Tatort Kritik: Deckname Kidon & der biedere Jahresauftakt aus Wien

Marek Bang

Den regulären Start in das neue Krimi-Jahr 2015 übernahmen gestern die Ermittler Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser aus Wien. Ob ihr Einsatz „Tatort: Deckname Kidon“ auch etwas taugte, erfahrt ihr bei uns. Hier kommt die aktuelle „Tatort“-Kritik von GIGA FILM zur Episode „Deckname Kidon“.

„Tatort“-Kritik: Deckname Kidon

Story

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Alle aktuellen Tatort-Kommissare im Überblick

Der Atomphysiker Dr. Bansari liegt tot auf dem Dach eines Taxis. Alles spricht zunächst für einen Selbstmord des Iraners und die „Tatort“-Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) inspizieren als erstes das Hotelzimmer des Toten, aus dessen Fenster sich der hochrangige iranische Diplomat vermeintlich freiwillig in den Tod stürzte. Die Kommissare zweifeln schnell an der Freitod-Theorie, zumal sich Dr. Bansari kurz vor seinem Ableben noch Karten für einen gediegenen Opernbesuch bestellt hat. Noch bevor das Ermittlerduo mit seiner Arbeit so richtig beginnen kann, erscheint ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft und beschlagnahmt Telefon und Computer des Toten. Auch Polizeichef Ernst Rauter (Hubert Kramar) erweist sich als keine große Hilfe und bremst Eisner und Fellner wegen angeblicher Geheimhaltungsklauseln bei der Ermittlungsarbeit mehr und mehr aus.

Trotz aller Hindernisse stoßen die Wiener Kommissare im „Tatort: Deckname Kidon“ dank der Bilder einer Überwachungskamera bald auf eine erste heiße Spur. Die führt sie erneut zu einem einflussreichen Vertreter der gehobenen Oberschicht. Diesmal handelt es sich um den zwielichtigen Lobbyisten Johannes Trachtenfels-Lissé (Udo Samel), der das Hotel kurz vor dem Ableben des Diplomaten Dr. Bansari verlassen hat. Eisner und Fellner decken Stück für Stück einen geheimen Millionen-Deal auf, in dem es um eine illegale Lieferung von Ventilen und Pumpen in den Iran geht. Das wäre eigentlich nicht weiter brisant, doch ausgerechnet diese Bauteile werden für die Anreicherung von Uran benötigt und gegen den Iran wurden bekannterweise Sanktionen verhängt, die eine Urananreicherung in Kernreaktoren strengstens untersagt. Einmal mehr stehen die Kommissare Eisner und Fellner vor schier übermächtigen Gegnern, die definitiv eine Nummer zu groß für die Ermittler sind, doch die beiden sind zäh und haben bekanntlich einen langen Atem…

Ermittler

Der Chefinspektor und spätere Major Moritz Eisner ist ein alter Hase im „Tatort“-Universum und ermittelt bereits seit 1999 und der Episode „Nie wieder Oper“ in der österreichischen Hauptstadt. Er ist Vater einer Tochter im besten Teenager-Alter und verfügt über den berühmt-berüchtigten Wiener Schmäh, der immer wieder für humorvolle Glanzlichter in seinen „Tatort“-Einsätzen sorgt. Waren die ersten Einsätze des gerechtigkeitsliebenden Gemütsmenschen meist eher gemächlicher Natur, änderte sich die ruhigere Gangart mit seinem 24. Einsatz und der Folge „Vergeltung“ schlagartig. Das liegt natürlich an seiner neuen Partnerin Bibi Fellner, einer quirligen und nicht immer pflegeleichten Polizistin, die mit zahlreichen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, wie etwa einem Alkoholproblem oder ihrer Beziehung zum zwielichtigen Kleinkriminellen Inkasso-Heinzi. Doch die Chemie zwischen den Ermittlern funktioniert bestens und die beiden pflegen auch privat eine ruppig-herzliche Freundschaft.

Beide Kommissare verfügen über einen guten Instinkt und können sich oft auf ihre Intuition verlassen. Ihre Gegner sind selten gewöhnliche Diebe oder Mörder, sondern meist ganze Mafia-Kartelle oder hochrangige Politiker. Was das anbelangt, macht auch die gestrige Episode „Tatort: Deckname Kidon“ keine Ausnahme, denn im Visier der Ermittler stehen neben einflussreichen Lobbyisten auch iranische Diplomaten und der israelische Geheimdienst Mossad.

