Polizeiruf Kritik: Familiensache - Tragischer Amoklauf in Rostock

Marek Bang

Die Polizeirufe aus Rostock mit dem ungleichen Gespann Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau gehören zu dem besten, was der Sonntag-Abend kriminalistisch zu bieten hat und auch die gestrige Episode enttäuschte nicht. Hier kommt die „Polizeiruf 110“-Kritik zur Episode „Familiensache“ von GIGA FILM. 

„Polizeiruf“-Kritik: Familiensache

Story

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Alle aktuellen Polizeiruf 110-Kommissare im Überblick

Arne Kreuz (Andreas Schmidt) hat alles verloren. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und ist frisch verliebt in den erfolgreichen Franz Neumann (Steffen Münster), der bereits einen ersten Ausflug mit Arnes Sohn Jonas (Albrecht Felsmann) unternimmt. Obwohl der Chemiker seit Monaten arbeitslos ist und unter einem Schuldenberg zu ersticken droht, besichtigt Arne Kreuz gemeinsam mit seiner gutgläubigen Schwester Miriam (Friederike Wagner) ein leer stehendes Haus und preist es ihr als ultimativen Ausweg aus der Familienkrise an.

Miriam ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr labil-aggressiver Bruder bereits entschieden hat, in einem sogenannten erweiterten Suizid mit seiner Familie aus dem Leben zu scheiden. So müssen Hauptkommissar Buckow (Charly Hübner) und LKA-Analytikerin König (Anneke Kim Sarnau) zum Entsetzten der Zuschauer bald die Leichen von Arnes Ehefrau und seinem anderen Sohn Bruno bergen. Währenddessen ist der Amokläufer bereits auf dem Weg zu den Schwiegereltern und auf der Suche nach seiner Tochter Nicole und seinem Sohn Jonas. Buckow und König setzten alle Hebel in Bewegung, den Serienmörder seiner eigenen Familie rechtzeitig zu finden, doch Arne Kreuz ist fest entschlossen, seinem fatalen Plan bis zum bitteren Ende zu folgen.

Ermittler

Hauptkommissar Alexander Bukow ist ein ruppiger Gemütsmensch und kennt Rostock wie seine Westentasche. In seiner Jugend stand er selbst einmal vor der Entscheidung, kriminell zu werden und so ganz verlässt ihn die Aura des Outlaws in den „Polizeiruf“-Episoden aus dem Nordosten Deutschlands nie. Dafür sorgt vor allem ein Korruptionsverdacht, wegen dem die LKA-Analytikerin König in den ersten gemeinsamen Folgen gegen ihn intern ermittelt. Dass die Polizisten aber parallel gemeinsam Verbrechen aufzuklären haben, führt zu einer unterschwelligen Spannung, die gelegentlich noch von einem gewissen Knistern zwischen den beiden getoppt wird. Buckow hat zwei Kinder, doch seine Ehe steckt in der Dauerkrise, während seine alleinstehende Kollegin sich eher verschlossen gibt, obwohl auch sie eine bewegte Vergangenheit hinter sich hat.

Unter solchen Voraussetzungen zerbrechen sonntägliche Krimis eigentlich gern, doch der Rostocker „Polizeiruf“ schafft es immer wieder, die richtige Balance zwischen Charakterstudie und spannender Ermittlungsarbeit aufzubieten, so auch in der Episode „Familiensache“. Obwohl wir hautnah dabei sind, wie sich das Privatleben des Kommissars in einen Scherbenhaufen verwandelt, bleibt der eigentliche Fall um den Amok laufenden Familienvater stets im Mittelpunkt des Geschehens.

Besondere Vorkommnisse

Der „Polizeiruf 110: Familiensache“ beginnt mit einer Feier zum Dienstjubiläum vom Rostocker Polizeichef Röder (Uwe Preuss) und thematisiert sofort die Affäre zwischen Buckows Frau Vivian (Fanny Staffa) und dessen Kollegen Volker (Josef Heynert). Dass Buckow ausgerechnet auf der Jagd nach dem Amokläufer von der Untreue seiner Frau und dem Verrat seines Freundes erfährt, verwandelt den Kommissar in einen brodelnden Vulkan, der vom Rostocker Stamm-Regisseur Eoin Moore bewusst als Gegenpol zum ebenfalls emotional verletzten Familienvater Arne Kreuz inszeniert wurde. Dass auch Buckow nicht vor Wutanfällen gefeit ist, gibt den Ermittlungen einen doppelten Boden, der glücklicherweise zur Spannung des Falles beiträgt und den Film in seinem Erzählfluss weiter antreibt.

Der gestrige Polizeiruf ist kein klassisches Whodunit - Kriminalrätsel geworden, sondern ein erschütterndes Familiendrama, in dem der Täter früh feststeht und es für die Ermittler nur noch darum geht, möglichst viele der geplanten Morde zu verhindern. Nebenbei wird die turbulente Geschichte der Kommissare weiter erzählt, ohne dem Fall zu schaden. Im Gegensatz zum entgegengesetzt gelagerten „Münster-Tatort“ sind die Rostocker Episoden allesamt miteinander verknüpft und verfügen über eine fortlaufende Handlung, die auch im gestrigen Fall eine weitreichende Entwicklung vollzogen hat.

Fazit

Einmal mehr enttäuschten die Ermittler aus Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag Abend nicht und lieferten packende Unterhaltung. Das brisante Thema erweiterter Suizid wurde mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt, so dass die anschließende Diskussionsrunde bei Günther Jauch ein mehr als solides Fundament besaß, auf dass sich die geladenen Gäste stützen konnten. Die Inszenierung des Mordes an der Ehefrau als zärtlicher Liebesakt wirkte nicht aufgesetzt, sondern ließ einen ersten verstörenden Blick in das Innenleben des Amokläufers zu, der von Andreas Schmidt überzeugend und glaubwürdig verkörpert wurde. Charly Hübner gab den Buckow als angeschlagenen Boxer und lieferte eine intensive Vorstellung ab, so dass sich die gestern etwas zurückhaltender auftretende Anneke Kim Sarnau mit dessen Schatten begnügen musste. Doch keine Angst, auch ihre Geschichte wird in einem der kommenden Fälle wieder in den Vordergrund rücken und wir können uns bereits jetzt darauf freuen, denn falls der nächste Fall aus Rostock nur halb so gut geraten sollte wie der gestrige, ist der Sonntag Abend gerettet.

Noch bis zum  10. November 2014 könnt ihr den „Polizeiruf“ bei der ARD in der Mediathek ab 20 Uhr ansehen. Hier ist der Link zu „Polizeiruf 110: Familiensache“.

Polizeiruf-110: Familiensache - Trailer deutsch.

 

 

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