Avengers 2: Age of Ultron – Eine komplett Spoiler-freie Kritik zum bisher besten Marvel-Film

Tobias Heidemann 13

Vor langer, langer Zeit, viele Jahre bevor ich regelmäßig Comics las, verirrte ich mich einmal in einen kleinen Laden für US-Comics. Ich wollte aus einer Laune heraus mal wieder ein Marvel-Heft lesen. Also wanderte ich durch die Reihen, ließ meinen Blick etwas schweifen und zog das erste Heft heraus, von dessen Inhalt ich glaubte, eine ungefähre Ahnung zu haben. „Avengers“ war da auf dem Cover zu lesen. Die kannte ich.

„Ahnung“ hatte ich trotzdem keine. Ich verstand nicht einmal ansatzweise, was sich da vor meinen Augen abspielte. Ein gewisser Jack of Hearts, eigentlich längst tot, explodierte gerade in das Gesicht von Ant-Man, während The Vision über dem Avengers-Anwesen ein Quinjet-Selbstmordattentat mit Ultron-Robotern startete, auf welches dann natürlich noch eine Alien-Invasion der Kree folgte, die wiederum von Hawkeye auf Kosten seines Lebens vereitelt werden konnte. Wow. Was zur Hölle?

Avengers 2 Kritik: Das Kunststück des Joss Whedon

Was ich damit sagen will: Der Einstieg ins Marvel Universum kann überfordern und frustrieren. Immerhin ist es das größte fiktive Konstrukt, das je von Menschen erdacht wurde. Doch wer die erste Hürde genommen hat, wer langsam beginnt, Referenzen zu verstehen, wer vermeintlich lose Handlungsstränge plötzlich zu verbinden weiß, kurz, wer den über 70 Jahre alten Marvel-Code irgendwann lesen lernt – der bekommt eine in der Popkultur einmalige Erfahrung, die extrem unterhaltsam und ungemein vielschichtig ist.

Das größte Kunststück, das Joss Whedon mit „Avengers: Age of Ultron“ gelingt, ist es, genau diese bisher nur der Comicwelt vorbehaltene Erfahrung endlich auch auf die Leinwand zu transportieren. Vor diesem Film hätte ich das ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten.

Wer noch nie einen Marvel-Film gesehen hat und mit „Age of Ultron“ diesen Sommer einzusteigen gedenkt, der wird sich genauso fühlen, wie ich mich damals bei meinem Besuch im Comic-Laden gefühlt habe. Ziemlich verloren nämlich. Und doch irgendwie gebannt.

Ohne jedwedes Vorwissen aus dem Marvel Cinematic Universe ist Whedons Film eine laute und bunte Achterbahn, an deren kurvenreichen Streckenverlauf dutzende Hinweisschilder und winkende Gaststars platziert wurden, die man bei voller Fahrt als Marvel-Noob niemals erkennen wird. Zwar bleibt der Streifen, auch „trocken“ gesehen, ein gut gemachtes Stück Feelgood-Action-Kino, wer Whedons „Code“ aber lesen kann, wer Mitglied im exklusiven Club der MCU-Versteher ist, der bekommt mit „Avengers 2: Age of Ultron“ zweifelsohne den bisher besten, weil befriedigendsten Film des Studios zu sehen.

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Der bisher beste Marvel-Film

Dieser Erfolg begründet sich meiner Meinung eben genau darin, dass es Whedon, selbst lange als Comic-Autor für Marvel tätig, mit diesem Streifen tatsächlich gelungen ist, die Leseerfahrung eines guten Crossover-Events im Kino zu simulieren.

Die Ereignisdichte ist hoch, das Ensemble üppig und die erzählerischen Konsequenzen sind weitreichend. Der persönliche Lieblingsheld hat zudem garantiert seinen großen Moment und spielt mit einer knappen Zeile auf etwas an, das bisher nur in seiner eigenen Serie enthüllt wurde. Alles hat Geschichte, alles ist verbunden, alles ist relevant.

Viele dieser Mechanismen gehorchen ohne Frage einem schnöden marktwirtschaftlichen Kalkül. Mit „Avengers: Age of Ultron“  adaptiert Marvel sein eigenes Comic-Geschäftsmodell für die Filmwelt in einer nie dagewesenen Konsequenz. Lukrative Ereignisse werfen hier ihre Schatten. Das Schöne ist, es nervt kein Stück. Im Gegenteil. Es bereichert den Film sogar.

Das rasant gewachsene MCU ist mit „Avengers: Age of Ultron“ erstmals an einem Punkt angekommen, an welchem man im Handumdrehen die unterschiedlichsten Register, Figuren und Handlungsstränge auf der Bühne beschwören kann – und Joss Whedon ist wahrlich ein meisterhafter Beschwörer. Ob auch sein Nachfolger ähnlich versiert und übersichtlich mit diesem gewaltigen Apparat umzugehen weiß, dass darf jedenfalls schon mal bezweifelt werden.

