Wenn ihr vom Superhelden-Abenteuer des Jahres 2014 nicht genug bekommen könnt, lohnt diese Disc allemal. Besonders die Featurettes, die Interviews beinhalten und auf die technischen Umsetzungen verweisen, bieten spannende Einblicke.

 

Guardians of the Galaxy - Trailer 3 Deutsch.

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