Gute Actionfilme: Wie man sie macht und woran man die schlechten erkennt – Eine Anleitung

Tobias Heidemann 5

Was braucht ein guter Actionfilm? Jeder hat sofort eine Antwort auf diese Frage parat. Doch meist wird diese Antwort in Form eines positiven Beispiels gegeben. „Stirb Langsam“ ist ein guter Actionfilm. Oder „John Wick“. „Mad Max: Fury Road“ war auch super. Und so weiter. Aber was genau verbindet diese Filme? Was machen sie im Gegensatz zu den schlechteren Vertretern ihres Genres besser? Was sind die wichtigsten Bestandteile einer gut inszenierten Actionsequenz? Der folgende Text ist ein erster Versuch, diese Frage grundsätzlich in Stein zu meißeln und für alle Zeiten klarzustellen. Spoiler Alarm: Michael Bay kommt nicht so gut weg.

Gute Actionfilme: Wie man sie macht und woran man die schlechten erkennt – Eine Anleitung
Bildquelle: ©Silence Television - Illustrations & Prints by M.

1. Gute Actionfilme haben einen Sinn für Bewegung

Gehen wir gleich das wohl größte Problem missglückter Actionfilme an: schlechte Kameraarbeit. Der Cinematographer ist in Hollywood verantwortlich für die Komposition des Gesamtbildes, für das Licht und vor allem für den Ablauf von Bewegung. Da das Wort „Action“ quasi gleichbedeutend mit dem Wort „Bewegung“ ist, kann man die Bedeutung der Kameraarbeit im Action-Genre gar nicht hoch genug einschätzen.

Kameramänner müssen visuelle Informationen an die Zuschauer übermitteln. Sobald sich etwas bewegt, wird diese Aufgabe natürlich ungleich schwerer. Der Kameramann muss entscheiden, welche Informationen im Zentrum stehen und wie er diese an uns übermittelt. Und es kommt noch dicker: Die Bewegungen müssen auch dann Sinn ergeben, wenn wir sie nicht komplett verfolgen – also wenn zwischenzeitig ein Schnitt erfolgt. Geschieht dies nicht, fehlen diese Informationen oder ergeben die von unserem Gehirn automatisch weitergedachten Bewegungen einen anderen Sinn als jenen, der auf der Leinwand erzeugt wurde, bemerken wir das unterbewusst sofort. Das Ergebnis ist mangelhafte Immersion. Wir sehen die Action, aber wir glauben, wir fühlen sie nicht. Eben weil sie falsch ist – weil sie keinen Sinn ergibt bzw. keiner inhärenten Logik gehorcht.

Gute Actionfilme wissen das. Gute Actionfilme erzeugen und erhalten im Verlauf ihrer Action-Sequenzen ein glaubwürdiges Momentum. Wir bekommen die richtigen Informationen und das führt dazu, dass die Szene „Gewicht“ bekommt. Gute Actionfilme sind wuchtig, sie ziehen uns mit ihrer Kameraarbeit in die Bewegung hinein, wir gehen mit. Im Folgenden sehen wir zwei positive Beispiele für gute Action-Kameraarbeit. Während im ersten Beispiel („The Bourne Ultimatum“) jedes Frame „Bewegungssinn“ ergibt, stellt das zweite Beispiel („Mad Max Fury Road“) einen erstklassigen Umgang mit der Übermittlung der relevanten Informationen dar.

 

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2. Gute Actionfilme verzichten auf Star-Power

Das Action-Genre bringt immer wieder Stars hervor, die den Zuschauer mit Hilfe ihrer physischen Konstitution überzeugen. Und das kommt nicht von ungefähr. Im Genre ist das ein enormer Vorteil, denn Schauspielern, die den Großteil ihrer tatsächlich Action selbst übernehmen können, muss man nicht mit Spezial-Effekten und kaschierender Kameraarbeit auf die Sprünge helfen. Der oben angesprochene Sinn für Bewegung lässt sich zum Beispiel deutlich einfacher herstellen, wenn der Hauptdarsteller selbst Hand anlegt und nicht gedoubelt werden muss.

Doch leider bestimmt in Hollywood selten die Physis der Darsteller, wer den Actionhelden mimt, sondern vor allem die Starpower. Hinzu kommen die bizarren Versicherungsverträge, die es vielen Top-Schauspielern schlicht verbieten, in Actionsequenzen selbst tätig zu werden. Das führt dazu, dass wir im Actiongenre immer häufiger Stars, die sich nicht einmal einen Latte Macchiato selbst bestellen können, dabei zusehen, wie sie zwanzig Henchmen im Alleingang zerlegen. Die dadurch entstehende Unglaubwürdigkeit ist pures Gift für jeden Actionfilm.

