The Homesman - Kritik

Marek Bang
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Tommy Lee Jones ist zweifelsohne einer der produktivsten und zudem markantesten Charakterdarsteller Hollywoods. Einem großen Publikum ist der mittlerweile 68 Jahre alte Texaner seit den frühen 1990er Jahren bekannt, als er für seine Rolle des gnadenlosen US-Marshalls im Kinohit „Auf der Flucht“ mit dem Oscar als bester männlicher Nebendarsteller ausgezeichnet wurde. Seitdem spielt Tommy Lee Jones meist grimmige Charaktere und pendelt zwischen Mainstream und künstlerisch ambitionierten kleineren Produktionen. Er war unter anderem als herrischer Agent „K“ im „Men in Black“-Franchise zu sehen und spielte in Paul Haggis`Drama „Im Tal von Elah“ den verzweifelten Vater eines verschollenen Irakkriegsveteranen.

2005 inszenierte Tommy Lee Jones mit dem Neo-Western „Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ seinen ersten Kinofilm und erntete für seine Umsetzung der auf wahren Begebenheiten basierenden Geschichte um einen Mord an einem mexikanischen Einwanderer durch die US-amerikanische Polizei viel Kritiker-Lob. Jetzt hat der Schauspieler erneut auf dem Regiestuhl Platz genommen und mit „The Homesman“ abermals einen Western auf die Leinwand gebracht.

„The Homesman“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Glendon Swarthout, dessen literarisches Werk bereits unter anderem als Vorlage für John Waynes gefeierte Western-Abschiedsvorstellung „The Shootist“ diente. Erzählt wird die Geschichte der alleinstehenden Farmerin Mary Bee Cuddy (Hilary Swank), die in einem kleinen Ort an der Grenze Nebraskas ein entbehrungsreiches und gottesfürchtiges Leben führt. Als drei Frauen der Dorfgemeinschaft unter den Strapazen ihres rauen Lebens und unerbittlichen Schicksalsschlägen den Verstand verlieren, wird Mary Bee auserkoren, die drei Frauen zurück in die Zivilisation im Osten zu bringen. Unmittelbar vor ihrer Reise rettet sie dem verlotterten Outlaw Briggs (Tommy Lee Jones) das Leben und überredet den alten Zausel, ihr bei ihrem Vorhaben zu helfen. Nachdem sie ihm zusätzlich Geld bietet, willigt der ehemalige Soldat ein und es beginnt eine Fahrt gen Osten, die von allerlei Hindernissen und Tragödien geprägt sein wird.

Tommy Lee Jones dekonstruiert sämtliche romantischen Mythen des Wilden Westens

„The Homesman“ beginnt mit schwelgerischen Landschaftsaufnahmen einer kargen und rauen Natur, die wie der Abspann eines klassischen Hollywood-Western wirken. Nach einigen Minuten ist dieser Feel-Good-Film dann auch vorbei und der Zuschauer wird mit dem harten und hoffnungslosen Leben einer Gruppe von Siedlern konfrontiert, die einst in Richtung Westen zogen, um ein besseres Leben zu führen. Doch ihr Traum ist eine Sehnsucht geblieben und der einzige Ausweg für die drei vor Kummer und Pein wahnsinnig gewordenen Frauen ist der Heimweg Richtung Osten.

Tommy Lee Jones, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, inszeniert nicht nur die beschwerliche Reise als Abgesang auf die klassisch-romantischen Hollywood-Western der 1950er Jahre, sondern erspart auch seiner eigenen Figur keine Demütigung. Sein erster Auftritt als weinender, alter Mann im verdreckten Nachthemd am Strick hängend ist harter Tobak für jeden Liebhaber klassischer Helden-Figuren.

Sofort werden Erinnerungen an die Oscar gekrönte Western-Dekonstruktion „Erbarmungslos“ wach, in der Clint Eastwood einen alternden Revolverhelden spielt, der an fast allen Herausforderungen des Wilden Westens scheitert. Dessen düstere Intensität erreicht Tommy Lee Jones in „The Homesman“ jedoch nicht, dafür gibt er seine Figur zu sehr der Lächerlichkeit preis, etwa wenn Briggs betrunken zu singen und tanzen beginnt.

Die Stärke von „The Homesman“ ist nicht, dem wie immer überzeugenden Tommy Lee Jones zuzuschauen, wie er den abgehalfterten Gesetzlosen gibt, sondern dessen detaillierte und teils gewagte Darstellung des rauen und trostlosen Lebens im vermeintlich gelobten Land westlich des Mississippi. In teils schockierenden Bildern wird der Zuschauer Zeuge der herben Lieblosigkeit im Alltagsleben der frommen Siedler, die in einigen der traurigsten und tristesten Sex-Szenen der jüngeren Filmgeschichte gipfeln.

Auch die mühevolle Annäherung zwischen der einsamen Farmerin, die ihren „Mann stehen muss“ und dem missmutigen Outlaw in der zweiten Hälfte des Films weiß zu berühren, was einmal mehr an einer glaubwürdigen Performance von Hilary Swank liegt. Dennoch wird den beiden gestandenen Mimen an einigen Stellen die Show gestohlen, und zwar von Grace GummerMiranda Otto und Sonja Richter, die als geisteskranke Farmersfrauen Arabella, Theoline und Gro fulminant aufspielen und in ihrer Verzweiflung erschreckend bedrohlich wirken.

Fazit

„The Homesman“ ist ein hervorragend gespieltes Drama im Gewand eines Anti-Westerns, das besonders dann fesselt, wenn es das raue Leben der Siedler beschreibt. In diesen Momenten erreicht der Film von Tommy Lee Jones beinahe die Kraft des ähnlich herben Klassikers „Die Früchte des Zorns“ von John Ford. Leider sind nicht immer alle Handlungen der Charaktere nachvollziehbar und die vereinzelten, gut gemeinten Comic Reliefs wirken teilweise deplatziert und auch das Finale bleibt unbefriedigend. Dennoch räumt diese ungewöhnliche Reise nach Osten mit vielen Klischees auf und weiß als ernsthafter Gegenentwurf zum klassischen Western sowie den modernen Pop-Art-Variationen eines Quentin Tarantino zu überzeugen und ist in diesem Winter einen Kinobesuch durchaus wert.

rating7

 

The Homesman - Trailer deutsch.

 

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