Tatort Kritik: Niedere Instinkte zum furios schrägen Leipziger Finale

Marek Bang

In ihrem letzten Fall geht es hoch emotional zur Sache: Simone Thomalla und Martin Wuttke  verabschieden sich mit der Episode „Niedere Instinkte“ aus dem Leipziger „Tatort“ mit einem spektakulär verrückten Knall, der in dieser Form nicht zu erwarten war.  Hier kommt die aktuelle „Tatort“-Kritik von GIGA FILM zur Episode „Niedere Instinkte„.

„Tatort“-Kritik: „Niedere Instinkte

Story vom „Tatort: Niedere Instinkte“

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Alle aktuellen Tatort-Kommissare im Überblick

Im letzten „Tatort“-Einsatz von Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) geht es um Kindesentführung und religiösen Wahn, vor allem aber um die komplexe Beziehung der Kommissare untereinander, von jeher ein zentrales Thema in Leipzig.

Die achtjährige Magdalena bleibt im „Tatort: Niedere Instinkte“ an einem Montagmorgen dem Unterricht fern und zu Hause weiß niemand so recht, wo das Mädchen stecken könnte. Sollte sie entführt worden sein, wird sie sich sowieso wieder unversehrt einfinden, so die Meinung der Eltern, ihres Zeichens fanatisch religiös und daher gefangen zwischen verstörendem Optimismus und undurchdringbarem Fatalismus. Die Leipziger Polizei löst eine Großfahndung aus, die zunächst ins Leere führt. Dann entdeckt Andreas Keppler in einer Unterführung eine verwertbare Spur, die zu Lehrer Wolfgang Prickel (Jens Albinus) und seiner Frau Monika (Susanne Wolff) führt…

Ermittler im „Tatort: Niedere Instinkte“ Simone Thomalla als Eva Saalfeld und Martin Wuttke als Andreas Keppler

Die Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler waren in einem früheren Leben ein glücklich verheiratetes Paar, doch dann zerstörte der plötzliche Tod ihres Kindes das gemeinsame Glück. Beide waren verzweifelt, doch sie gingen unterschiedlich mit dem Schicksalsschlag um. Während sich Keppler zum griesgrämigen Alkoholiker wandelte, konnte sich seine Frau aufrappeln und trennte sich schweren Herzens von Keppler, um selbst nicht zugrunde zu gehen und ein neues Leben anfangen zu können. Jahre später wurden sie dann erneut Partner, jedoch nur auf beruflicher Ebene. Dennoch stand die Vergangenheit in den letzten 20 „Tatort“-Episoden immer zwischen den Ermittlern.

Kaum ein anderer „Tatort“ rückte die privaten Befindlichkeiten und Probleme seiner Ermittler derartig in den Vordergrund wie die seit 2008 ausgestrahlten Episoden aus Leipzig. Vielen Fans ist das seit jeher zu viel des Guten und so dürften sich auch einige „Tatort“-Fans freuen, dass das Duo aus Leipzig vom MDR gestern Abend in Rente geschickt wurde. Allerdings waren viele Fälle qualitativ gar nicht schlecht und Saalfeld und Keppler wurden auch immer ein wenig zu Unrecht unterschätzt. Besonders der Theater-Star und „Inglorious Basterds“-Darsteller Martin Wuttke stellte sein schauspielerisches Können stets zuverlässig unter Beweis. Kein Wunder und höchste Zeit also, dass er zum Abschied ein fulminantes Solo spendiert bekam, das seinesgleichen sucht.

Besondere Vorkommnisse im „Tatort: Niedere Instinkte“

In Your Face: Andreas Keppler sitzt in seiner überschwemmten Wohnung, trinkt ein Bier und setzt zu seinem ersten Monolog an, unmittelbar gerichtet an den Zuschauer des gestrigen „Tatorts“. Zum einen ist dies eine Referenz an den Theater-Star Martin Wuttke, zum anderen eine Warnung an jeden, der die Fälle aus Leipzig kennt. Der Kommissar ist ja bekanntermaßen trockener Alkoholiker. Doch schnell wird klar, dass es im „Tatort: Niedere Instinkte“ nicht um einen möglichen Rückfall Kepplers geht oder eine kleine Hommage an dessen Darsteller. Ganz im Gegenteil sprengt die gestrige Folge den Rahmen des sonntäglichen Krimi-Abends komplett, vergleichbar nur mit dem Murot-Exzess „Im Schmerz geboren“.