Dabei geht es auch anders. Gute Actionfilme machen die gute Action zum Star und verzichten dafür wissentlich auf die Zugkraft großer Namen. Steven Soderberghs besetzte für sein „Haywire“ zum Beispiel die erfahrene Stuntfrau Gina Carano kurzerhand als Hauptdarstellerin und konnte somit in puncto Action deutlich mehr überzeugen, als wenn zum Beispiel Angelina Jolie die Rolle übernommen hätte. Gute Actionfilme sparen sich die hohen Star-Gagen und konzentrieren sich stattdessen auf die Action.

Haywire - Fight Scene.

 

3. Gute Actionfilme haben eine unberechenbare Struktur

Viel zu viele Actionfilme folgen der von Anfang – Mitte – Showdown. Die Action verteilt sich quasi gleichmäßig über den Verlauf des Films. Alle 30 Minuten muss es knallen, sonst handelt es sich nicht um einen Actionfilm. Ob dieses merkwürdige Muster auf Testscreenings oder schlechte Drehbuchratgeber zurückzuführen ist, soll uns an dieser Stelle egal sein. Fest steht – Actionfilme, die dieser Struktur folgen, werden dadurch berechenbar und gewöhnlich. Actionfilme, die sie hingegen missachten, heben sich oft positiv ab und überraschen uns.

Egal, ob wir wie etwa in „Heat“ urplötzlich mit einem andauerndem Urknall von Action-Sequenzen aus dem Sessel gepustet werden oder ob wir wie in „13 Assassins“ erst 100 Minuten Spannungsaufbau erleben, bevor wir mit einem 40-minütigen Showdown belohnt werden – ein ungewöhnlicher Spannungsbogen belebt die Seherfahrungen ungemein.

Doch nicht nur die Verknappung ist ein gutes Stilmittel. Filme wie „The Raid“, „Speed“ oder zuletzt „Mad Max: Fury Road“ treten gleich zu Beginn aufs Gas und halten dann das hohe Tempo. James Camerons „Aliens“ wiederum ist ein schönes Beispiel für das gekonnte Spiel mit unseren Erwartungen. Zwar folgt der Film dem klassischen Muster von Plot-Punkt 1 und Plot-Punkt 2, mit dem eigentlichen Showdown auf der U.S.S. Sulaco rechnete damals aber niemand mehr. Umso aufregender war das Ergebnis.

 

4. Gute Actionfilme tun weh

Der Held muss leiden. Je mehr, desto besser. „Stirb Langsam“ wird bis heute als einer der besten Actionfilme gehandelt, weil sein Held die enorme Gefahr, der er ausgesetzt wird, für den Zuschauer physisch erlebbar macht. Wenn John McClane barfuß durch die Glasscherben läuft, dann spiegelt sich seine Pein in uns wieder. Während zerberstendes Glas in schlechten Actionfilmen meist als billiges Effektmittel für die Hintergrund-Textur verramscht wird, zählt in „Die Hard“ jede Scherbe. Am Ende ist McClaines Körper eine blutige Landkarte der schmerzhaften Odyssee, die wir gemeinsam mit ihm erlebt haben. Schmerz ist ein Stilmittel, das gute Actionfilme unbedingt beherrschen sollten.

Mehr noch. Actionhelden sollten nicht nur leiden, sie sollte auch haushoch unterlegen sein. Übermacht ist ein sicheres Todesurteil für jeden Spannungsbogen. Nur wenn die Chancen schlecht stehen, wenn es immer noch dicker kommt, wenn die Situation ausweglos erscheint und der Untergang unabwendbar scheint – nur dann vermag sich die Spannung in die Oberliga zu schrauben.

Im Rückschluss sind Helden, die jedes Hindernis problemlos meistern, ohne mit der Wimper zu zucken, unnahbar und ungeeignet für die emotionale Identifikation. Ein Problem, mit welchem der James Bond der 80er und 90er Jahre schwer zu kämpfen hatte, und welches durch das Daniel Craig-Reboot zum Glück gelöst wurde. Auf der anderen Seite bedeutet das aber nicht automatisch, dass Actionfilme unbedingt exzessive Gewalt ausüben müssen. Mit der richtigen Inszenierung kann auch ein Faustschlag verdammt wehtun.

 

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