5 Gründe, warum Fan-Theorien zu einer echten Plage geworden sind (Kolumne)

Tobias Heidemann 2

An „Jurassic World“ ist mehr dran, als man denkt. Was im Kino wie ein mittelmäßig zusammengeklauter Aufguss des Klassikers von 1993 aussah, ist tatsächlich sehr viel cleverer. Warum? Weil Chris Pratt in Wirklichkeit der kleine, dicke Junge aus dem Original ist! Krass oder? Und hier die Beweise für diese Behauptung: Die Rolle der nervigen Dumpfbacke, die bei der Ausgrabungsstätte von Dr. Alan Grant mit der Raptoren-Klaue eingeschüchtert wird, war damals so unwichtig, dass sie im Abspann nicht mal einen richtigen Namen bekam. Der Junge KÖNNTE also Chris Pratts Charakter Owen Grady sein. Na? Genau! Willkommen in der wundervollen Welt der Fan-Theorien.

5 Gründe, warum Fan-Theorien zu einer echten Plage geworden sind (Kolumne)

Fan-Theorien sind derzeit überaus beliebt. Wir begegnen ihnen jeden Tag. Ob wir wollen oder nicht. Sie sind ein fester Bestandteil der medialen Berichterstattung über Serien und Filme geworden. Sie hier zu kritisieren, dürfte vielen Lesern deshalb übel aufstoßen. Immerhin stehen Fan-Theorien bei vielen Menschen vor allem für eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Dingen, die man gern hat. Was soll daran so verkehrt sein? Und überhaupt: Fan-Theorien tun doch niemanden weh, oder?

Mir schon. Mit den folgenden fünf Punkten behaupte ich das genaue Gegenteil. Fan-Theorien sind zu einer echten Plage geworden. Meine 5 Kritikpunkte an dieser aktuell so beliebten Kulturtechnik  sind dabei als eine Einladung zu einer längst überflüssigen Diskussion über Sinn und Unsinn von Fan-Theorien zu verstehen. Über kritische Kommentare würde ich mich also sehr freuen.

Punkt 1: Fast alle Fan-Theorien sind kompletter Mumpitz

Alien 3 war nur ein Traum, Kate Winselt hat sich Leo DiCaprio in Titanic nur ausgedacht, Rey ist in Wirklichkeit Lukes Vater und Tom Hardys Max ist tatsächlich der wilde Junge mit Bumerang aus Mad Max 2. Behaupten kann man viel. Fan-Theorien sind entgegen der geläufigen Meinung nichts anderes als das: vage, haltlose und unfundierte Behauptungen.

Und trotzdem wird ihnen derzeit im Netz maximale Aufmerksamkeit geschenkt. Selbst dann wenn es sich um eine bewusste Fehlinterpretation des Stoffs handelt oder sie der kreativen Vision der Filmemacher gar widersprechen. Selbst wenn die verantwortlichen Regisseure und Drehbuchautoren sie selbst (!) als kolossalen Dünnschiss diskreditieren – selbst dann erfahren wir noch von ihrer Existenz.

Mit anderen Worten: Fan-Theorien haben keinerlei Qualitätssicherung. Wer glaubt, die Schwarmintelligenz würde das besonders Abwegige und die ganz bescheuerten Ideen irgendwie herausfiltern, der irrt gewaltig. Anders als die klassischen Institutionen der medialen Berichterstattung über Filme und Serien – also News, Gerüchte, Kritiken oder etwa Analysen – gehorchen die Fan-Theorien keinem journalistischen Regelwerk und übernehmen keinerlei kommunikative Verantwortung für das, was sie in die Welt setzen. Alles ist erlaubt. Nichts muss Sinn ergeben. Und so ist das Meiste dann auch schlicht und einfach kurzlebiger Sondermüll ohne jedweden Informationsgehalt.

 

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Punkt 2: Fan-Theorien sind überhaupt keine „Theorien“!

Ein ganz wesentliches Problem an dem aktuellen Buzz um Fan-Theorien ist, dass es sich bei ihnen eigentlich gar nicht um echte Theorien handelt. Nimmt man den Begriff der „Theorie“ nämlich ernst, und das sollte man ja, wenn man ihn in diesem enormen Ausmaß verwendet, dann genügt kaum eines dieser Fan-Produkte dessen grundsätzlicher Definition. So entziehen sich die Fan-Theorien eigentlich immer der empirischen Prüfbarkeit und genügen nicht mal den Minimalforderungen an theoretische Modelle. Die sogenannten „Fan-Theorien“ operieren nämlich meist auf der brüchigen Basis von „mögliche wäre es“ oder „es ist nicht ausgeschlossen“.

Was Fan-Theorien dagegen wirklich sind, ist Fan-Fiction! Das lustvolle Weiterspinnen und gemeinschaftliche Aneignen von fiktiven Stoffen ist eine uralte Tradition in der Popkultur. Der Film oder die Serie lebt in den Köpfen der Fans weiter und wird dabei durch neue, für die Community interessante Elemente bereichert. Das was man an der Vorlage schätzt oder liebt, wird in neuen, fortgeführten oder alternativen Handlungen dargestellt.

Das was heute „Fan-Theorie“ genannt wird, war vor einigen Jahren nichts anderes als Fanfic. Doch das was sich damals im Untergrund von nerdigen Fangemeinden abspielte, erhält durch den Begriff der „Theorie“ nun eine falsche Autorität und gelangt auf diesem Wege in das Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit. Würden wir Fan-Theorien als das bezeichnen, was sie sind, wäre ihre derzeitige Omnipräsenz sehr unwahrscheinlich.

