Zum Tod von Amazing Spider-Man: Wie Sony den beliebtesten Comic-Helden unserer Zeit ruinierte

Tobias Heidemann 21

Kevin Feige redet über den Spider-Man-Deal. So lautet der Titel eines YouTube-Videos, das kurz nach dem Bekanntwerden von Spider-Mans Rückkehr in Marvels Film-Universum viral ging. Das Video zeigt den spanischen Komiker El Risitas, wie er in einer Talkshow von seinem früheren Leben als Küchenhilfe erzählt. Der Urheber des Kevin Feige-Videos nutzte dieses Material, um sich über den miserablen Zustand der Marke Spider-Man und die neuen Pläne für das Franchise lustig zu machen. Und alle lachen mit. Spider-Man wird ausgelacht. Völlig zu Recht. Der wohl beliebteste Comic-Held unserer Zeit ist im Kino zu einer tragischen Lachnummer verkommen, die kaum noch jemand ernstnehmen kann. Wie konnte es nur soweit kommen? Auftritt Sony.

Zum Tod von Amazing Spider-Man: Wie Sony den beliebtesten Comic-Helden unserer Zeit ruinierte

 

„Es ist die richtige Entscheidung für das Franchise, für unser Unternehmen, für Marvel und für die Fans“. Mit diesen Worten hatte Sonys CEO Michael Lynton den Deal mit Marvel an die Öffentlichkeit verkauft. Stimmt ja auch. Es ist tatsächlich die richtige Entscheidung. Vor allem wenn man bedenkt, dass ihr mindestens zehn falsche Entscheidungen vorrausgingen. Seitdem Sony die Rechte an Spider-Man besitzt, hat das Unternehmen kaum eine Gelegenheit ausgelassen, den guten, alten Spidey richtig schön herunterzuwirtschaften.

Wobei herunterwirtschaften in diesem Zusammenhang einen falschen Eindruck erwecken könnte. Verdient hat Sony mit Spider-Man nämlich immer sehr gut. „Spider-Man 3“ spielte zum Beispiel weltweit 890 Millionen Dollar ein. Eine stattliche Summe, insbesondere wenn man bedenkt, dass Sony 1999 ganze sieben Millionen Dollar für die Spider-Man-Rechte an Marvel zahlte. Ich wiederhole das lieber noch einmal, damit auch wirklich jeder die Absurdität dieser Zahl begreift: 7 Millionen US-Dollar. Vielleicht kurz zum Vergleich: Der „Star Wars“-Deal kostete Marvel über vier Milliarden Dollar.

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Spider-Man: Ikone zu verschenken

Sony bekam eine der bekanntesten Figuren der westlichen Popkultur also quasi umsonst. Was auf diesen Deal folgte, war eine unter dem Strich unausgegorene Trilogie, mit der viele nie so richtig warm wurden. Batman, sozusagen Spideys Popularitätspendent auf der DC-Seite des Comic-Teichs, hatte es mit den Nolan- und Burton-Verfilmungen da deutlich besser getroffen. Natürlich lassen sich auch Menschen finden, die Sam Raimis „Spider-Man“-Filme ganz okay fanden. Doch wenn sich ein Regisseur schon selbst dazu genötigt sieht, sich von seinem Werk zu distanzieren, dann ist das meist ein ziemlich eindeutiges Zeichen dafür, dass hier etwas kapital schieflief.

So gab Raimi in einem Interview unlängst zu Protokoll, dass er selbst nicht „an die Charaktere geglaubt“ und dass er „Spider-Man 3“ sogar „ziemlich versaut“ habe. Das kann man zweifelsohne so sehen, denn immerhin war der Film seltsam wankelmütig – wir erinnern uns sicher alle an die unsägliche Tanzszene – und zudem hoffnungslos mit Villains überladen, die eigentlich einen Solo-Auftritt verdient gehabt hätten.

Sam Raimis Bekenntnisse sind dabei vor dem aktuellen Hintergrund wieder von besonderem Interesse, stellen sie doch Sonys Einflussnahme auf den Kreativprozess als überaus problematisch dar. Bereits in der Vergangenheit hatte der Regisseur öffentlich bedauert, dass er einen Großteil der kreativen Hoheit an Sony hatte abgeben müssen und dass dies einer der größten Fehler seiner Karriere gewesen sei. Bis heute hält sich zudem hartnäckig ein Gerücht, welches besagt, dass die komplette Venom-Storyline erst kurz vor Drehbeginn von den Sony-Produzenten ins Script gezwungen wurde, weil diese die Figur für die Vermarktung des Films wollten. In der Konsequenz wurde „Spider-Man 3“ der bisher schwächste Eintrag der Serie.

