The First Avenger Civil War: Unsere komplett spoilerfreie Filmkritik - überragend überladen

Tobias Heidemann 8

DC Comics, Transformers, Hasbro, Ghostbusters, Call of Duty, Jump Street und viele mehr. Die Liste der „geteilten Universen“, die Hollywoods wichtigste Produzenten derzeit planen, wächst in einem rasantem Tempo. Sie alle eifern Marvel nach. Sie alle wollen den Franchise-Gedanken auf die nächste Ebene hieven und zu Marvel aufschließen. Doch während die Konkurrenz geradezu verzweifelt versucht, den stattlichen Vorsprung aufzuholen, betritt Marvel mit „The First Avenger Civil War“ schon wieder neues Territorium. Phase drei des MCU hat offiziell begonnen. Und das bedeutet nicht weniger als eine neue Form des Blockbuster-Kinos.

Egal, was man euch erzählt hat – in “The First Avenger: Civil War“ geht es nicht um Freundschaft, Familie oder Vigilantismus. Nicht wirklich. Das wird von den Machern lediglich sehr lautstark behauptet, um dem Film die notwendige PR-Erdung in unserer Realität zu geben. Das Auftauchen von „menschlichen Konflikten“, von UN-Resolutionen, von der neuen S-Klasse und dem deutschen Reichstagsgebäude, das alles kann letzten Endes nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Marvel-Film nur ein einziges Thema kennt: Marvel.

Mehr als jeder Franchise-Eintrag davor gibt sich „Captain America: Civil War“ dem Marvel Universum selbst hin. Die Marvel-Welt ist mit mehr als 20 Filmen, Serien und Kurzgeschichten nun ein Ort geworden, der sich quasi von selbst erzählt. Wir kennen die Bewohner dieser Welt mittlerweile so gut, wissen so viel über ihre inneren Dämonen und ihre Seilschaften innerhalb der Gemeinde der Superhelden, dass ihr Zusammenleben allein zum Gegenstand einer Geschichte werden kann.

Video: Das Marvel Cinematic Universe im Überblick

Marvel Cinematic Universe.

The First Avenger Civil War Filmkritik: Der reinste Superhelden-Film

Das ist dann auch schon der größte Verdienst von „Captain America: Civil War“. Es ist ein Film, der sich selbstbewusst von den in Hollywood üblichen Handlungsalibis und Plot-Floskeln abwendet, um sich stattdessen voll und ganz den Superhelden selbst zu widmen.

Worum es in „Civil War“ geht? Es geht um Steve Rogers, Tony Stark, Vision, Wanda Maximoff, Natasha Romanoff, T´Challa und Peter Parker – es geht um Superhelden und ihre Probleme miteinander.

Wer darauf keine Lust hat, der sollte „Civil War“ meiden wie die Pest. Es gibt keine zeitgenössischen Themen zu entdecken, keinen politischen Kommentar zu lesen und keine ersthafte Auseinandersetzung mit irgendwas zu erwarten. Es geht, wenn man mit Superhelden nicht viel anfangen kann, um rein gar nichts.

Die Konsequenz, mit welcher die Regisseure Anthony und Joe Russo diese selbstreferenzielle Comic-Haltung durchziehen, ist erstaunlich. Hat man zum Beispiel den direkten Vorgänger „Captain America: The Return of the First Avenger“ nicht gesehen, muss man den Film komplett ohne emotionale Vorbildung überstehen.

Bucky Barnes und Steve Rogers: Das muss man wissen

So ist die tiefe Bindung zwischen Bucky Barnes und Steve Rogers nicht weniger als das zentrale Motiv des Films. Ihr Verhältnis ist die Crux des Konflikts zwischen Captain America und Iron Man. Ohne dieses Vorwissen bleibt die stoische Haltung von Captain America in weiten Teilen sehr befremdlich.

Auch die prinzipielle Skepsis des Helden gegenüber staatlicher Kontrolle wird in „Civil War“ zu keinem Zeitpunkt genügend geklärt. Das wurde ja im Vorgänger bereits zu Genüge getan. Warum also sich wiederholen? Die Marvel Welt dreht sich eben weiter. Wer da nicht mitkommt, muss halt was nachholen. Ein überaus riskantes Manöver von Marvel.

Und ein durchaus streitbarer Ansatz, der einige Kinobesucher sicher etwas verwirren wird und manche sogar verärgert zurücklassen könnte. Es geht nämlich auch anders. So legte zuletzt etwa „Batman v Superman“ die Origin-Geschichte von Bruce Wayne extra noch einmal für Unwissende neu auf. Erklärbär oder doch einfach voraussetzen? Was ist besser? Fest steht: Zuschauer mit den nötigen Vorkenntnissen dürften die konsequente Vorwärtsgewandtheit von „Civil War“ dankend annehmen. Kenner der Materie werden also bevorzugt behandelt.

Alle sind präsent, jeder spielt seinen Part

Und das, was da voraus liegt, ist eine ganze Menge. Um die dramatische Teilung der Avengers glaubhaft erzählen zu können, muss „Civil War“ ein imposantes Figuren-Ensemble verwalten. Nicht weniger als fünfzehn handlungsrelevante Figuren müssen sich die knapp zweieinhalb Stunden Spielzeit teilen. Dass „Civil War“ sich am Ende dann sogar ein kleines bisschen zu lang anfühlt, zeigt nur, wie gut der Film seiner logistischen Herausforderungen gewachsen ist.

