Tatort Kritik: Eine Frage des Gewissens in Stuttgart

Marek Bang

Ein „Rettungsschuss“ wird dem Stuttgarter Ermittler Lannert zum Verhängnis, doch der leidende Held der gestrigen „Tatort“-Folge ist dennoch Lannerts Kollege Bootz, dessen Leben nach der Scheidung aus dem Ruder zu laufen scheint. Hier kommt die aktuelle „Tatort“-Kritik von GIGA FILM zur Episode „Eine Frage des Gewissens“.

„Tatort“-Kritik: Eine Frage des Gewissens

Story

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Alle aktuellen Tatort-Kommissare im Überblick

Im Normalfall ist der sonntägliche „Tatort“ vom Actionthriller im Stile Hollywoods weit entfernt und präsentiert uns statt eines schießwütigen „Dirty Harry“ einen vergleichsweise authentischen Alltag gewöhnlicher Polizeiarbeit. Daher spielt auch immer wieder der einmalige Gebrauch der Schusswaffe durch einen Polizisten eine abendfüllende Rolle, besonders wenn er wie in der gestrigen Episode „Tatort: Eine Frage des Gewissens“ zum Tod eines Menschen führt. Genau das passiert dem Stuttgarter Kommissar Thorsten Lannert (Richie Müller), der im Einsatz während eines Raubüberfalls den gemeingefährlichen Täter mit der Waffe tödlich verletzt, nachdem dieser versucht hat, eine Geisel zu nehmen.

Wie in solchen Fällen üblich muss sich der Polizist daraufhin einer Routine-Untersuchung stellen, in der über die Verhältnismäßigkeit seiner Mittel geurteilt wird. Doch für Lannert kommt es schlimmer als gedacht, denn die Mutter des Toten engagiert ein knallhartes Anwalts-Ehepaar und verklagt den Polizisten auf fahrlässige Tötung. Sein Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) eilt Lannert zwar zur Hilfe, doch so recht erinnern kann er sich an den Zwischenfall im Supermarkt nicht. Als kurze Zeit später auch noch eine wichtige Zeugin tot aufgefunden wird, nimmt der Fall eine zunehmend dramatische Wendung. Ausgerechnet in diesem Moment soll Lannert der gesamte Fall wegen Befangenheit entzogen werden und der sowieso schon verunsicherte Bootz müsste allein herausfinden, ob ein Zusammenhang zwischen dem Überfall und dem Mord an der Zeugin besteht. Keine gute Ausgangslage für die Stuttgarter Polizei, da auch Sebastian Bootz alles andere als konzentriert zu Werke gehen kann, weil er immer noch mit den schmerzhaften Folgen seiner Scheidung zu kämpfen hat.

Ermittler

Kriminalhauptkommissar Thorsten Lannert ermittelte einst undercover gegen die organisierte Kriminalität in Hamburg und musste verkraften, dass seine Familie bei seiner Enttarnung ermordet wurde. In Stuttgart wagte der leidenschaftliche Porsche-Fahrer daraufhin einen Neuanfang bei der Mordkommission. Mit privaten Kontakten tut sich der Polizist seitdem schwer, eine zarte Annäherung an seine Nachbarin blieb nur von kurzer Dauer. Sein Kollege Sebastian Bootz hat hingegen Frau und Kinder, zumindest in den ersten Episoden des seit 2008 ausgestrahlten „Tatorts“ aus der Baden Württembergischen Landeshauptstadt. Obwohl er sich immer bemüht hat, Familienleben und Beruf irgendwie parallel zu meistern, wurde er in der Folge „Spiel auf Zeit“ (2013) verlassen und hat seitdem mit sich und der Welt zu kämpfen. Auch in der gestrigen Episode „Tatort: Eine Frage des Gewissens“ nehmen die familiären Probleme von Sebastian Bootz einen zentralen Platz ein und werden dramaturgisch in den Fall eingeflochten.

Untereinander harmonieren die beiden Kommissare nach einigen Anfangsschwierigkeiten mittlerweile bestens und auch nach Dienstschluss stehen sie sich nahe genug, um sich gegenseitig in jeder Lebenslage zu helfen. Die Ermittlungen gegen Thorsten Lannert und die widersprüchlichen Aussagen seines Partners stellten die Männerfreundschaft der beiden Ermittler am gestrigen Krimi-Abend jedoch auf eine harte Probe.

Besondere Vorkommnisse

„Lass uns lieber in eine Kneipe gehen“ sagt Sebastian Bootz zu seinem Kollegen und lässt Lannert nicht in die vermüllte Wohnung. Der von seiner Familie verlassene Kommissar möchte seinen neuerdings viel zu hohen Alkoholkonsum vor seinem Freund und Partner verstecken und so trinkt er daheim noch schnell die geöffnete Flasche Wein aus, bevor er in der Kneipe bei Kaffee und Wasser bleibt. Die Kinder sind mit dem neuen Freund ihrer Mutter bereits im ersten gemeinsamen Urlaub und der tief verletzte Kommissar ist drauf und dran, in eine ernsthafte Depression zu schlittern.

Das besondere Vorkommnis des gestrigen „Tatorts“, der sogenannte Rettungsschuss von Kommissar Lannert, gerät zunehmend in den Hintergrund und der Zuschauer merkt schnell, dass nicht Lannert, sondern der völlig derangierte Bootz die eigentliche Leindensfigur des sonntäglichen Abends ist. Bevor sich die Episode im letzten Drittel durch eine arg konstruierte Wendung wieder dem aufzuklärenden Verbrechen widmet, liefert der „Tatort: Eine Frage des Gewissens“ vor allem eine Studie über das Seelenleben des sitzen gelassenen Kommissars, der wie immer stoische Todesschütze Lannert spielt bald nur noch die zweite Geige.

Fazit

Konsequent erzählt der gestrige „Tatort“ die private Leidensgeschichte seines Kommissars weiter und liefert daneben solide Krimi-Unterhaltung. Wie die meisten Episoden aus Stuttgart weiß auch die aktuelle Folge aus Baden Württemberg weder zu einhundert Prozent zu überzeugen, noch ist sie völlig missraten. Nach recht starkem Anfang verliert Regisseur Till Endemann den eigentlichen Fall etwas aus den Augen und behilft sich im letzten Drittel leider mit einer recht abstrusen Wendung, bei der Kommissar Zufall die Hauptrolle spielt. Bei dem durchaus brisanten Thema hätte es schon ein realistischeres Szenario sein dürfen und so ist der „Tatort: Eine Frage des Gewissens“ letztlich, trotz einiger starker Momente, eine kleine Enttäuschung. Potenzial ist im Schwabenland aber nach wie vor vorhanden und so hoffen wir auf eine stärkere Episode im kommenden Jahr.

Bis zum 30.11.2014 könnt Ihre Euch den „Tatort: Eine Frage des Gewissens“ ab 20 Uhr in der Mediathek der ARD anschauen. Hier ist  eine Übersicht über alle aktuellen „Tatort-„Kommissare.

Tatort: Eine Frage des Gewissens - Trailer.

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