Gerne würde ich genauer auf Whedons engmaschig gestricktes Marvel-Netz eingehen, doch dann müsste ich schon spoilern. Nur so viel. „Avengers: Age of Ultron“ ruht stolz und wetterfest auf dem Fundament aller bisher erschienenen Filme, schenkt fast jeder wichtigen Figur dieses mittlerweile 18 Filme und TV-Serien umfassenden Universums einen relevanten Auftritt und hat dann sogar noch ein paar wirklich überraschende Trümpfe für die Zukunft des Franchise im Revers. Respekt dafür, Herr Whedon.

Gnade vor Recht

Bei so viel Fanservice könnte man nun meinen, dass die neu eingeführten Charaktere oder gar die Handlung des Films etwas weniger Raum bekommen, als sie verdient hätten. Hier und da lässt sich dieses Kritik sicher anbringen. Aaron Taylor-Johnsons Quicksilver bleibt leider etwas unterbelichtet, Ultrons (James Spader) Aufstieg zur viralen Weltmacht dürfte manch einem etwas zu bruchstückhaft sein, andere Szenen wiederum wurden unnötig aufgeblasen und drohen damit das dramaturgische Gleichgewicht des Films zu stören.

Allen voran die in den Trailern ausführlich ausgeschlachtete Hulkbuster-Szene. Tony Starks Iron Man (Robert Downey Jr.) darf sich hier minutenlang vor fulminant zerbröselnder Südafrika-Kulisse mit dem wieder einmal außer Kontrolle geratenen Hulk (Mark Ruffalo) prügeln. Nicht nur wirkt das Ganze bisweilen wie ein unnötiger Aufguss einer aus dem Vorgänger bekannten Szene, der Grund für diesen Kampf der Titanen ist zudem auch noch bedenklich lose mit der eigentlichen Story um die menschenverachtende KI Ultron verbunden. Umfang und Dimension der effekthascherischen Auseinandersetzung stehen in keinem irgendwie vertretbaren Verhältnis zu ihrer Handlungsrelevanz.

Avengers 2: Hulkbuster vs. Iron Man-Clip.

Mit anderen Worten: Die komplette Szene ist eigentlich überflüssig. Ein Kardinalfehler des Drehbuchschreibens, der mich für gewöhnlich sehr stören würde. Nicht aber in „Age of Ultron“, denn die Szene mag zwar redundant sein, sie macht aber gerade so viel albernen Spaß, dass man die schlampige Erzählstruktur des Films in dieser Phase ohne bleibende Schäden vergeben kann.

Derartige Gnade vor Recht lässt man in „Avengers 2“ noch häufiger mal gelten. So ist man zum Beispiel auch geneigt, eine etwas zu lang geratene Ruhephase rund um Hawkeyes (Jeremy Renner) Hintergrund nachträglich zu vergeben, da sie als theatralisch überspannter Entspannungsmoment zunächst zwar nervt, im Finale des Films aber mit emotionalen Zinsen zurückgezahlt wird.

Zum Schluss noch eine ganz tiefe Verbeugung vor der atemberaubenden Eröffnungssequenz des Films. Lange habe ich warten müssen, bis es einer Comic-Adaption endlich gelingen sollte, die stilistische Essenz eines guten Superhelden-Comics auf Zelluloid zu bannen. Nun ist es vollbracht.

Was sich mit der tollen Team-Sequenz aus dem „Battle of New York“-Finale des Vorgängers bereits ankündigte, findet mit dem eleganten Intro von „Age of Ultron“ zur ästhetischen Vollendung. Wenn ich in der Vergangenheit über Marvels Umgang mit Superhelden-Action gemeckert habe, dann hatte ich dabei immer genau diese Szene vor meinem geistigen Auge. Ich wusste es nur noch nicht. Beste Action-Szene des Jahres. Versprochen!

Fazit

Avengers: Age of Ultron“ findet trotz einiger Schlaglöcher immer wieder zurück in die Spur. Stand im ersten Teil noch das etwas undankbare Thema des Team-Buildings im Mittelpunkt, entscheidet sich Joss Whedon mit Bösewicht Ultron nun für einen roten Faden, der die vielen Nebenschauplätze und das Figuren-Wirrwarr deutlich besser zu verknüpfen vermag.

Auch dass es in „Age of Ultron“ nun sehr viel mehr zu lachen gibt, kann als gute Entscheidung bezeichnet werden. Die zahlreichen und durchweg packend inszenierten Action-Sequenzen werden mit schöner Regelmäßigkeit von fast schon Sitcom-artigen Lachnummern aufgelockert und selbst im Eifer des Gefechts legt Whedon seinem Ensemble immer wieder treffsichere One-Liner in den Mund. Das macht den Film angemessen selbstironisch und schlichtweg sympathisch.

Überhaupt scheint mir Sympathie neben dem virtuosen Umgang mit dem Marvel-Universum das beste Stichwort für den enorm hohen Unterhaltungswert des Films zu sein. Unter all den computeranimierten Trümmern, hinter den überstilisierten Superhelden-Posen und den selbstverliebten Insider-Possen wacht ein warmer, familiärer Geist, der mit Hawkeye ganz bewusst die wohl menschlichste Figur ins Rampenlicht rückt. Entscheidungen wie diese geben „Age of Ultron“ jene verspielte und lustvolle Seele, die wir im Blockbuster-Sommer viel zu oft vermissen müssen. Joss, you will be missed!

rating8

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