The Hateful Eight Kritik - Die Selbstbeweihräuerchung des Quentin Tarantino

Marek Bang 4

Drei Jahre nach „Django Unchained“ legt Quentin Tarantino mit „The Hateful Eight“ einen weiteren Western nach. Ob das opulente Werk seinem Vorgänger das gefrierende Wasser reichen kann oder ob ein Kammerspiel von epischer Länge dann doch zu viel des Guten ist, erfahrt ihr bei uns. 

In den 1990er Jahren erfand ein filmenthusiastischer Nerd das Kino neu. Mit einer unverschämt geschmeidigen Coolness montierte Quentin Tarantino Trash mit Lässigkeit und abstruseste Filmzitate mit exzessiven Gewaltausbrüchen. Vergessene B-Stars und gefallene Helden wurden plötzlich zu hippen Killern und eleganten Schmugglerinnen, der geschliffene, wahnwitzige Dialog zum oft kopierten und nie erreichten Markenzeichen eines mittlerweile etablierten Autorenfilmers. „Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“ und die unterschätze Gangsterballade „Jackie Brown“ zählen zum Aufregendsten, was die Dekade vor der Jahrtausendwende auf der Leinwand zu bieten hatte. Nun ist der Regisseur mit seinem neusten Werk wieder in den Lichtspielhäusern vertreten und wer Glück hat, bekommt „The Hateful Eight“ in einem Kino präsentiert, welches über die technischen Begebenheiten verfügt, den verschneiten Reigen im ultraweiten 70mm-Bildformat auf die Leinwand zu projizieren. Kostet sicher einen happigen Zuschlag an den Kinokassen, lohnt sich aber in Hinsicht auf die schneebedeckten Landschaftsaufnahmen von Kameramann Robert Richardson. Von denen schaffen es allerdings nur einige wenige in den knapp drei stündigen Film, was uns zum ersten Problem von „The Hateful Eight“ bringt.

Der Schneewestern mag zwar im ersten Moment wie eine Hommage auf Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ wirken, offenbart aber bald sein wahres Gesicht als waschechtes Kammerspiel mit doppeltem Boden. Ein Kopfgeldjäger (überraschend stark: Kurt Russell) mit seiner Gefangenen (stark wie immer: Jennifer Jason Leigh) nimmt Samuel L. Jackson alias Major Marquis Warren und einen wenig glaubwürdigen Sheriff per Anhalter mit zu einer entlegenen Hütte, in der sich alle vor dem herannahenden Schneesturm schützen wollen. Dort treffen sie auf einen greisen General (Bruce Dern), einen abgehalfterten Revolverhelden, einen britischen Henker (Tim Roth als halbgares Christoph-Waltz-Double) und die Vertretung der vermeintlich verreisten Wirte. Schnell beginnen sich alle Anwesende zu misstrauen und nach einer Tasse vergifteten Kaffees wird es in der ohnehin schon eisigen Bude richtig ungemütlich. Klingt nach einer recht simplen Story, die man in 90 knackigen Minuten und einem gut aufgelegten Ensemble eigentlich bewältigen könnte, doch das Ergebnis ist bedauerlicher Weise deutlich ausladender ausgefallen.

Die besten Western aller Zeiten

Wenige Glanzmomente können quälendes Kammerspiel nur teilweise retten

Eigentlich ist alles da: Ewig lange Dialogpassagen, Samuel L. Jackson, die inflationäre Verwendung des Wortes Nigger, Michael Madsen, grotesk überzogene Gewaltexzesse, irgendein schmattes Liedchen aus der Versenkung, Maestro Ennio Morricone, die Einblendung von Kapiteln und mit Jennifer Jason Leigh eine Schauspielerin, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist und der man ein Comeback von Herzen gönnt. Dank einer verdienten Oscarnominierung ist letzteres auch gelungen, dennoch hat es den Anschein, als habe Koch Tarantino bei der Zubereitung seiner altbewährten Zutaten diesmal irgendwie die Zeit aus den Augen verloren und seinen geliebten filmischen Eintopf ein wenig anbrennen lassen. Trotz netter Twists ist die Story schlicht und einfach viel zu dünn, um die extreme Länge des Films zu rechtfertigen. Wer im Klischeebuch unter Handlungsarmut nachschlägt, sollte ab sofort das Plakat zu „The Hateful Eight“ vorfinden. Was uns der Autor und Regisseur Tarantino  in seinem neusten Werk bisweilen zumutet, sind leider eher Laberflashs als brillante Dialoge und irgendwann hat man auch den letzten, wieder mal nicht enden wollenden Todeskampf auf der Leinwand einfach satt. Das ist umso ärgerlicher, da „The Hateful Eight“ durchaus über brillante Momente verfügt, die an Tarantinos anderes Kammerspiel, den großartigen Gangsterfilm „Reservoir Dogs“, erinnern.

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Fazit:

Quentin Tarantino bläht in „The Hateful Eight“ eine simple Geschichte zu einem nicht enden wollenden Kammerspiel auf, welches trotz guten Ensembles und einigen hübsch-grausamen Ideen letztlich mehr ermüdet als unterhält. Ein kompletter Totalausfall ist der Schneewestern auch dank seiner Schauspieler nicht geworden, ein neuerliches Meisterwerk ist dem König des gepflegten Zitierens großer Filme diesmal allerdings nicht gelungen. Es scheint fast so, als wäre der Regisseur schlichtweg zu optimistisch an die Idee herangegangen, einen kleinen Film schon irgendwie zu einem Großereignis dehnen zu können.

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