Preacher: Die 2. Folge in der Kritik: Gott ist tot - wo ist die Kettensäge

Tobias Heidemann 6

Die erste Folge hat allen gefallen. Die Comic-Kulturwächter waren zufrieden, weil sie ihren lieb gewonnenen Charaktere weitestgehend intakt vorfanden. Wer dagegen zum ersten Mal das „Preacher“-Universum betrat, bekam einen der wildesten, vielversprechendsten Serienstarts des Jahres um die Ohren geschmettert. Im Prinzip kann es also genauso weitergehen. Vorausgesetzt die Show findet noch ihre Mitte. Die zweite Folge „Preacher“ zeigt, dass zu viele Köche den grandiosen Brei der Comic-Vorlage doch noch verderben könnten. 

Der Prediger ist in guten Händen. Die Showrunner Sam Catlins, Seth Rogen und Evan Goldberg sind überaus begabte Menschen, die sich bisher mit viel Hingabe und größter Achtung in Garth Ennis‘ und Steve Dillons theologischen Comic-Spätwestern austoben. Sie sind aber auch sehr verschieden. AMCs „Preacher“, das wurde in der zweiten Folge überdeutlich, scheint ein merkwürdiger Bastard aus dem lakonisch erzählten „Breaking Bad“ (Catlins) und dem absurden Humor von „This Is the End“ (Goldberg) zu werden. Fast hat man das Gefühl, dass hier zwei konkurrierende Ansätze darum kämpfen, den Ton angeben zu dürfen.

Zweifel an Gott und ein Kettensägenmassaker

In einem Moment müssen wir uns auf profunde Weise mit dem Sinn des Daseins und dem Zweifel an Gott befassen, im nächsten stürmt ein Irrer mit einer Kettensäge über den blutverschmierten Kirchenboden. Das hat zweifelsohne seinen Wert. In seinen besten Momenten ist diese Serie ein eklektischer Mordsspaß und kultiviert schon jetzt ihre ganz eigene, grantige Nische.

Vielleicht ist es aber auch einfach etwas unausgegoren und stellt „Preacher“ auf lange Sicht vor unnötige Probleme. Schließlich ist gerade die Balance zwischen ironischen Tönen und dem Ernst des Lebens ein Tanz auf der Rasierklinge. Was in „Fargo“ oder eben „Breaking Bad“ gelang, könnte im Dauerfeuer der fantastischen Elemente von „Preacher“ eine ungleich schwerer zu bewältigende Aufgabe werden.

chainsaw

Wo auch immer die Reise hingeht - langweilig wird es jedenfalls nicht. Auch Folge 2 war ereignisreich, unvorhersehbar und komisch. Egal, ob man bei der besagten Kettensägen-Sequenz auf die Gore-Schenkel klopfte oder sich von den Tränen der pflegenden Mutter ergriffen sah, „Preacher“ hatte für jeden etwas im Programm.

Wann wird´s ernst?

Auch für die Comic-Kenner. Mit einem überlangen Prolog bekamen die nämlich den ersten Auftritt einer im Vertigo-Comic zentralen Figur geboten. Der mysteriöse Cowboy, der da im 19. Jahrhundert von ein paar Siedlern gefragt wird, ob er denn auch an den amerikanischen Traum glaube, diese Figur wird uns, sollten sich Catlins, Rogen und Goldberg weiterhin eng entlang der Vorlage bewegen, nun regelmäßig als eine unaufhaltsame Naturmacht begegnen. Hier wartet der bittere Ernst der Lage, die dunkle Bedrohung, die der Serie jetzt langsam wirklich gut tun würde. Hoffen wir also, dass der noch namenlose Cowboy nächste Woche wieder dabei ist und die Pferde scheu macht.

Ebenfalls zu hoffen ist, dass „Preacher“ den Road-Movie Charakter der Comics nicht komplett abgeschrieben hat. Auch wenn AMC sich beim Entwurf der texanischen Stadt Annville nichts zu Schulden kommen lässt – etwas mehr Bewegung täte uns allen ganz gut. Immerhin ist „Preacher“ eine klassische Odyssee und Jesse Custer (Dominic Cooper) unser Odysseus.

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