James Bond ist mir egal: Überflüssige Gedanken zum bedauerlichen Zustand einer Ikone (Kolumne)

Tobias Heidemann 6

Bond ist mir egal. Wieder egal, muss es eigentlich heißen. Nachdem die Pierce Brosnan-Zeiten mein Verhältnis zum 007-Franchise auf hämisches Mitleid hatten schrumpfen lassen, konnte mich Daniel Craig mit „Casino Royal“ kurzzeitig zurückgewinnen. Danach regte sich nichts mehr. Das „Quantum Trost“ hatte die Lizenz zum Langweilen und „Skyfall“ machte mich mit seiner staatstragenden Geheimdienst-Pornographie sogar etwas wütend. Während NSA und GCHQ sich schamlos über privaten Daten hermachten und der BND den rechtsradikalen Terror übersah, sollte ich im Kino Beifall für die stumpfsinnige Verklärung der Nachrichtendienste klatschen. Danke nein. Nun kommt „Spectre“ ins Kino und der blöde Bond ist mir wieder scheißegal. Schade eigentlich. 

James Bond ist mir egal: Überflüssige Gedanken zum bedauerlichen Zustand einer Ikone (Kolumne)

Früher hatte ich durchaus meinen Spaß mit Bond. Geheime Mondbasen, Sprungmesser im Schuh, trockene One-Liner – schon sehr unterhaltsam alles. Wie so viele Menschen meiner Generation hatte ich allerdings auch keine andere Wahl. Bond war schon damals eine feste Institution der Popkultur. Wenn Bond lief, wurde eingeschaltet. So einfach war das.

Die Institution Bond wurde getragen von der Programmwahl meiner Eltern und den beharrlichen Wiederholungen der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten. Wie der frauenverachtende Held der Serie seinerzeit in „Stirb an einem anderen Tag“ wurde auch ich indoktriniert. Eine Hirnwäsche, die mich ein ganzes Leben lang zum Schläfer-Agenten des Franchise machen sollte. Sobald ein neuer Bond startet, werde ich durch unterschwellige Werbebotschaften geweckt und lande am Ende doch wieder im Kino.

Spectre Trailer 1 - Deutsch.

Und ich bin damit nicht allein. Alle Welt hält Bond für naturgegeben. Sogar meine Großeltern haben damals jeden verdammten Bond im Fernsehen gesehen. Oma und Opa! Bond! Schon eigenartig. Dass Zum Beispiel die Marvel-Filme in 40 Jahren rauf und runter laufen werden, während meine Enkel bei mir zu Besuch sind, kann ich mir dagegen nicht so recht vorstellen. Bond ist und bleibt eben was Besonderes. So sagt man zumindest.

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James-Bond-Autos: Die heißesten Schlitten von 007.

Bond ist eben etwas Besonderes! Ach ja?

Aber ist er das? Oder besser, ist er das noch? Baut die selbstherrliche Selbstverständlichkeit dieser Reihe wirklich auf einer speziellen, überzeitlichen Qualität auf oder ist Bond am Ende gar nur außergewöhnlich, weil das Franchise still und heimlich so alt geworden ist, das es wie die jährliche Zeitumstellung zu einem bedauerlichem aber unvermeidbaren Ritual geworden ist?

Ihr ahnt es vielleicht schon – ich tendiere zu Letzterem. Wenn die Marke Bond jemals etwas Besonderes an sich hatte, dann ist es im Kino derzeit nicht zu finden.

Männlichkeit, Lifestyle, Stunts und Supervillains – das waren stets die tragenden Säulen eines Tempels, in den Gläubige und Ungläubige zugleich pilgerten. Das Geheimnis der weltweiten Bond-Religion war ihre Relevanz. Egal, ob es um den eiskalten Machismo, den hübschen Playboy-Lifestyle, die dargeboten Action oder um das Haifischbecken der Bösewichte ging – Bond war in all diesen Disziplinen traditionell markführend.

Es war einmal: Männlichkeit, Lifestyle, Action, Supervillains

Und heute? Anstatt sich der allgegenwärtigen Krise männlicher Rollenbilder zu stellen, lässt sich Bond ein bisschen von Javier Bardem begrabschen und verkauft uns das als revolutionär. Wow, es gibt tatsächlich auch schwule Männer auf dieser Erde. Applaus, Applaus, Mr. Bond!

Machen wir weiter. Anstatt sich in puncto Lifestyle auf die Suche nach derzeit relevanten Kulturtrends zu machen, konserviert das Franchise den elitären Bullshit von Vorgestern als frappierend schamloses Produktplacement. „Ist das eine Rolex“ fragte das Bond-Girl Eva Green in „Casino Royal“. „Nein, das ist eine Omega“ warb Bond darauf lässig. „Wunderschön“ kommentierte das Bond-Girl. „Kotz“ dachte ich mir im Kinosessel. Toller Dialog.

Wenigstens ist die Action geil. No wait!

Und die Action? Auch hier war Mr. Bond ja einst der Platzhirsch. Und auch hier hat die Reihe trotz Millionen-Budget deutlich an Momentum verloren. Manche würde sogar sagen, sie sei zum Stillstand gekommen.

Anstatt sich der Herausforderung von deutlich besseren Actiontiteln wie zum Beispiel der „Bourne“-Reihe zu stellen, bietet Bond seit Jahren nur mittelmäßig choreographierte und oft bestürzend einfallslose Action-Sequenzen aus Hollywoods-Mottenkiste (ja, ja, die Parcours-Sequenz aus Casino Royal einmal ausgenommen). Aber hat bei euch, liebe Produzenten etwa niemand „The Raid“ gesehen? Wie kann man ein so mühsam erobertes Terrain einfach so kampflos wieder aufgeben? Mir unverständlich. Jedenfalls, für die Action gehe ich schon lange nicht mehr ins Bond-Kino.

Fragt sich wofür dann. Die Supervillains und ihr ewiges Streben nach Weltherrschaft? Nope. Ist es wirklich so schwer, ein zeitgemäßes, relevantes oder einfach nur spannendes Spionage-Thema für Mr. Bond zu finden?

giphy

Man muss doch nur aus dem Fenster sehen. Während uns hier draußen täglich die Geheim-Scheiße um die Ohren fliegt, versucht Bond seine „Gefühle“ zu ergründen. Ernsthaft? Die Geheimdienste stecken mitten in der schwersten Legitimationskrise seit ihrer Gründung und das Bond-Franchise lässt Judi Dench eine Liebeslied auf das institutionelle Schnüffeln anstimmen? Zeitgeist anyone?

Zeitgeist anyone?

In dieser Hinsicht ist Bond dann doch wieder Marktführer. Mehr narrativen Autismus findet man derzeit nirgendwo. Auch wenn die Bond-Macher natürlich das genaue Gegenteil behaupten. Bond greift die Themen unserer Zeit auf. So das medial verbreitete Mantra, das man zu jedem neuen Bond wieder und wieder zu hören bekommt. Wirklich? Wo denn bitte?

Es ginge ja auch ohne Zeitgeist. Gegen eine bewusste Rückbesinnung auf den Charme der Pionierphase hätte ich gar nichts einzuwenden. Doch selbst gegen eine Retro-Rückkehr zu Haien mit Laserstrahlen wehrt man sich im Hause Bond aus unerfindlichen Gründen beharrlich. Dann doch lieber den öden Realismus, den man seit „Casino Royal“ so stolz vor sich her trägt.

Mir bleibt derzeit nur zu sagen: Ich bin raus. Bond kommt ja auch ohne mich gut klar. Weckt mich, wenn das nächste Reboot kommt.

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