Spider-Man 3: Ein Fehler, aus dem Sony nicht lernen wollte

Doch trotz der offenkundigen Schwächen von „Spider-Man 3“ und vielen enttäuschten Fans war man bei Sony offenbar nicht gewillt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Schon kurze Zeit später befand man sich erneut in einem Kreativ-Streit mit Sam Raimi.

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Der Regisseur arbeite wie geplant an „Spider-Man 4“, welcher 2011 erscheinen sollte. Neben Tobey Maguire hatte auch Kirsten Dunst schon einen neuen Vertrag unterzeichnet. Zudem war es Raimi gelungen, John Malkovich für den neuen Bösewicht Vulture zu gewinnen. Doch das gefiel den Sony-Produzenten nicht, die sich entschieden gegen Malkovich aussprachen und lieber Dylan Baker als Lizard im Film haben wollten. Rami und Sony überwarfen sich dermaßen, dass das gesamte Projekt gestoppt wurde musste.

Sony stand mit leeren Händen da und war nun gezwungen, binnen kürzester Zeit einen weiteren „Spider-Man“-Film zu produzieren, um nicht die Rechte an der Marke zu verlieren.

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Das Ergebnis dieser wieder einmal selbst verschuldeten Notlage war das wohl überflüssigste Reboot der Filmgeschichte. Lassen wir die durchaus vorhandenen Qualität von „The Amazing Spider-Man“ mal einen Moment außen vor und führen uns noch einmal vor Augen, warum es überhaupt zu „The Amazing Spider-Man“ gekommen war. Eine fehlgeleitete Einflussnahme seitens Sony.

Wäre aus „The Amazing Spider-Man“ nun eine erfolgreiche, fortlaufende Reihe geworden, hätte man Sony diesen Umgang mit der Marke Spider-Man vielleicht noch verzeihen können. Doch was auf den letztlich redundanten „The Amazing Spider-Man“ folgte, war eben nicht der Beginn einer aufregenden Spidey-Saga, die sich an dem reichhaltigen Schatz der Comic-Vorlage zu bedienen weiß, sondern ein weiteres „Spider-Man 3“-Desaster.

The Amazing Spider-Man 2.

Schon wieder! Die gleichen Fehler. Nicht nur litt „The Amazing Spider-Man 2“ an exakt denselben Problemen wie schon der 2007er „Spider-Man 3“, offenbar hatte Sony auch erneut einen kreativen Einfluss geltend gemacht, der sich negativ in der Qualität des Films niederschlug. Spider-Man Darsteller Andrew Garfield, den in dieser traurigen Misere wahrscheinlich noch die geringste Schuld trifft, benannte das Problem sogar in aller Öffentlichkeit, indem er Sony dafür verantwortlich machte, die ursprüngliche Version des Films zerstört zu haben. Die Geschichte wiederholte sich. Nur dieses Mal als Farce.

In der Konsequenz liegt Spider-Man nun angezählt am Boden. Wie peinlich der Zustand der Marke für Sony ist, das zeigt der Vergleich mit „Guardians of the Galaxy“. Während Marvel mit einer Gruppe von Außenseitern, die bis dato nur einer Handvoll Comic-Lesern wirklich ein Begriff waren, 2014 aus dem Stand 774 Millionen Dollar einfuhr, brachte es die weltweit geliebte Ikone “The Amazing Spider Man 2″ nur auf 709 Millionen. Das ist das bisher schlechteste Ergebnis aller Spider-Man-Filme.

Spider-Man, ein Berliner Flughafen

Dass Sony nun Marvel an den Spideys-Rechten beteiligt, sollte somit nicht als Geschenk an die Fans oder gar als große Befreiung gesehen werden – es ist nichts anderes als der verzweifelte Griff nach dem Strohhalm. Dass dieser Strohhalm von Kevin Feige gehalten wird, dem Mann also, der der ausführende Produzent (!) von „Spider-Man 2 & 3“ gewesen ist, geht als besonders ironische Fußnote in diese Geschichte ein. Ob Feige Spider-Man überhaupt noch retten kann, steht indes auf einem anderen Blatt. Ein Selbstläufer wird das ganz sicher nicht.

Wenn man so will, dann hat Sony aus Spider-Man den Berliner Flughafen gemacht. Spider-Man ist eine gewaltige Investitionsruine, die nie fertig zu werden scheint und zum Gespött der ganzen Welt geworden ist. Es ist ein tragisches Projekt, das zu seinem jetzigen Zeitpunkt eigentlich einen kompletten Neubeginn (Miles Morales) bräuchte. Doch diesen Weg zurück haben uns die erstaunlich inkompetenten Bauherren leider verbaut.

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