Tatort Kritik: Schutzlos bietet ungeahnte Stärken und gewohnte Schwächen

Marek Bang

Im schweizer „Tatort“ bekommen es die Kommissare Flückinger und Ritschard mit dem Mord an einem Asyl suchenden Jugendlichen aus Nigeria zu tun, der scheinbar in Drogengeschäfte verwickelt war. Ob der „Tatort“ seinem brisanten Thema gerecht werden konnte, erfahrt ihr bei uns. Hier kommt die aktuelle „Tatort“-Kritik von GIGA FILM zur Episode „Schutzlos„.

Story vom „Tatort: Schutzlos“

Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) hat Migräne und sieht die Welt um ihn herum plötzlich verschwommen. Doch gerade jetzt wäre ein wacher Blick ratsam, denn im Luzerner  „Tatort“ tun sich wahre Abgründe auf. Der Jugendliche Ebi Osodi liegt erstochen unter einer Brücke und die Ermittlungen führen den Kommissar und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) ins Drogenmilieu. Erste Indizien weisen im „Tatort: Schutzlos“ darauf hin, dass es sich bei dem Toten um einen sogenannten UMA handelt, beamten-schwyzerdütsche Abkürzung für unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender.

Bilderstrecke starten(20 Bilder)
Alle aktuellen Tatort-Kommissare im Überblick

Der sechzehnjährige Edi war der Polizei schon länger als Drogendealer bekannt und der neue Luzerner Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu) würde den Fall als Rache-Mord unter Junkies gern rasch zu den Akten legen. Doch besonders die empathische Liz lässt nicht locker und interessiert sich für die wahren Hintergründe des Mordes. Werden minderjährige Asylbewerber zum Drogenhandel systematisch gezwungen? Eine Antwort könnte die junge Jola (Marie-Helene Boyd) geben, doch die Bewohnerin eines Heimes für Flüchtlinge hat panische Angst, mit der Polizei zusammenzuarbeiten…

Ermittler im „Tatort: Schutzlos“: Stefan Gubser als Reto Flückiger und Delia Mayer als Liz Ritschard

Seit 2010 leitet Kommissar Reto Flückiger bei der kantonalen und städtischen Polizei in Luzern die sogenannte Gruppe Delikte Leib und Leben. Der Segelboot-affine Schweizer muss sich zusammen mit seiner Kollegin Liz Ritschard seitdem oft mit drastischen Fällen auseinandersetzen, die nicht selten ihre Ursache in einem Familiendrama haben. Und auch im „Tatort: Schutzlos“ wird auf diese Komponente nicht gänzlich verzichtet. Neu sind die gesundheitlichen Probleme des Ermittlers, der gar einen Tumor als Ursache für seine Kopfschmerz-Attacken vermutet.

Ob Reto Flückinger und seine deutsche Kollegin von der anderen Seite des Bodensees, Kommissarin Blum, einst mehr als ein beruflicher Kontakt verband, wird ab und zu kurz angerissen, aber nie beantwortet. Daran ändert auch der gestrige Fall nichts, dafür bietet das brisante Thema nicht den passenden Rahmen.

Tatort im Live Stream und im TV in HD online sehen*

Besondere Vorkommnisse im „Tatort: Schutzlos“

Der schweizer „Tatort: Schutzlos“ schwimmt auf der politisch brisanten Welle der jüngsten „Tatort“-Historie. Mal versucht sich der Krimi von Regisseur Manuel Flurin Hendry als Milieustudie, dann wieder als Flüchtlingsdrama. Mit der neu eingeführten Figur des stockstreifen greisen Polizeichefs bekommt auch die Bräsigkeit der Behörden ein Gesicht, die auf die real existierenden Probleme der schweizer Asylpolitik keine Antwort parat hat. Streckenweise funktioniert der Film auch in seinen Einzelteilen ganz gut, was an starken Nebendarstellern und einer straffen Erzählweise liegt. Die gesundheitlichen Probleme des Kommissars und die daraus resultierenden Halluzinationen wirken hingegen aufgesetzt und unfreiwillig komisch.

Fazit vom „Tatort: Schutzlos

Mit dem größten Respekt an die Eidgenossen muss an dieser Stelle gesagt werden, dass der „Tatort“ aus der Schweiz noch nie eine Zierde der sonntäglichen Krimi-Unterhaltung war und es wohl auch in Zukunft nicht wird. Während die Kollegen aus Österreich es immer wieder schaffen, auf charmante Art und Weise ihren Lokalkolorit auch dem norddeutschesten Friesen näher zu bringen, wollen die Luzerner Beiträge einfach nicht funktionieren. Das liegt zum einen daran, dass alle Beteiligten hochdeutsch synchronisiert palavern und somit die Authentizität schon flöten geht, bevor die Story überhaupt anfängt, zum anderen aber leider auch am Personal. Stefan Gubser spielt seinen Kommissar trotz neuerlicher Schwindelanfälle an der Grenze zur belanglosen Beliebigkeit. Seine Kollegin Liz Ritschard verfügt nicht nur über den dämlichsten Nachnahmen im „Tatort“-Universum, sondern ist als taffe Ermittlerin mit Herz ungefähr so originell angelegt wie ein muffliger Kommissar mit privaten Problemen.

Dennoch gelingt es der Episode „Schutzlos“ neben all ihren Unzulänglichkeiten, einen spannenden Fall halbwegs glaubhaft und fesselnd zu erzählen. Die Gründe dafür sind schnell gefunden und heißen straffe Inszenierung und Marie-Helene Boyd. Dank der überzeugenden Nachwuchskraft ist der gestrige „Tatort“ stellenweise richtig fesselnd erzählt und darf sich locker als einer der stärksten Beiträge aus Luzern bezeichnen. Leider ist das kein besonders großes Lob, dennoch ist der „Tatort: Schutzlos“ alles in allem eine positive Überraschung.

Bis zum 12.07.2015 könnt Ihr euch den „Tatort: Schutzlos“ ab 20 Uhr in der Mediathek der ARD anschauen. Hier ist eine Übersicht über alle aktuellen „Tatort-„Kommissare, ein „Tatort-Quiz“ haben wir auch für euch vorbereitet.

Tatort: Schutzlos - Trailer deutsch.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung