The Revenant Filmkritik: Ein bildgewaltiges Survival-Epos über…gar nichts

Tobias Heidemann 19

Der Anlauf, den Alejandro González Iñárritu auf sein neuestes Werk „The Revenant – Die Rückkehrer“ nimmt, ist gewaltig. Nachdem er mit „Birdman“ vier Oscars und neun Nominierungen ergattern konnte, setzt Iñárritu nun gemeinsam mit den angesagtesten Schauspielern unserer Zeit zum allerorts hochgejazzten Dreisprung in Richtung Meisterwerk an. Leider taugt „The Revenant“ in erster Linie nur dazu, uns denkbar prächtig zu belegen, dass auch Meister auf dem Arsch landen können.

Roh, hautnah, intensiv und naturalistisch will er sein, dieser Western. Die Welt der amerikanischen Grenzbewohner Anno 1820 wird von Iñárritu schonungslos und möglichst authentisch ausgestellt. Alle haben schlechte Zähne, weiden immer irgendwelche Tiere aus und kauen auf Moos herum. „The Revenant“ verbreitet aus dem Stand das Gefühl permanent klammer Klamotten und harscher Lebenswelten.

Gemeinsam mit Cinematographer Emmanuel Lubezki führt uns der Regisseur in einen Anti-Western, der sich jedweder Romantisierung dieser Ära allein durch seine famose Kameraarbeit verbietet. Diese Rechnung geht voll auf. In dieser Zeit möchte niemand von uns gelebt haben.

Doch leider stolpern die grandios spürbaren Bilderwelten, die uns Iñárritu und sein erstklassiges Team präsentieren, irgendwann genauso hilflos durch den Wald wie die Zuschauer. Es fehlt der Bezug. Die Bilder bleiben trotz all ihrer Pracht stumm.

Bilderstrecke starten
12 Bilder
Oscars 2016: Wenn Film-Poster die Wahrheit sagen würden.

The Revenant Filmkritik: Was auch immer der Plan war – er geht nicht auf

Sobald sich die Botschaft der menschenfeindlichen Wildnis und des beinharten Westens herumgesprochen hat, suchen die atemberaubenden Schauplätze nach denen Iñárritu angeblich fünf Jahre lang gesucht hat, verzweifelt nach Halt. Den Großteil der 156 Minuten finden sie keinen. Das Kartenhaus stürzt ein. „The Revenant“ versprüht dann nur noch den Charme einer langweilen GEO-Dokumentation über die kanadische Lachswanderung.

Dass es überhaupt so weit kommen kann, liegt an der merkwürdigen Substanzlosigkeit dieses Western. Ein Mann nimmt einem anderen Mann alles, woraufhin dieser auf Rache sinnt. Das ist die Handlung des Films.

the-revenant-fn01

In diesem Rahmen bewegen sich auch den wenigen Dialoge, die hier zu vernehmen sind. Keine Metaphysik. Keine Reflektion über Gewalt. Keine Suche nach Sinn oder Gott, und auch keine Auseinandersetzung mit der brutalen Landnahme oder der verbrecherischen Kolonialisierung durch die Europäer. Iñárritu weigert sich geradezu, dem Film irgendein Thema zu geben.

Dass eine minimalistische Struktur aus Rache und Gewalt vollkommen ausreichen kann, um eine gute Geschichte zu erzählen, haben bereits etliche Filme zuvor bewiesen. Es waren Filme, in welchen sich zwei Antagonisten bis in die Hölle und wieder zurück gejagt haben. Oder Filme, in denen es ausschließlich um den sagenhaften Überlebenswillen der Spezies Mensch gingt. „The Revenant“ ist kein solcher Film. Fast hat man das Gefühl, Iñárritu hätte gerne einen Terence Mallick-Film gemacht, sich dann aber gegen das Erzählen einer Geschichte oder das Formulieren eines Gedichts  entschieden. Was auch immer sein Plan war, er geht nicht auf.

Leonardo DiCaprio und Tom Hardy trifft dabei wenig überraschend keine Schuld. Wie immer darf man von beiden Schauspielern Höchstleistungen erwarten. Vor allem DiCaprio legt sich für diesen Film derartig ins Zeug, dass es einem bisweilen etwas zu aufdringlich wird. Die brachial uneitle Kamera positioniert uns über weite Strecken des Films quasi auf der bebenden Unterlippe des Darstellers. So gesehen treibt uns die Passion DiCaprios eingangs wirklich die Schweißperlen auf die Stirn – die Attacke eines Grizzlys dürfte wohl Kinogeschichte schreiben – doch irgendwann nutzt „The Revenant“ auch dieses Mittel durch seinen übermäßigen Einsatz vollkommen ab.

Fazit

Iñárritus „The Revenant“ ist eine Enttäuschung. Anders lässt es sich leider nicht formulieren. Gerne würde man dem Film aufgrund seiner offenkundig vorhandenen Ambitionen und des großen Talents aller Beteiligten an ein spezielleres, dankbareres Publikum verweisen, das das hier alles zu schätzen weiß.  Doch die Wahrheit ist, „The Revenant“ ist einfach kein besonders guter Film geworden. Wie ein grelles Irrlicht tanzt der Film zwischen dem Machismo eines „The Grey“, der Metaphysik eines Terence Mallick-Films und der Langweile einer schlechten Naturdokumentation hin und her, nur um dann in seinem herbeigesehnten Finale mit dem großen Nichts zu schockieren.

rating5

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA FILM

  • Re:ZERO: So steht es um Staffel 2

    Re:ZERO: So steht es um Staffel 2

    2016 erschien die Anime-Umsetzung von Re:ZERO. Staffel 1 setzt sich aus 25 Episoden zusammen und ist über Crunchyroll zu sehen. Seit dem Start der Serie sind fast drei Jahre vergangen. Da stellt sich die Frage, wie es mit der zweiten Staffel von Re:ZERO aussieht.
    Martin Maciej
  • The Good Doctor: Staffel 3 offiziell angekündigt – Start, Cast & mehr

    The Good Doctor: Staffel 3 offiziell angekündigt – Start, Cast & mehr

    Der hochfunktionale Autist und talentierte Chirurg Dr. Shaun Murphy (Freddie Highmore) darf in „The Good Doctor“ Staffel 3 weiter operieren. Der US-Sender ABC gab der dritten Staffel der von „Dr. House“-Schöpfer, David Shore, erdachten Krankenhaus-Serie das OK. Alles zur neuesten Staffel von „The Good Doctor“ sammeln wir an dieser Stelle.
    Thomas Kolkmann
* Werbung