Tom Hardy wird in „Kind 44“ mit einer mysteriösen Mordserie an kleinen Jungen konfrontiert und macht sich als Funktionär des Geheimdienstes der Sowjetunion daran, diese aufzuklären. Doch kann „Kind 44“ wirklich das halten, was der Trailer verspricht? Erfahrt es in unserer Kritik!

Kind-44-Kritik
©Concorde Filmverleih GmbH

Das Wichtigste gleich vorweg: Es ist im (Post-)Stalinistischen-Thriller „Kind 44“ gar nicht so einfach, herauszufinden, welcher Aspekt der Handlung eigentlich im Mittelpunkt steht, die Geschichte vorantreibt und als treibender Aspekt fungiert. Ist es der Serienmörder, der kleine Jungen ermordet und unbekleidet an den Bahngleisen zurücklässt? Ist es der Druck, der von der sowjetischen Geheimpolizei ausgeübt wird oder ist es Tom Hardy, der in diesem System zu überleben versucht und sich ständig mit einem System konfrontiert sieht, das seine bedingungslose Treue fordert und damit sein Leben auf den Kopf stellt? Das größte Problem von „Kind 44“ ist, dass der Thriller sich zu keinem Zeitpunkt so richtig entscheiden kann, was er nun erzählen möchte. Doch der Reihe nach.

Worum geht es?

Der Film erzählt auf der einen Seite die Geschichte einer mysteriösen Mordreihe, bei der kleine Jungen einem vermeintlichen Serienkiller zum Opfer fallen, und auf der anderen die eines loyalen Mannes, der sich mit dem Sumpf der zerbrochenen Diktatur Stalins konfrontiert sieht, wo der einzige Weg, sich einen Namen zu machen, darin besteht, all seine Konkurrenten und (westlichen) Feinde zu beschatten, Informationen zu sammeln und auszuschalten. Leo Demidov (Tom Hardy) befindet sich in eben dieser Zwickmühle, ist er doch von einem armen Waisenkind zu einem Helden des Zweiten Weltkriegs aufgestiegen und arbeitet jetzt für ein System, das von ihm unbedingten Gehorsam und Vertrauen verlangt. Dabei hat Leo jedoch noch mehr Gewissen und Anstand als sein Kollege Vasili (Joel Kinnaman), der bei Aufträgen auch mal als verrückter Revolverheld unterwegs ist und keine Gnade kennt.

Diese unterschiedliche Grundhaltung führt zu einer gewissen Spannung zwischen den beiden, die im Verlauf der Geschichte erst dann richtig zum Tragen kommt, als Leo den verheerenden Aufrag erhält, seine eigene Frau und die Liebe seines Lebens, Raisa (Noomi Rapace), zu beschatten, da sie bezichtigt wird, eine Spionin für den Westen zu sein. Währenddessen werden mehrere tote und entkleidete Jungen an den Bahngleisen in Moskau gefunden, doch die Führung weist jegliche Vorwürfe auf mögliche Morde zurück, denn „Im Paradies gibt es keinen Mord„. Mord ist eine Ausgeburt des westlichen, kapitalistischen Systems, weswegen die Jungen als tragische Unfälle deklariert werden. Doch als auch der Sohn eines Kollegen von Leo unter den Opfern ist, beginnt Leo an den Aussagen seiner Vorgesetzten zu zweifeln und beginnt selbst Nachforschungen anzustellen.

Zuviel des Guten

Wie bei der Geschichte schon deutlich wird, versucht „Kind 44“, die Adaption eines Bestseller-Romans von Tom Rob Smith, gleich zwei bis drei große Themen in einen Film zu pressen. Neben Leos innerer Zerrissenheit gegenüber seinem Job, seinen Aufgaben und dem System, dem er dient, kommen dann noch seine ehelichen Probleme und das wachsende Misstrauen gegenüber seiner Frau hinzu, die vielleicht nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Wäre das nicht schon genug, kommen dann auch noch die Mordfälle dazu und schon verliert „Kind 44“ seinen roten Faden sowie seine fließende Geschichte. Der Film versucht zwar, all das irgendwie in Einklang zu bringen und zu verbinden, doch springt er förmlich abrupt zwischen den Themen wild hin und her, sodass einem ganz diesig wird.

Man fragt sich die ganze Zeit: Was will „Kind 44“ denn nun erzählen? Was steht im Mittelpunkt? Die Antwort: Alles immer mal wieder, aber nichts so richtig. Das nimmt dem Film die nötige Spannung und die dramatische Zuspitzung. Er strauchelt immer wieder von einer zur anderen Handlung und lässt dem Zuschauer keine Zeit, bei einer der Geschichten richtig mitzufiebern, da erstens keine richtig ausformuliert und mit Leidenschaft erzählt wird und man zweitens kaum drin schon wieder aus dem Handlungsstrang herausgeworfen wird. Es wirkt vielmehr wie viele kleine Versatzstücke, die irgendwie zusammengesetzt wurden.

Klar, irgendwann rücken die Mordfälle in den Mittelpunkt, aber dann wirkt das alles nur noch halbherzig und der Film scheint gar kein großes Interesse daran zu haben, hier wirklich Spannung in den Fall zu legen und die Aufklärung hinauszuzögern. Normalerweise täte hier ein Kampf gegen die Zeit gut, bis der Täter vielleicht noch einmal zuschlägt, aber diese Chance verspielt „Kind 44“ doch recht schnell, sodass gar kein richtiger Drill aufkommen kann.

Der rote Faden fehlt

Das Drehbuch von Richard Price macht es sich unnötig kompliziert, die Charaktere und ihre Schicksale auf den unterschiedlichsten Ebenen immer gleich wichtig behandeln zu wollen und stolpert damit über seine eigenen Ambitionen. Man bekommt das Gefühl, dass hier viel Plot in wenig Zeit untergebracht werden sollte. Der erste Rohschnitt des Films hatte eine Laufzeit von ganzen 5 ½ Stunden, bevor „Kind 44“  auf immer noch stolze 2 ½ Stunden heruntergebrochen wurde. Das merkt man dem Film einfach an.

Doch nicht nur die Geschichte ist sprunghaft und lässt eine gewisse Übersicht vermissen, sondern auch die Inszenierung der Action bereitet Kopfschmerzen. Gleich zu Beginn gibt es ein Feuergefecht und schon hier geht die Übersicht bei wackeliger Kamera und viel zu nahen Aufnahmen recht schnell flöten. In einer weiteren Actionsequenz, bei der ein Faustkampf eine tragende Rolle spielt, liegen die Bösewichte nachher zwar ausgeknockt am Boden, doch als Zuschauer hat man eigentlich keine Ahnung, wie es dazu kam, da man hat die Übersicht gleich zu Beginn des Kampfes verloren hat.

Fazit: „Kind 44“ hätte ein in der Sowjetunion angesiedelter Who-Done-It-Thriller werden können, der mit einem (mittlerweile wieder) unverbrauchten Look begeistert, doch der Film verzettelt sich ungemein in seiner Geschichte, findet nie das richtige Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Handlungssträngen und lässt Spannung und einen roten Faden vermissen. Hier wollte man mehr erzählen, als es dem Film gut täte. Das können auch die hervorragenden Schauspieler rund um Tom Hardy nicht retten. Schade.

rating3

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