Straight Outta Compton-Kritik: N.W.A.-Biopic mit der nötigen Street-Credibility

Christoph Koch

STRAIGHT OUTTA COMPTON Trailer Deutsch German & Kritik Review (2015).
Mit „Straight Outta Compton“ bekommt die legendäre Rap-Gang N.W.A. ihren filmischen Ausflug spendiert, der in den USA schon jetzt ein riesiger Erfolg ist. Doch kann der Film auch uns überzeugen? Wir haben uns „Straight Outta Compton“ angesehen und verraten euch, ob das filmische N.W.A.-Denkmal gelingt. 

STRAIGHT OUTTA COMPTON Trailer Deutsch German & Kritik Review (2015).
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Das Studio Universal scheint dieses Jahr einfach ein Händchen für die großen Hits zu haben. Nicht nur „Jurassic World“ war ein überdimensionaler Hit und wurde zum dritterfolgreichsten Film aller Zeiten, sondern auch „Fifty Shades of Grey“ und „Fast & Furious 7“ feierten an den Kinokassen große Erfolge. In der Liga der genannten Filme spielt das N.W.A-Biopic „Straight Outta Compton“ vielleicht nicht mit, doch es gelang dem Film gleich an seinem Startwochenende sein Budget doppelt wieder einzuspielen. Die Glückssträhne von Universal reißt also nicht ab. Doch kann der Film über die kontroverse Rap-Combo aus den 1990er Jahren auch inhaltlich überzeugen?

Rassismus, Polizeigewalt und die Macht der Musik

„Straight Outta Compton“ nimmt uns mit nach Compton, Los Angeles, im sonnigen Bundesstaat Kalifornien in den späten 1980er Jahren. Doch für die in Compton lebenden Menschen ist die Situation weniger sonnig. Brutale Gangs regieren die Straßen, Drogen und Gewalt stehen an der Tagesordnung. Die Polizei geht zwar systematisch gegen Gangmitglieder und Drogenkriminalität vor, schikaniert dabei aber auch immer wieder die schwarze Bevölkerung. In diesen Straßen treffen wir auf Eric “Eazy-E“ Wright (Jason Mitchell), der mit dem Verticken von Drogen seinen Lebensunterhalt bestreitet. Auch für seinen Kumpel Andre “Dr. Dre“ Young (Corey Hawkins) werden die Straßen von Compton bald ein Zuhause, als er bei seiner Mutter auszieht und sich aufmacht, als DJ zu Ruhm und Ehre zu kommen.

Dr. Dres Freund O’Shea “Ice Cube“ Jackson (O’Shea Jackson, Jr.) kennt Compton dagegen wie seine Westentasche. Er ist ein sehr talentierter junger Rapper und Texter, der im täglichen Kampf gegen Rassismus, Polizeigewalt und Schikane versucht, seinen Weg zu gehen. Als er zusammen mit Dre im nahe gelegenen Club auflegt und die Bühne kurzerhand zur Hip-Hop-Stage verwandelt, ahnen sie, dass sie mit ihrem frischen Gangster-Rap-Sound nicht nur auf die Missstände in Compton aufmerksam machen und ihrer Wut gegenüber Polizei und Staat damit Ausdruck verleihen, sondern auch gleichzeitig die Massen in Ektase versetzen können.

Von Eazy-Es angesammelten Drogen-Geld gründen Eazy und Dr. Dre “Ruthless Records“ und holen noch DJ Yella (Neil Brown, Jr.) und MC Ren (Aldis Hodge) mit an Bord. Zusammen gründen sie die Hip-Hop-Combo N.W.A., die ihren einzigartigen, stark vom Funk beeinflussten Sound und eine Menge Compton-Street-Credibility in den Mainstream-Rap bringen will. Dabei soll ihnen der Manager Jerry Heller (Paul Giamatti) helfen, der sie beinah über Nacht zu wahren Superstars macht. Schnell haben sie den Ruf als “the world’s most dangerous group“ weg. Doch aus Rappern werden Geschäftsmänner und aus Geschäftsmännern Egos, was die Gang schon bald entzweien wird.

Mitreißendes Biopic mit politischer Brisanz

Biopics haben leider immer das Problem, dass sehr viele wichtige Ereignisse in die Länge eines abendfüllenden Spielfilms gepresst werden müssen. So ist es gar nicht anders möglich, als sich auf die wichtigsten Ereignisse zu konzentrieren und andere hinten runterfallen zu lassen. „Straight Outta Compton“ steht auch noch vor dem Problem, gleich einen ganzen Haufen von berühmten Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen beleuchten zu wollen, wodurch sich der Film dabei natürlich auf die wichtigsten Schritte auf dem Weg zum Ruhm beschränken muss und einige Dinge bewusst weglässt oder verkürzt darstellt.

