Mortdecai - Der Teilzeitgauner - Kritik

Jan-Thilo Caesar

MORTDECAI - DER TEILZEITGAUNER Trailer Deutsch German & Kritik Review | Johnny Depp 2015 [HD].
Manchmal sitzt man einfach im falschen Film: Während sich meine Kollegen bei der Preview-Party von John Wick amüsieren, darf ich mir den neusten Comedy-Spaß mit Johnny Depp zu Gemüte führen und sterbe ebenso viele Tode, wie die Schießbuden-Figuren im aktuellen Keanu-Reeves-Actioner.

MORTDECAI - DER TEILZEITGAUNER Trailer Deutsch German & Kritik Review | Johnny Depp 2015 [HD].
weitere Videos
Kein Video verpassen? Abonniere uns auf YouTube:

Ich nehme es lieber gleich vorweg, mir hat Johnny Depp in Comedy-Rollen noch nie so gut gefallen. Seine Auftritte als alkoholisierter Pirat waren anfangs noch ganz lustig, aber seitdem er seine Eskapaden auch auf den roten Teppich ausgedehnt hat, kann ich darüber nicht mehr lachen. Noch schlimmer finde ich seine schrillen, abgedrehten Charaktere aus den jüngsten Tim Burton-Filmen, die zwar auf ihre eigenwillige Art sympathisch sind, mich aber in der Regel nicht wirklich ansprechen. In „Mortdecai“ sehen wir nun aber Johnny Depp in der Rolle des Johnny Depp, wie er mit Zahnprothese und albernen Bärtchen eine Runde freidrehen darf und es mit der Skurrilität auf die Spitze treibt.

Charlie Mortdecai (Johnny Depp) ist ein schrulliger Kunsthändler, Lebemann und Kleinganove. Leider steckt er bis über beide Ohren in Schulden und hat weniger als eine Woche Zeit um das Geld aufzutreiben – sonst werden er und seine Gattin Johanna (Gwyneth Paltrow) das luxuriöse Familienanwesen auf dem Land verlieren. Doch es gibt noch eine Chance für Mortdecai: Für die Wiederbeschaffung eines berühmten Gemäldes gibt es eine stattliche Belohnung, die all seine Probleme mit einem Schlag vergessen machen könnte. Die Suche führt den blaublütigen Schnurbartträger und seinen treuen Diener Jock (Paul Bettany) um den ganzen Globus und es entbrennt ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn plötzlich scheint die ganze Welt hinter dem Gemälde her zu sein und der zielstrebige Inspector Martland (Ewan McGregor) hat obendrein noch ein Auge auf Mortdecais Frau geworfen…

„Mortdecai“ ist der misslungene Versuch britische Comedy in ein US-Format zu pressen und war damit eigentlich schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Johnny Depp lag das Projekt als großer Fan der Vorlage sehr am Herzen und man merkt auch, dass er nach seiner unterkühlten Performance in „Transcendence“ wieder voll da ist. Vielleicht ein bisschen zu viel, denn Overacting wäre für seine Leistung noch eine glatte Untertreibung. Man hat das Gefühl, der Schauspieler improvisiert wild drauflos und niemand ist da, um dem Superstar Einhalt zu gebieten - Regisseur David Koepp ist eben nicht Tim Burton. Die Performance von Johnny Depp ist dermaßen bizarr, dass einem Willy Wonka im direkten Vergleich wie ein echter Mensch aus Fleisch und Blut vorkommen kann. Für so manchen Fan hat das sicher seinen Reiz, immerhin kann sich der Schauspieler hier mal richtig austoben, dafür büßt er aber auch einiges von seinem Charme ein. Ich war schon nach wenigen Minuten genervt – sei es nun der merkwürdige Akzent, die befremdliche Mimik oder der lächerliche Schnurbart – alles wirkt zu übertrieben und zu erzwungen, um zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich witzig zu sein.

Immerhin machen Paul Bettany und Ewan McGregor ihre Sache ziemlich gut, wenn man bedenkt, womit sie arbeiten müssen. Die beiden Engländer sind offenbar die einzigen Beteiligten, die ein Gespür für schwarze Comedy haben und wenigstens ein paar Lacher verbuchen können. Der Rest wurde mal wieder im Trailer verpulvert: Wer den schon gesehen hat, kennt eigentlich bereits alle Highlights. Und wer tatsächlich noch am überlegen ist, sich den Film anzuschauen, sollte erstmal den Trailer gucken. Ein richtiger Teufelskreis, der sich am besten durchbrechen lässt, indem man sich beides spart. Die dämlichen Flachwitze rechtfertigen sowieso keinen Kinogang und die austauschbare Alibi-Story mit ihren durchweg unsympathischen Charakteren auch nicht. Als Johnny-Depp-One-Man-Show kann man den Film noch durchgehen lassen, aber für alles andere taugt er wirklich nicht.

Vielleicht war ich beim Kinobesuch auch einfach nicht in der richtigen Stimmung: Nach einem dreifachen Espresso und dem hart erkauften Sieg über die Müdigkeit, hab ich mich gefühlt wie ein Kolibri im Ketaminrausch und wollte eigentlich nur noch, dass es endlich aufhört. Der im Film ausgiebig zelebrierte Würgreflex, den der Bart von Mortdecai bei seiner Gattin auslöst, blieb mir zum Glück erspart, aber empfehlen würde ich die Komödie trotzdem niemanden – höchstens eingefleischten Fans des Hauptdarstellers, denen der eigentliche Film sowieso egal ist. Ich konnte mit den Clownereien von Johnny Depp nun mal nie besonders viel anfangen und hoffe er macht in Zukunft wieder öfter Filme wie „Donnie Brasco“ oder „Blow“. Wenn er dabei genauso viel Spielfreude an den Tag legt, wie bei seiner Rolle in „Mortdecai“ und obendrein das Drehbuch stimmt, könnte das wieder ein richtiger Spaß werden.

rating4

Johnny Depp: Karriere-Ende?

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA FILM

* Werbung