J. Edgar - Filmkritik - Leo Di Caprio erfindet das FBI

David Hain 3

Er war einer der mächtigsten Männer Amerikas. Ohne je ein präsidiales Amt bekleidet, je ein Medienimperium gegründet, je ein PC-Betriebssystem erfunden zu haben. J. Edgar Hoover war der Vater der modernen Kriminalarbeit und der Gründer des FBI. Wann immer im Kino jemand einen Tatort betritt und Dinge sagt wie „Ihr Zuständigkeitsbereich endet hier – ab jetzt übernehmen wir“ oder Mulder und Scully die X-Akten öffnen, verdanken wir dies diesem Mann. Und trotzdem kennt ihn – außerhalb der USA – kaum ein Mensch.

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Das wird sich, der Wunderwaffe Biopic sei Dank, in Kürze ändern. Clint Eastwood, der Mann, der kürzlich schon Nelson Mandela zu filmischen Ehren verhalf („Invictus“), macht auf Geschichtsstunde, steckt Leonardo Di Caprio in einen Fatsuit sowie eine Latexmaske und hält die Kamera auf etwa 50 Jahre Wirken im Dienste des amerikanischen Staates.

„J. Edgar“ macht das, was alle Biopics machen und hangelt sich brav durch die verschiedenen Stationen von Hoovers Leben. Seine ersten Begegnungen mit Korruption bzw. bolschewistischen Kommunisten, sein Aufstieg zum Direktor des neugegründeten Bureau of Investigation und schließlich zur Schlüsselfigur in der Lösung einiger der größten Straffälle der USA. Anders als man hätte erwarten können, liegt der Fokus dabei jedoch nie auf dem FBI selbst, sondern ausschließlich auf Hoover.

Laut Eastwoods Werk war Hoover ein zutiefst verblendeter, von Selbstzweifeln und Komplexen zerfressener Mensch, dessen Erfolg im Beruf zu großen Teilen auf fast schon manischer Besessenheit vom amerikanischen Rechtsstaat beruht. Entsprechend ambivalent ist das Bild, das „J.Edgar“ von seiner Hauptfigur zeichnet: Selbst angesichts deutlicher Erfolge empfindet man für Hoover eher Mitleid denn Respekt.

Leonardo Di Caprio spielt diesen Mann, der bis ins hohe Alter von seiner Mutter regiert wurde und den Nationalhelden Melvin Purvis aus dem FBI entließ, weil der ihm im Rampenlicht der Presse die Show stahl, gewohnt brillant und leidenschaftlich. Dennoch hätte die Wahl hier kaum auf einen unpassenderen Schauspieler fallen können. Di Caprios jungenhafte Stimme plus Hollywoods letztes Babyface wollen einfach nicht zu einem alten, gebrochenen Mann passen.

Eastwood verweigert sich dabei zu großen Teilen klaren Statements. Dass Hoover in den Jahren seiner Amtszeit den Terminus „Kommunist“ für nahezu jeden Aggressor verwendet hat und dabei selbst soweit ging, ungeliebte Nebenbuhler oder innenpolitische Feinde mit öffentlicher Denunzierung unter Druck zu setzen, spricht der Film quasi im Vorbeigehen an, ohne dabei Stellung zu beziehen. Eastwood setzt eine gewisse Grundintelligenz seines Publikums voraus, die sich ihre Meinung bitteschön selbst bilden sollen.

Während er sich auf dieser Ebene in großer Zurückhaltung übt, belässt er andere Elemente Hoovers‘ Leben nicht so deutlich im Dunkeln. Bis heute halten sich hartnäckige Gerüchte, Hoover sei homosexuell gewesen und habe eine Beziehung zu seinem engsten Vertrauten Clyde Tolson geführt. Eastwood thematisiert diese Beziehung nicht nur sehr offen, er macht sie im letzten Drittel des Films sogar zum zentralen Punkt. In diesem Zusammenhang sei Armie Hammer („The Social Network“), Darsteller des Clyde Tolson, lobend erwähnt, der Di Caprio ordentlich Paroli bietet.

„J. Edgar“ wird so am Ende beinahe zur Lovestory. Einer sehr entschleunigten, weit entfernt vom schmalzigen RomCom-Einheitsbrei, aber eben auch von üblichen Biopic-Standards. Wer hier eine Adrenalinschleuder à la „JFK“ erwartet, wird schwer enttäuscht. Ebenso wie jene, die sich eine genaue Dokumentation der Entstehung des FBI gewünscht hätten. „J. Edgar“ fixiert sich völlig auf seinen Protagonisten, gibt sich geschwätzig, sehr intim, sogar ein bisschen sprunghaft. Das ist nicht völlig spannungsbefreit, fesselt aber auch nie wirklich. Die Person J. Edgar Hoover, so komplex sie auch sein mag, wird auch nach diesem Film kaum an Bekanntheit gewinnen.

Fazit
Wer immer sich auch auf „J. Edgar“ freut, sollte der Tatsache gewahr sein, dass hier keine exakte Biografie wartet, sondern eine intime Charakterstudie, die sich an einzelnen Stationen Hoovers‘ Leben eher lose entlang hangelt. Hoover war ein Mann, der mehr von seiner Mutter, Komplexen und verbohrten Idealen regiert wurde, denn Vernunft oder Professionalität. Clint Eastwoods Portrait hat viele interessante Einblicke zu bieten, die sich zum Schluss zu einem komplexen Ganzen zusammenfügen.

Dennoch muss man auf filmischer Ebene bemängeln, dass Eastwood bei allem Charakterfokus die Spannung hinten über fallen lässt. Da kann Leonardo Di Caprio noch so inbrünstig wüten, als spannendes Zeitzeugnis oder intelligenten Politthriller Marke „JFK“ wird man „J. Edgar“ nicht in Erinnerung behalten, der in seiner Geschwätzigkeit viel mehr an Oliver Stones „Nixon“ anschließt. Wer sich daran nicht stört, bekommt ein faszinierendes, facettenreiches Ensembledrama serviert, dem lediglich der letzte Schliff fehlt.

Wertung: 7/10

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