Tatort Kritik: Hydra - Rechte Gewalt & ein irrer Kommissar in Dortmund

Marek Bang

Gestern Abend wurde der wilde Kommissar Peter Faber wieder von der Leine gelassen und bekam es im „Tatort: Hydra“ mit Neonazis und deren Opfern zu tun. Ob der brisante „Tatort“auch überzeugen konnte, erfahrt ihr bei uns. Hier kommt die aktuelle „Tatort“-Kritik von GIGA FILM zur Episode „Hydra“.

„Tatort“-Kritik: Hydra

Story

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Alle aktuellen Tatort-Kommissare im Überblick

Kai Fischer wird im „Tatort: Hydra“ aus nächster Nähe erschossen. Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann ) und sein Team finden den Toten in einer Dortmunder Industrieruine und sofort fallen dem Zuschauer Schmierereien mit rechten Parolen an den Wänden auf. Das ist kein Zufall, denn bei dem Mordopfer handelt es sich um den Anführer einer Neonazi-Organisation, die sich in bürgerlichem Gewand auf Stimmenfang im Ruhrgebiet befindet. Kai Fischers schwangere Frau Tanja (Emily Cox) hat sogleich eine Verdächtige parat: Die ebenfalls der rechten Szene zugehörige Frau beschuldigt Jedida Steinmann (Valerie Koch), ihres Zeichens Leiterin einer Beratungsstelle gegen rechte Gewalt, ihren Mann getötet zu haben und setzt im gleichen Atemzug zu einer ersten rassistischen Beleidigung gegen Oberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) an. Für die türkisch stämmige Polizistin wird es in dem brisanten „Tatort“ noch deutlich ungemütlicher, denn ihr wenig sensibler Chef Faber möchte mit seiner Kollegin gern guter Bulle, böser Bulle spielen und mit Noras Migrationshintergrund im rechten Sumpf bewusst provozieren.

Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die unrühmliche Vergangenheit von Kai Fischer, der einst angeklagt war, den Ehemann von Jedida Steinmann getötet zu haben, jedoch aus Mangeln an Beweisen freigelassen wurde. Hat seine Frau also doch recht und die Witwe wollte sich rächen? Polizeioberkommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske) ist sich sicher und stattet der verunsicherten Frau einen Besuch der ruppigeren Art ab. Schnell ist er den Fall los, doch das hat einen anderen Grund: Sein eigener Bruder Tobias Kossik (Robert Stadlober) ist in der rechten Szene aktiv und droht immer mehr im braunen Sumpf zu versinken. Der orientierungslose junge Mann ist bald auch an einem Überfall beteiligt, dessen Opfer niemand geringeres als Kommissarin Dalay ist…

Ermittler

Hauptkommissar Peter Faber ist eine tickende Zeitbombe. Der Chef der Dortmunder Mordkommission hat seine Familie durch ein Gewaltverbrechen verloren und ist seitdem schwer traumatisiert. Dementsprechend schwierig gestaltet sich jegliche Zusammenarbeit mit dem unberechenbaren Mann, der schon mal sein Büro und die sanitären Anlagen der Dienststelle demoliert, um sich abzureagieren. Bei all dem Wahnsinn darf aber nicht vergessen werden, dass der Kommissar ein hochintelligenter Ermittler ist, der sich besonders gut in das Gefühlsleben der abgründigsten Täter hineinversetzen kann.

Peter Faber stellt gern die möglichen Tathergänge nach und lässt sich bei dieser Aktivität am liebsten von seiner entnervten Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) helfen und rückt ihr dabei oft zu nah auf die Pelle. Dabei hat die Mutter zweier fast erwachsener Söhne selbst genug Probleme am Hals, denn ihre Ehe steht vor dem Aus und ihre schnellen Abenteuer mit wechselnden Bekanntschaften sind auf die Dauer auch nicht erfüllend. Vervollständigt wird das Team durch die jungen Oberkommissare Nora und Daniel, die privat ein Verhältnis miteinander haben oder hatten und dementsprechend auch nicht wirklich zu einer harmonischen Arbeitsatmosphäre beitragen.

Besondere Vorkommnisse

Peter Fabers Charakter ist schon ein besonders Vorkommnis für sich und das Gebaren des Kommissars sucht im aktuellen“Tatort“-Universum seinesgleichen. Am ehesten ist der völlig durchgeknallte Ermittler noch mit dem rabiaten Klassiker-Cop Horst Schimanski zu vergleichen, nur dass dieser nicht von unerbittlichen Dämonen einer tragischen Vergangenheit gezeichnet war. Wundersamer Weise gelingt es dem Schauspieler Jörg Hartmann aber bislang immer, seine Figur nicht als „Dirty Harry“-Verschnitt oder gar als überzeichneten Clown zu verkörpern, sondern als vielschichtigen und hochkomplexen Charakter, der auch über eine empathische Seite verfügt und während der Ermittlungen trotz seiner Ausbrüche niemals sein Ziel aus den Augen verliert.

Da der exzentrische Ermittler aber nicht die einzige problembeladene Figur im Dortmunder „Tatort“ ist, hat die gestrige Episode „Hydra“ neben ihrem brisanten Thema rechte Gewalt in Zeiten von Pegida und Islamophobie noch einige weitere Besonderheiten zu bieten, wie sie wohl jeden anderen „Tatort“ gesprengt hätten. Die Beziehung von Nora und Daniel ist nach der Abtreibung der jungen Polizistin beendet und zwischen den beiden herrscht eisiges Schweigen. Als ob das allein nicht schon schlimm genug wäre, haben die beiden Jungermittler jeweils für sich nochmals mit dem rechten Mob zu kämpfen. Während Daniel versucht, zu seinem radikalisierten Bruder durchzudringen, bekommt seine Kollegin den Hass der Neonazis am eigenen Leib zu spüren.

Fazit

Der gestrige „Tatort: Hydra“ wagt sich an das heikle Thema rechte Gewalt und zeigt die Neonazi-Szene als Konglomerat scheinbar harmloser Anzugträger und gewaltbereiter Schläger. In der ambivalenten Figur von Robert Stadlober gelingt zudem ein realistisches Szenario des Einstiegs eines orientierungslosen jungen Mannes in die rechte Szene. Doch so gelungen das Drehbuch von Jürgen Werner auch sein mag, der gestrige „Tatort“ steht und fällt mit dem grandiosen Jörg Hartmann, der einmal mehr seine ganze schauspielerische Klasse unter Beweis stellt. Ähnlich wie im Rostocker „Polizeiruf 110“ gelingt es dem Dortmunder „Tatort“, die an sich mit Konflikten und Problemen völlig überladenen Ermittler glaubhaft und packend zu inszenieren, ohne dass die privaten Eskapaden wie etwa bei den Leipziger Episoden zu sehr vom eigentlichen Fall ablenken würden. Das ist für einen sonntäglichen Krimi-Abend schon sehr beachtlich und so können wir uns bereits jetzt auf einen weiteren Fall aus Dortmund freuen, denn es ist nach den bisherigen Erfahrungen davon auszugehen, dass die hohe Qualität gehalten werden kann.

Bis zum 18.01.2015 könnt Ihre Euch den „Tatort: Hydra“ ab 20 Uhr in der Mediathek der ARD anschauen. Hier ist  eine Übersicht über alle aktuellen „Tatort-„Kommissare.

Tatort: Hydra - Trailer deutsch.

 

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