Besondere Vorkommnisse

Wir zwei mitten in einem Agentenkrieg? fragt sich die wie immer forsch-resolute Bibi Fellner zu Beginn des ersten regulären „Tatorts“ im Krimi-Jahr 2015. Und tatsächlich gibt sich die gestrige Episode als Polit-Thriller mit aktuellem Gewand und thematisiert die Sanktionen des Westens gegen den Iran. Wieder einmal legen sich die Wiener Kommissare mit höheren Mächten an, denen sie eigentlich kaum etwas entgegenzusetzen haben. Doch im Gegensatz zu vergangenen Episoden aus Österreich wie etwa dem Actionthriller „Kein Entkommen“ (2012), der zeitweise einen neuen Leichenrekord aufstellte, fährt Regisseur Thomas Roth diesmal kein besonderes Spektakel auf und dringt auch nicht sonderlich tief in die eigentlich brisante Materie ein.

Ein zentrales besonderes Vorkommnis ist im „Tatort: Deckname Kidon“ überraschenderweise nicht in der großen Politik zu finden, sondern im privaten Umfeld des Kommissars. Nachdem seine Tochter Claudia (Tanja Raunig) in der vorletzten Wiener Episode „Abgründe“ mit dem Auto verunglückte und einem Anschlag zum Opfer fiel, der eigentlich ihrem Vater gegolten hat, scheinen ihre Verletzungen schlimmer zu sein als anfangs angenommen. Die junge Frau sitzt im Rollstuhl und ihre Rehabilitation geht nur mühsam voran. Da dieser Fakt in der letzten Episode „Paradies“ nicht mehr als eine Randnotiz bildete, wirkte die vergleichsweise prominente Abhandlung dieser Nebenhandlung im gestrigen „Tatort“ eher irritierend und manch geneigter Krimi-Fan musste erst einmal überlegen, was denn genau der armen Frau zugestoßen sein könnte.

Fazit

Nach dem spritzig-schrägen Neujahrs-Special „Der Irre Iwan“ mit Nora Tschirner und Christian Ulmen begann gestern Abend das offizielle „Tatort“-Jahr mit den in den vergangenen Jahren immer stärker gewordenen Ermittlern aus Wien. Doch im Vergleich zu seinen explosiven Vorgängern blieb der „Tatort: Deckname Kidon“ fast schon bieder. Das liegt zum einen daran, dass Autor Max Gruber seine Protagonisten nicht sonderlich tief in die Materie eintauchen lies und das brisante Potenzial der eigentlich überzeugenden Grundidee nicht völlig auszuschöpfen vermochte. Ein anderer Grund für die eher durchschnittliche Folge des gestrigen Sonntag Abends sind die überraschend zahmen Ermittler. Besonders der Vulkan Bibi Fellner wirkte wie an die Leine genommen und wir bekamen gestern kaum einen Einblick in ihr spannend-abgründiges Seelenleben. Auch der lieb gewonnene Inkasso-Heinzi musste sich den „Tatort“ diesmal im Fernsehen anschauen, auf seinen Auftritt wurde ebenfalls verzichtet.

Mit dem „Tatort: Deckname Kidon“ ist den Wienern diesmal kein großer Wurf gelungen und die an einigen Stellen etwas vorhersehbare Handlung plätscherte mehr vor sich hin als dass sie fesseln konnte. Dennoch war der Fall durchgehend gut gespielt und streifte zumindest an der Oberfläche ein durchaus interessantes und relevantes Thema. Letztlich ist der gestrige „Tatort“ einfach zu bieder geraten, was dahingehend besonders schade ist, da wir wissen, dass es die Wiener eigentlich besser können. Und seit wann darf in der ARD ein Volkswagen nicht mehr das VW-Emblem tragen?

Bis zum 11.01.2015 könnt Ihre Euch den „Tatort: Deckname Kidon“ ab 20 Uhr in der Mediathek der ARD anschauen. Hier ist  eine Übersicht über alle aktuellen „Tatort-„Kommissare.

Tatort: Deckname Kidon - Trailer deutsch.

 

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