Inherent Vice: Natürliche Mängel - Kritik

Christoph Koch
INHERENT VICE Trailer Deutsch German & Kritik Review | Joaquin Phoenix 2015 [HD].
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Der neue Film „Inherent Vice“ von Regisseur Paul Thomas Anderson ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Thomas Pynchon aus dem Jahre 2009. Allein diese Adaption an sich gebührt schon eine Menge Mut, denn niemand zuvor wagte sich an eine Verfilmung eines Romans von Pynchon, da sie durch ihre Komplexität und den eigenen Erzählstil als nahezu unverfilmbar galten. Wie gelang es also Paul Thomas Anderson diesen Roman auf die Leinwand zu verfrachten? Um es kurz zu machen: Der Zuschauer muss eine Menge Aufmerksamkeit und Konzentration mitbringen, um „Inherent Vice“ in seiner Gänze zu erfassen.

Dabei ist die Geschichte von „Inherent Vice“ im Vergleich zu den restlichen Werken des Autors noch relativ leicht verfolgbar. Das hat zwar nicht viel zu sagen, doch immerhin gelingt es dem Zuschauer bei „Inherent Vice“ im Verlaufe der Geschichte immer mal wieder einige Fäden der Story aufzugreifen und auch gebannt zu verfolgen. Im Mittelpunkt steht der Gras-rauchende Hippie Doc Sportello (Joaquin Phoenix), der als Privatdetektiv in South Bay lebt und sich mit dem ein oder anderen Auftrag über Wasser hält.

Doch eines Tages steht plötzlich seine Ex-Flamme Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston) in seinem Türrahmen und bittet den eigentlich immer ziemlich entspannten Ermittler um Hilfe. Ihr neuer Liebhaber, der Immobilienhai Micky Wolfman (Eric Roberts), ist das Ziel eines perfiden Plans, den Wolfmans Frau und ihr Liebhaber ausgetüftelt haben und bei dem Shasta zwischen den Parteien steht. Doc fackelt nicht lange und startet die Ermittlungen, um das schlimmste abzuwenden, doch schon nach kurzer Zeit und einigen Joints später spielen plötzlich die Black Panther, Nazi-Biker, Drogenbarone, FBI-Agenten, perverse Zahnärzte und eine LAPD-Verschwörung eine Rolle und Doc weiß nicht, wo ihm der Kopf steht. Doc sticht immer weiter im Nebel aus Mysterien und Drogen vor, doch mit jedem neuen Fortschritt im Fall kommen die nächsten Probleme auf ihn zu, die alles noch viel komplizierter machen.

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Inherent Vice - Zwischen Wahnsinn und Realität

Jede neue Lösung im Fall rund um Shasta, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt scheint, fördert ein neues Problem zu Tage bis nicht nur Sportello, sondern auch dem Zuschauer langsam aber sicher der Überblick flöten geht. Die Erzählung wird immer nebliger, undurchschaubarer und komplexer, obwohl eigentlich nur ein Dialog auf den nächsten folgt, doch der Weg führt eben nie geradeaus, sondern nimmt jede mögliche Abzweigung. Der Zuschauer bekommt dabei immer nur wieder ein paar Bruchstücke serviert, die mal mehr, mal weniger zusammenpassen. Wie genau diese schlussendlich zusammengesetzt werden, ist der eigenen Vorstellungskraft überlassen, denn egal in welche Richtung man mitdenkt oder welchen Weg man bereit ist, als Zuschauer mitzugehen – es existieren viele Lösungen für diesen Fall.

Ähnlich wie der Doc werden wir als Zuschauer immer wieder herausgefordert selbst zusammenzusetzen, welche wichtigen Gesichter und Namen mit wem oder welcher Situation in Verbindung stehen, was auch unbedingt nötig ist, um am Ende nicht komplett den Überblick zu verlieren. Die Welt von „Inherent Vice“ hat keine Grenzen, geht unaufhaltsam ineinander über und jeder Dialog ist vollgepumpt von Doppeldeutigkeiten und Namen, wobei Menschen, Namen und Orte schneller ihre Identität wechseln, als man mitdenken kann.

Als Zuschauer fragt man sich schnell, ob es hier und da jetzt wirklich harte Fakten sind, die Doc verfolgt und die am Ende zu einer Lösung führen, oder ob sich der sympathische Hänger in Halluzinationen verliert. Kurz: Nach den stolzen 2 ½ Stunden „Inherent Vice“ haben wir als Zuschauer womöglich keine wirkliche Ahnung davon, was nun hier im Mittelpunkt stand und ob eine, finale Lösung des Falls existiert. Alles verschwimmt ineinander, verliert sich und taucht am Ende doch wieder auf.

Im dichten Nebel mit Joaquin Phoenix

Es ist toll zu sehen, wie es Paul Thomas Anderson gelingt, diese vernebelte Welt einer Dopers auf die Leinwand zu bringen, ohne Fantasy-Sequenzen oder überdrehte visuelle Effekte einzusetzen, die den Zustand seines Protagonisten verdeutlichen sollen. Dies ist auch gar nicht nötig, denn die Geschichte und Ereignisse tun ihr übriges, um für einige Fragezeichen im Gesicht zu sorgen. Joaquin Phoenix gibt den leicht verpeilt-vernebelten Ermittler mit solcher Hingabe, dass man als Zuschauer nicht viel mehr braucht, als in sein Gesicht zu schauen, um mit auf seinen Trip zu gehen. Phoenix spielt seinen Charakter Doc so herrlich frei und ungezwungen, dass sich die ganzen Kiffer/Stoner-Klischee Charaktere der Filmwelt da gehörig eine Portion abschneiden können.

„Inherent Vice“ ist bei weitem kein entspannter Trip, sondern komplex, fordernd und dabei doch immer wieder brüllend komisch. Der gesamte Cast, vor allem Josh Brolin als verbitterter Hippie-Hasser-Cop Bigfoot, erweckt die 70er Jahre in allen ihren Facetten und Eigenheiten mit sehr viel Charme und Witz zum Leben, doch ganz tief im Herzen ist der Film ein Krimi-Drama über die Flucht in eine Welt, in der die eigentliche Realität vielleicht nur noch am Rande eine Rolle spielt.

„Inherent Vice“ eignet sich durch seine wirr anmutende Handlung, die perfekt zum Kiffertum des Protagonisten passt, wunderbar zur mehrmaligen Sichtung und Szenen-Diskussion, denn es ist kein Leichtes herauszufinden, was dieser Fall rund um die schöne Shasta nun eigentlich ist und dies zusammen mit Doc auf dem ein oder anderen Weg herauszufiltern, macht wohl den größten Reiz dieser musikalisch wunderbar untermalten Krimi-Drama-Komödie aus.

rating7

 

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