Tatort Kritik: Vielleicht - Einsamer Abschied in Berlin

Marek Bang 2

Boris Aljinovic ermittelt zum letzten Mal in Berlin. Nach dem abrupten Ende des Duos Ritter und Stark stand sein Kollege Dominic Raacke nicht mehr für eine Abschiedsfolge zur Verfügung. Und so geriet der gestrige Krimi zu einer einsamen Ehrenrunde für den sensiblen Kommissar von der Spree. Hier kommt die aktuelle „Tatort“-Kritik von GIGA FILM zur Episode „Vielleicht“.

„Tatort“-Kritik: Vielleicht

Story

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Alle aktuellen Tatort-Kommissare im Überblick

In seinem letzten „Tatort“-Einsatz bekommt es Kriminalhauptkommissar Stark (Boris Aljinovic) mit einer toten Studentin zu tun. Die junge Lisa Steiger (Tinka Fürst) wurde ermordet, kurz nachdem sie sich von ihrem Freund Florian (Florian Bartholomäi) getrennt hat. Damit wäre zwar ein erster Verdächtiger verfügbar, doch den Ermittler treibt eine ganz andere, äußerst seltsame Begebenheit um. Zwei Monate vor dem Mord sagte die verstörte norwegische Studentin Trude Thorvaldsen (Olsen Lise Risom) bei der Berliner Polizei aus, dass sie von einem grausigen Mord geträumt habe und befürchte, ihre Vorahnung könne Realität werden. Tatsächlich eröffnen sich dem Kommissar frappierende Parallelen zwischen dem Traum von Trude und den Umständen des Mordes an der Studentin Lisa.

Felix Ritter glaubt der geplagten Trude und ihren Visionen und geht davon aus, dass die junge Norwegerin über das sogenannte zweite Gesicht verfügt und Ereignisse vorausahnen kann. Bald geschieht jedoch ein zweiter Mord und Trude hat dazu noch eine Vorahnung, die dem zunehmend nervöseren Großstadt-Kommissar gar nicht gefallen dürfte.

Ermittler

Kriminalhauptkommissar Felix Stark ermittelte seit der Episode „Berliner Bärchen“ aus dem Jahr 2001 an der Seite seines Kollegen Till Ritter (Dominik Raacke) und bildete den einfühlsamen Gegenpol zum machohaften Großstadt-Cowboy, der als Lederjacken tragende „Schimanski“-Variante von der Spree angelegt war. Trotz zuletzt qualitativ hochwertiger Episoden und ordentlicher Quote gab die ARD Anfang des Jahres 2014 bekannt, den Berliner „Tatort“ verjüngen zu wollen und das Ermittler-Duo Ritter und Stark in Rente zu schicken. Daraufhin ließ der zu Recht eingeschnappte Dominic Raacke verlauten, nicht mehr für eine Abschiedsfolge zur Verfügung zu stehen.

Felix Stark muss im „Tatort: Vielleicht“ also zum ersten und letzten Mal ohne seinen Partner ermitteln. Der Kommissar pflegte zwar generell ein recht gutes Verhältnis zu seinem ruppigen Kollegen, diente aber auch gelegentlich als Abfalleimer für dessen schlechte Launen und wurde auf Grund seiner Körpergröße auch schon mal als Wicht verunglimpft. Felix Ritter ist allein erziehender Vater eines Sohnes und stets bemüht, Familienleben und Berufsalltag miteinander in Einklang zu bringen. Seine mitfühlende, zurückhaltende Art unterschied ihn meist von seinem knurrigen Kollegen Ritter. Im „Tatort: Vielleicht“ fehlte am gestrigen Abend der erdige Gegenpart, so dass Felix Stark in den verhängnisvollen Visionen der norwegischen Studentin ungebremst versinken konnte.

Besondere Vorkommnisse

Das größte besondere Vorkommnis ist natürlich das Fehlen von Kommissar Ritter und die damit zu Unrecht abgeblasene Abschiedsfolge des Berliner Ermittler-Duos. Nach dem exzellenten „Tatort: Großer schwarzer Vogel“ wählte Dominik Raake bekanntlich die polnische Art der Verabschiedung und so muss sich Boris Aljinovic allein ein letztes Mal durch den Großstadtdschungel Berlins kämpfen. Aus dem Hintergrund erwähnt jemand kurz die Ritterstraße, ansonsten geht der „Tatort“ gar nicht auf das Fehlen des Kommissars ein.

Im Mittelpunkt des gestrigen Krimis steht ganz allein Felix Stark und bereits in der ersten Einstellung wird deutlich, dass wir uns nicht in einer ganz normalen Episode befinden. Der Kommissar sieht schlecht aus, sein Gesicht wirkt eingefallen und die großen braunen Augen strahlen Traurigkeit aus. Über der gesamten, in ruhigen Bildern erzählten Folge liegt ein Schleier von Wehmut und Melancholie, der in diesem Ausmaß nicht unbedingt zu erwarten war. Es wird also doch Abschied genommen in Berlin, nur von Feiern kann in dem superben Drama keine Rede sein.

Fazit

Die ersten Minuten von „Tatort: Vielleicht“ geben die Richtung für den gesamten Krimi vor. Langsame Erzählweise, schöne Bilder und vergleichsweise ungewöhnliche Kameraeinstellungen sind das eine, die Traurigkeit des Kommissars das andere herausragende Element des gestrigen Krimi-Dramas. Der Mörder wird schnell Preis gegeben und so entfällt das klassische Rätselraten auf der Couch am Sonntag Abend. Doch der leise „Tatort“ kann dennoch hochspannende Momente erzeugen, die natürlich mit den rätselhaften Vorhersagen der norwegischen Studentin zu tun haben und beim Besuch des Killers in deren Wohnung ihren Höhepunkt finden.

Felix Stark hat dank der fesselnden und berührenden Episode „Vielleicht“ den würdevollen Abschied beschert bekommen, den er sich verdient hat. Es wird schwer werden für die neuen Spree-Ermittler Meret Becker und Mark Waschke, in die großen Fußstapfen des kleinen Boris Aljinovic zu treten. Einen Vorschlag hätte ich an dieser Stelle parat: Liebe ARD, streicht dem Till Schweiger doch ein paar teure Stuntmen und leistet euch im Berliner Tatort mal wieder Bilder aus unserer schönen Hauptstadt. An der Qualität der Abschiedsvorstellung von Felix Stark darf in Zukunft aber gern angeknüpft werden.

Bis zum 23.11.2014 könnt Ihre Euch den „Tatort: Vielleicht“ ab 20 Uhr in der Mediathek der ARD anschauen.

Tatort: Vielleicht - Trailer deutsch.

 

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