 

Punkt 3: Der Hype um Fan-Theorien verdrängt klassische Inhalte

Der Hype um die Fan-Theorien ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen spricht ihre breite Rezeption dafür, dass es auch eine große Nachfrage nach diesem speziellen Content-Angebot gibt. Egal, wie absurd und irrelevant die Fan-Theorie letzten Endes auch sein mag – die News dazu werden erst einmal gelesen. So gesehen, erfüllen die Medien mit der Berichterstattung über Fan-Theorien immer auch ihre angestammte Aufgabe.

Aber ist es wirklich so einfach? Einer der Gründe für die gestiegene Nachfrage nach Fan-Theorien, ist die oben umschriebene Tatsache, dass Fan-Theorien anders als Journalisten so ziemlich alles dürfen.

Zum Beispiel falsche Behauptungen aufstellen, falsche Gerüchte streuen, keinerlei Quellen verwenden oder gar Tabus brechen. Für viele Medienvertreter ist das natürlich besonders attraktiver Content. Fan-Theorien garantieren maximale Klickreize und minimalen Aufwand bei der Erstellung von Meldungen. User generierte Inhalte kosten bekanntlich nichts. Und Verantwortung muss man für den Quatsch, der da bisweilen auf Reddit & Co passiert ja auch nicht. So wohnt den kurzfristigen Gewinnen, die sich mit den Fan-Theorien offenbar erzielen lassen, langfristig auch ein Qualitätsverlust inne, denn wer viel über Fan-Theorien berichtet, hat weniger Zeit für die klassischen, aufwendigeren Inhalte.

Punkt 4: Fan-Theorien werden immer mehr zum Selbstzweck

Ich mochte „Star Wars 7“. Nicht der ganz große Wurf, aber im Kino unbedingt unterhaltsam. Dass J.J. Abrams sich beim Auftakt der neuen Reihe aber erzählerisch sehr zurückgehalten hat und sich vor allem im respektvollen Kopieren von „Star Wars: Eine Neue Hoffnung“ geübt hat, das dürfte wohl niemand mehr abstreiten. Wenig Neues, wenig Handlung, dafür ganz viel „Star Wars“.

Dass aber ausgerechnet „Das Erwachen der Macht“ mehr Fan-Theorien als jeder andere Film zuvor hervorbrachte, das überrascht angesichts der dünnen und extrem vordergründigen Story dann doch sehr.

Die sagenhafte Flutwelle aus hyper-konstruierten Fan-Theorien, die sich in ihrer verstiegenen Abwegigkeit gegenseitig überboten, wurde gleich mehrmals von den Fakten oder J.J. Abrams höchstpersönlich gebrochen. Das Wasser stieg trotzdem. Dass die Fans aus einem recht einfach gestrickten Film unbeirrbar mehr machen wollen, mag dabei noch nachvollziehbar und irgendwo auch sympathisch sein. Das Problem ist nur, dass der Film selbst durch eine derartige Überstrapazierung zwangläufig leiden muss.

„Star Wars: Das Erwachen der Macht“ ist eben kein doppelbödiges, genial codiertes Community-Rätsel, das nur durch versteckte Hinweise gelöst werden kann – es ist nur ein Blockbuster. Die Enttäuschung, der man sich durch den übermäßigen Konsum von Fan-Theorien zwangsläufig aussetzt, ist damit quasi vorprogrammiert.

Das war mal anders. Fan-Theorien wurden mit der Mystery-Serie „Lost“ salonfähig. Die Theorien der Fans waren damals ein fester Bestandteil des Serien-Konzepts. Sogar zu „Twin Peaks“ dürfte es seinerzeit schon eine Form des gemeinschaftliches Rätselraten gegeben haben. Und natürlich laden auch aktuellere Serien wie etwa „The Missing“ oder „The Leftovers“ zum gemeinschaftlichen Theoretisieren ein.

Der entscheidende Unterschied ist, dass dieses Material tief und offen genug angelegt ist, um der massenhaften Entschlüsselung standhalten zu können. Blockbustern gelingt das so gut wie nie. „Star Wars“ hat einfach keine Interpretationsspielräume, die ein derartig ausschweifendes Theoretisieren rechtfertigen würden.

Mit anderen Worten: Fan-Theorien laufen durch ihre Anwendung auf mittlerweile fast alles, mehr und mehr Gefahr ein reiner Selbstzweck zu werden. Und wenn man anfängt Rätsel zu lösen, die eigentlich gar nicht da sind, dann läuft doch irgendwas falsch oder?

 

Punkt 5: Wenn Fan-Theorien mal gut sind, ruinieren sie das Erlebnis

Zuletzt noch ein recht unwahrscheinliches Szenario. Die Theorie ist tatsächlich besser als die Praxis. Auch das kann passieren. Man stelle sich vor: Irgendwo in Brasilien hat ein Schüler morgens um 3:41 einen wirklichen genialen Einfall zum weiteren Verlauf einer Serie oder eines Films. Er bringt ihn zu Papier und postet das Ganze im Internet. Die Idee verbreitet sich.

Alle, die sich auf die neue Folge oder die Fortsetzung freuen, lesen über sie, weil sie von den einschlägigen Medien zum Top-Thema erklärt wird. Die Idee setzt sich also fest. Sie ist ja auch verdammt gut. Als es dann soweit ist, kommt es ganz anders. Nicht die gute Idee wurde in der Serie oder dem Film realisiert, sondern einer schlechtere. Im direkten Vergleich mit der spannenden Fan-Theorie erscheint die tatsächliche nun schnöde, blass und klischeehaft.

Kurz: Selbst wenn Fan-Theorien mal alles richtig machen, können sie uns den Spaß an Filmen und Serien verderben. Also frage ich noch einmal: Was soll an sogenannten Fan-Theorien eigentlich so toll sein?

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