So bekommen wir nur am Rande mit, dass N.W.A. auch schon vor dem Durchbruchsalbum „Straight Outta Compton“ Musik machten und die Alben „Panic Zone“ und  „N.W.A. and the Posse“ veröffentlichten. Auch das damalige Mitglied Arabian Prince ist nicht zu sehen. Der Film konzentriert sich beinah alleinig auf die ersten Gehversuche mit dem Song „Boyz-n-the-Hood “ von Eazy-E und dem legendären Album „Straight Outta Compton“.  Alle anderen musikalischen Aspekte aller Beteiligten werden außen vorgelassen.

Aber das alles ist Krümelkackerei, denn Regisseur F. Gary Gray gelingt mit „Straight Outta Compton“ ein sehr sehenswertes Werk über junge und talentierte Musiker, die durch das harte Leben in Compton und den ständigen Schikanen der Polizei geprägt wurden, ihrer Wut mit unverhülltem Gangster- und Party-Rap Ausdruck verliehen und damit einer ganzen Generation aus der Seele sprachen.

Wenn die Protagonisten ohne ersichtlichen Grund von der Polizei dazu angehalten werden, sich auf den Boden zu legen und sich kontrollieren zu lassen, dann bekommt „Straight Outta Compton“ plötzlich eine sehr aktuelle Note verpasst. Denn in letzter Zeit häufen sich wieder Berichte über unkontrollierte und unnötig brutale Polizeigewalt, über Rassismus und Schikane gegenüber der schwarzen Bevölkerung in den USA. Als Zuschauer sammelt sich da eine Wut im Bauch, die in den hervorragend inszenierten musikalischen Exzessen von N.W.A. münden. In diesen Momenten will man am liebsten aus dem Kinosessel aufspringen und laut „Fuck tha Police“ mitbrüllen.

Das letzte Drittel hinkt hinterher

Im letzten Drittel von „Straight Outta Compton“ kulminiert der Film dann leider etwas in eine Abarbeitung der wichtigsten Stationen der einzelnen N.W.A.-Künstler. Wie hinreichend bekannt sein dürfte, trennten sich irgendwann die Wege von Dr. Dre, Ice Cube, Eazy-E, MC Ren und DJ Yella. Wie bei vielen Biopics gelingt es auch „Straight Outta Compton“ ab hier nicht mehr, die episodisch-wirkenden Momente ohne zu eindeutige Sprünge und Auslassungen zu verbinden. Das letzte Drittel fällt also im Vergleich zum starken Beginn leider etwas ab.

Außerdem rückt ab hier vor allem der steile Karriereweg von Dr. Dre in den Mittelpunkt. Man merkt dem Film deutlich an, dass von der zu Beginn vorherrschenden harten Ehrlichkeit nur noch recht wenig vorhanden ist. Es wirkt beinah so, als ob von hier an vorsichtig nur die Perlen eines Lebens herausgepickt wurden. So wird der recht fiese Beef zwischen Dre und Eazy heruntergespielt und auch die persönlichen Fehltritte Dres bleiben beinah unerwähnt.

Aber auch hier: Das alles sind nur Kleinigkeiten, die das Gesamtergebnis wenig bis gar nicht trüben. Vor allem die Schauspieler legen durch die Bank weg hervorragende Performances hin. Das Casting sitzt wie der Rap auf dem Beat. O’Shea Jackson Jr. gelingt es, seinen Vater Ice Cube mit so viel Inbrunst und lässiger Coolnes auf der Leinwand zu verkörpern, dass es eine wahre Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Aber auch Corey Hawkins erweckt das junge Genie Dr. Dre mit viel Spielfreude zum Leben. Gefolgt von Jason Mitchell, der Eazy-Es Charisma und Charme atmet, ohne dabei den zerrissenen jungen und talentierten Mann zu vergessen, der sich hinter dem harten Gangster-Image versteckte.

Casting par excellence

Dieses Trio Infernale spielt die Rapper nicht nur, sie leben sie. Vom Aussehen, über die Körperbewegungen, bis hin zur Sprache. Hier stimmt einfach alles und das wunderbare Casting setzt sich beim Support-Cast, den kleinen Gastauftritten und den vielen Easter-Eggs fort. Wenn bei Death Row Records plötzlich ein 2Pac oder Snoop Doggy Dog im Studio steht, dann braucht man als Zuschauer nicht erst eine große Erklärung, wer das sein soll, sondern man SIEHT es förmlich. Vier Daumen hoch dafür!

Diese kleinen Überraschungen, die tollen Gastauftritte, die wunderbaren schauspielerischen Leistungen und die sehenswerte Inszenierung ikonischer Momente lassen dann auch recht schnell vergessen, dass „Straight Outta Compton“ im letzten Drittel seinen Blick weg vom sozial-politischen Kommentar hin zum Startum ändert. Wer auch nur ansatzweise etwas für Rap und Hip Hop übrig hat, der sollte sich diesen Film unbedingt ansehen. Danach werdet ihr eh drei Wochen lang N.W.A durch die Boxen pumpen. Versprochen. Und noch ein kleiner Tipp: Wenn ihr die Möglichkeit habt, schaut euch den Film in der Originalsprache an, denn durch die deutsche Synchro geht sehr viel Flair verloren und einige Momente wirken durch die Synchro ungewollt lächerlich.

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