Alle sind präsent, jeder spielt seinen Part, die Charakterisierung ist immer treffsicher und zielführend. Tony Stark und Steve Rogers machen ein paar wesentliche Veränderungen durch, doch auch der Rest der Avengers bekommt nennenswerte Charakter-Entwicklungen spendiert.

Und damit haben wir noch gar nicht über die Einführung der Neuankömmlinge im Marvel Universum gesprochen. Müssen wir auch nicht, denn beide sind nahezu perfekt gelungen.

Die Neuen: Spider-Man und Black Panther

Chadwick Bosemans T’Challa (Black Panther) darf zwar nur in zweiter Reihe spielen, ist aber dank guter Drehbucheinfälle und seines schauspielerisches Könnens stets präsent. Bleibt der neue Spider-Man. Auch hier muss man unbedingte Entwarnung geben: Die Szene, die Tom Hollands Peter Parker einführt ist angesichts des enormen Drucks, der auf diesem Moment liegt, erstaunlich locker und souverän ausgefallen.

Tom Holland wächst dem Zuschauer in dieser kurzen Sequenz so sehr ans Herz, dass es jetzt schon eng wird für Tobey Maguire und Andrew Garfield, seine beiden Vorgänger. Dass Spidey zudem erstmals seinen angestammten Platz als jugendliche Quasselstrippe bei den Avengers einnehmen darf, ist tatsächlich ein wahrgewordener Fantraum.

Captain America Civil War - International Trailer.

Wir halten also fest: „Civil War“ ist eigentlich hoffnungslos überladen – dass man das zu keinem Zeitpunkt spürt, ist dabei nicht nur eine echte Glanzleistung der Drehbuchautoren, sondern eben auch ein Zeichen dafür, dass Marvel eine neue Form des Storytellings erfolgreich im Blockbuster etabliert hat. Fast könnte man sagen, „Civil War“ gehorcht mittlerweile mehr den Gesetzmäßigkeiten einer neuer Staffel „Game of Thrones“ als jener eines klassischen Abenteuerfilms.

Aber auch hier gilt: Das muss man mögen. Der dritte Akt von „Civil War“ franst nämlich heftig aus. Rund ist das alles nicht. Will es auch nicht sein, doch die Abkehr von einer geschlossenen, eigenständigen Erzählung, ist in diesem Marvel-Film besonders spürbar.

Erstaunlich viel los

Es ist eben erstaunlich viel los in „Civil War“. Trotzdem fühlt sich der Film nie gehetzt oder lückenhaft an. Im Gegenteil. „Civil War“ nimmt in seiner ersten Hälfte so viel dramaturgischen Anlauf, dass man von all der Ruhe und Besonnenheit richtiggehend überrascht wird.

Leider wird nicht alles, was der Film in seiner Anfangsphase in das Figuren-Ensemble investiert, im weiteren Verlauf auch zurückgezahlt. Auch wenn „Civil War“ sich große Mühe gibt, den Konflikt zwischen „Iron Man“ und „Captain America“ nachvollziehbar und einfühlsam zu erzählen – all das Super-Tohuwabohu der zweiten Hälfte bleibt dann noch etwas konstruiert und emotional blass. Zudem wünscht man sich nach Ende des Films auch, dass die Marvel Studios in Bezug auf den Status Quo ihres Universums noch etwas mutiger werden.

Auch über den von Daniel Brühl solide gespielten Bösewicht lässt sich leider nicht viel Positives sagen. Es gibt ihn. Er leistet seinen leider viel zu lange undurchsichtigen Handlungsbeitrag zum Film. Und er verschwindet wieder von der Bildfläche. Keine ikonische Figur, kein Fail.

Fazit

Das mit Abstand größte Kompliment, das man “The First Avenger: Civil War“ machen kann, ist dass dieser Film wirkt, als wäre seine Herstellung ein Kinderspiel gewesen. Leicht und locker dreht sich die enorm gewachsene Marvel-Welt wieder ein kleines, aufregendes Stückchen weiter.

Die Nonchalance mit der „Civil War“ sein gewaltiges Ensemble, seine etlichen Referenzen, seine Cameos und seine neuen Figuren organisiert, ist schlichtweg meisterlich. Anthony und Joe Russo verstehen sich bestens darauf, das komplizierte Getriebe, das diesen Film und sein Universum zum Laufen bringt, im Kriegsnebel des Clashs zwischen Iron Man und Cap verschwinden zu lassen.

Zudem beschreitet „Civil War“ interessantes Neuland. Statt sich erzählerisch in erster Linie in unserer Welt zu versticken, erklärt dieser Film das Marvel Universum konsequent selbst zum Thema. So gesehen, dürfte „Civil War“ wohl der bis dato „reinste“ Superhelden-Film geworden sein. Streng genommen geht es hier nämlich nur um dieses eine Wort: „Superhelden“. Nicht mehr, nicht weniger.

Dass diese Selbstbezogenheit auf viele Kinobesucher auch eine abschreckende Wirkung haben kann, versteht sich angesichts der Abwesenheit von weltlichen Themen von selbst. Als eigenständiges Werk funktioniert „Civil War“ somit auch eher schlecht als recht. Als wuchtiger Marvel-Thriller mit einer der besten Superhelden-Sequenzen aller Zeiten dafür umso besser.

8 von 10 punkten für evil dead 2013

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