Keppler fragt den Zuschauer nach dem Sinn des Lebens und die Person des Theater-Stars Wuttke verschmilzt mit der seines Kommissars. Wie entfesselt rennt, torkelt und balzt er sich durch 90 surreale Minuten, wird für den verzweifelten Vater des entführten Mädchens gar zum Messias und beschimpft seine große Liebe Eva Saalfeld als Kindsmörderin Medea. Das ist natürlich nicht nur harter Tobak, sondern erfordert vom Zuschauer auch eine gewisse Allgemeinbildung in puncto Theatergeschichte und Weltliteratur. Doch zum Nachschlagen im Lexikon bleibt keine Zeit, denn es geht Schlag auf Schlag. Das Ermittler-Paar Saalfeld und Keppler lässt nach 20 gemeinsamen Episoden im „Tatort“-Universum alles an Emotionen heraus, was sich über die letzten sieben Jahre so angestaut hat, inklusive Eifersuchtsszenen, Liebes- und Hassbekundungen auf beiden Seiten und alles gern inmitten der Kollegen.

Bei all diesen Extravaganzen darf man die dem Zuschauer schnell bekannten Entführer der kleinen Magdalena nicht übersehen, die den Kindsverlust der Kommissare in einer abgründig-bösen Variante nochmal nachspielen und mit ihren Masken und dem sich dahinter verborgenen Wahnsinn nachhaltig verstören.

Fazit vom „Tatort: Niedere Instinkte“

Ein Abschied der leisen Töne geht anders und mich beschleicht das Gefühl, dass vor der Entscheidung des MDR, auf die Dienste von Keppler rund Saalfeld zu verzichten, noch einige Ideen im Schrank lagen, wie es denn mit den Kommissaren in den nächsten Jahren weitergehen könnte. Die wurden gestern Abend nun alle auf einmal abgehandelt und irgendwo lag sicher auch noch eine Story über religiöse Fanatiker in der Schublade. Trotz toller Schauspieler ging dieser Erzählstrang dann völlig unter, denn die gesamte tragische Vergangenheit  der Ermittler wurde ebenfalls im „Tatort: Niedere Instinkte“ in all ihren Facetten im Schnelldurchlauf nacherzählt. Keine Spur mehr von der zaghaften Annäherung früherer Folgen oder filigraner Ermittlungsarbeit. Hier feiern Autor Sascha Arango und Regisseurin Claudia Garde ihre Figuren und deren Geschichte mit einem Fernsehereignis jenseits der gängigen Sehgewohnheiten eines gemütlichen „Tatort“-Krimi-Abends.

Alles, was die Zuschauer am Leipziger „Tatort“ liebten oder hassten, wurde gestern Abend auf die Spitze getrieben und dem Publikum mit Wonne vor den Latz geknallt. Wer mit Saalfeld und Keppler schon früher etwas anfangen konnte, bekam eine furiose Abschiedsfolge spendiert. Alle anderen dürften sich schwer wundern, warum es beim MDR so lange bis zu diesem fulminanten Knall gebraucht hat. Auf jeden Fall ist das „Tatort“-Universum nun um zwei schillernde Figuren ärmer und das „Tatort“-Jahr 2015 um ein Highlight reicher.

Bis zum 03.05.2015 könnt ihr euch den „Tatort: Niedere Instinkte“ ab 20 Uhr in der Mediathek der ARD anschauen. Hier ist eine Übersicht über alle aktuellen „Tatort-„Kommissare, ein „Tatort-Quiz“ haben wir auch für euch vorbereitet.

Tatort: Niedere Instinkte - Trailer deutsch.

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