Höhere Gewalt - Kritik

Marek Bang

Warum das schwedische Familiendrama „Höhere Gewalt“ keine leichte Kost ist und mitunter schmerzhaft daherkommt, einen Kinobesuch aber dennoch lohnt, könnt Ihr in unserer Kritik zu „Höhere Gewalt“ nachlesen.

Höhere Gewalt - Trailer deutsch.
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In Schweden wurde bereits darüber entschieden, welcher Film für das skandinavische Land in das Rennen für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film gehen wird. Dabei fiel die Wahl auf Ruben Östlunds Familiendrama Höhere Gewalt“, das bereits in Cannes mit dem Preis der Jury in der Nebenreihe Un certain regard ausgezeichnet wurde und einige schmerzhafte Fragen zu unseren heutigen Geschlechterrollen aufwirft.

Der überarbeitete Familienvater Tomas (Johannes Bah Kuhnke) nimmt sich eine Woche frei, um mit seiner vierköpfigen Familie in den französischen Alpen zu urlauben. Angemietet ist ein Luxushotel mit allem, was das Herz begehrt, doch so recht mag keine gelöste Stimmung aufkommen. Während einer Rast auf einer Bergterrasse kommt es dann zu einem einschneidenden Ereignis, das die Beziehung von Tomas zu seiner Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli) sowie das gesamte Familienleben auf das Tiefste erschüttern wird. Eine kontrolliert gesprengte Lawine gerät bedrohlich nah an die urlaubende Familie und plötzlich hat sich ein Schleier aus undurchsichtigem Schnee über alle Gäste der Terrasse gelegt. Panik bricht aus und Ebba fürchtet um ihr Leben sowie das ihrer Liebsten. Doch während die Mutter instinktiv nach den Kindern greift, um sie in Sicherheit zu bringen, schnappt sich ihr Ehemann sein Handy und rennt ohne Rücksicht auf Verluste weg.

Nur durch Glück bleiben alle Beteiligten unverletzt. Doch das eigentliche Drama von „Höhere Gewalt“ beginnt erst nach der Beinahe-Katastrophe. Tomas und Ebba haben die Ereignisse völlig unterschiedlich wahrgenommen und begegnen sich nun mit einer unbehaglichen Mauer aus Schweigen und Verdrängen. Ein gemeinsamer Abend im Restaurant mit zwei Zufallsbekanntschaften gerät zu einem handfesten Eklat, denn die traumatisierte Ebba findet nun die Kraft, das auszusprechen, was sie bedrückt. Sie wirft Tomas vor versammeltem Lokal lautstark vor, sie und seine Kinder auf egoistische Weise im Stich gelassen zu haben. Fortan begegnet die Familie ihrem eigentlichen Oberhaupt mit einer Mischung aus Verwunderung und Verachtung. Als die Freunde Mats (Kristofer Hivju) und Fanny (Fanni Metelius) zu Besuch kommen, beginnt eine existenzielle Diskussion über Urinstinkte, Verantwortungsbewusstsein und Loyalität, aus dem letztlich niemand als Sieger hervorgehen kann.

Höhere Gewalt - Skandinavischer Urlaub im frostigen Stil eines Michael Haneke

Regisseur Ruben Östlund setzt gleich zu Beginn seiner präzisen Charakterstudie den Ton für sein Drama und präsentiert dem Zuschauer lange totale Einstellungen mit traumwandlerischen Bildern aus der verschneiten Bergwelt und mischt sie mit sehr realistisch anmutenden Aufnahmen frustrierter Kinder, die mit den Freuden des Skifahrens noch nicht allzu viel anzufangen wissen. Es wird schnell klar, dass der Zuschauer von „Höhere Gewalt“ Geduld mitbringen muss und es bald ans Eingemachte geht. Das bisweilen quälend langsame Tempo des Films erinnert rasch an die Psychodramen eines Michael Haneke und wer mit dessen drastischen Charakterstudien „Caché“ oder „Der siebente Kontinent“ vertraut ist, dem wird  beim Angesicht des Paares im emotionalen Ausnahmezustand und den zunehmend unglücklicher porträtierten Kindern etwas mulmig.

Die geschickt eingesetzten Nebenfiguren verschaffen dem Publikum einen kleinen Moment des Durchatmens, was vor allem am Auftritt von Kristofer Hivju als Waldschrat Mats liegt, doch die minimale Auflockerung ist so schnell verflogen wie sie gekommen ist. Der diplomatische Mats versucht zu vermitteln und rät dem völlig verunsicherten Tomas zu einer Art Urschreitherapie. Doch dessen Emotionen explodieren zu einem späteren Zeitpunkt und sorgen unter anderem auch dafür, dass der Zuschauer diesen Film nicht so schnell vergessen wird.

Fazit:

Ruben Östlund bietet mit  „Höhere Gewalt“ ein intensives Familiendrama mit hervorragend agierenden Schauspielern, die das manchmal arg sperrige Kammerspiel zu ganz großem Kino verwandeln. Michael Haneke und seine oft verstörenden Filme sind allgegenwärtig zu spüren, doch die Intensität des österreichischen Oscarpreisträgers erreicht der mögliche schwedische Oscar-Anwärter nicht ganz. Dennoch gelingt ihm ein zutiefst authentischer Film über eine Situation, die jedem von uns passieren könnte, was die Betrachtung des Filmes auch an vielen Stellen extrem schmerzhaft macht. Wer sein Popcorn aber zu Hause lassen kann und sich auf einen fordernden, kantigen und letztendlich zutiefst überzeugenden Film einlassen möchte, dem sei diese am 20.11.2014 in unseren Kinos startende Perle aus Skandinavien trotz des frostigen Themas wärmstens empfohlen.

rating8

 

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