Kino Extrem: Die 5 riskantesten Filme des letzten Jahres

Tobias Heidemann 1

Vorhersehbar, ideenarm und vor allem – risikoscheu! So beschreiben die nörgelnden Kino-Kulturpessimisten ganz gerne mal den aktuellen Zustand der Filmlandschaft. Dem Kino fehle es an Wagemut und Innovation, so der Vorwurf an eine zunehmend rückwärts gewandte Industrie, die sich mehr am Profit denn an der Kunst orientiere. Wenngleich sich in Hollywood sicher ein paar passende Adressaten für diese Kritik finden lassen, greift das Gerede vom Untergang des Abendlandes dennoch viel zu kurz. Wer genauer hinsieht, blickt nicht auf eine Monokultur, sondern auf eine Welt voller Mut und Extreme. Wir stellen euch fünf Filme vor, die 2015 alles für die Kunst gegeben haben und dabei enorme Risiken eingingen.

Kino Extrem: Die 5 riskantesten Filme des letzten Jahres

White God: Der Film, der 250 wilde Hunde auf eine Stadt losließ

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Was man für die Kunst nicht alles tut. In Hollywood wäre die Produktionsgeschichte von „White God“ sicher nur ein schlechter Scherz. Warum sollte man ein riesiges Rudel wilder Straßenköter in einer Großstadt freilassen, wenn man das Ganze doch komplett ohne jedwedes Risiko in der computeranimierten Fassung ordern kann. Keine logistischen Albträume, keine verstört dreinblickenden Versicherungsmenschen am Set, keine teuren Hundetrainer, die erstmal ein halbes Jahr dressieren müssen, kurz - keine Probleme.

Regisseur Kornél Mundruczó hat sich diesem Problemen wider alle Film-Vernunft dennoch gestellt und damit ein paar Bilder für die Ewigkeit geschaffen. Die Sequenz, in welcher 250 Hunde durch die Straßen von Budapest rennen, ist einfach atemberaubend und versieht einen ohnehin schon außergewöhnlichen Film mit einer wunderschönen Fußnote der Filmgeschichte.

White God Trailer.

Victoria: Der Film ohne Netz und doppelten Boden

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Seit „Absolute Giganten“ hat Regisseurs Sebastian Schipper einen Stein bei uns im Brett. Mit seinem geradezu abenteuerlich gedrehten „Victoria“ überzeugte er uns 2015 erneut auf ganzer Linie. Sein Film besteht aus einer einzigen, 140-minütigen Kameraeinstellung. Keine digitale Schützenhilfe, keine Pseudo-Plansequenz wie etwas bei „Birdman“, alles echte Echtzeit ohne Wenn und Aber. „Victoria“ ist Theater, mit dem wesentlichen Unterschied, dass hier ein paar sehr engagierte Film-Menschen das komplette Theater mitten in der Nacht durch eine belebte Großstadt getragen haben.

Ein ungemein wagemutiges Experiment, das Schauspielern und Crew enorm viel abverlangte. Man stelle sich nur einmal die nervliche Anspannung vor, wenn bereits die Hälfte des Films im Kasten ist und jeder Fehler das Aus für das bereist entstandene Material bedeuten kann. Insgesamt drei fertige Fassungen gab es am Ende von „Victoria“. Ein ungeheurer Aufwand, der sich lohnen sollte. Der Film entfaltet eine ganz besondere, seltene Energie und sorgte auch international für viel Furore. Neben dem Deutschen Filmpreis 2015 wurde der Film in sechs Kategorien mit einer „goldenen Lola“ prämiert, u. a. als bester Spielfilm und für die beste Regie.

victoria trailer deutsch.

 

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Oscars 2016: Wenn Film-Poster die Wahrheit sagen würden.

The Tribe: Der Filme ohne Worte

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Die Existenz dieses Films gleicht einem kleinen Wunder. „The Tribe“ ist ein Film, der ganz ohne Worte auskommt. Alle Dialoge finden ausschließlich in Gebärdensprache statt. Das allein kann aus der Sicht eines Produzenten schon als Sargnagel für die Vermarktung angesehen werden. Wie realisiert man einen derartig sperrigen Film? Wie bringt man ihn einem größeren Publikum nahe. Doch der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy machte es seinen Produzenten sogar noch ein bisschen schwerer. Entgegen der Erwartungen gibt es in „The Tribe“ auch keine Untertitel und keinen Kommentar, der das Geschehen für Zuschauer, die nicht der Gebärdensprache mächtig sind, entschlüsselt. Man wird förmlich ins kalte Wasser geschmissen.

Der ukrainischer Regisseur rechtfertigt seine Inszenierung als Hommage an den fast vergessenen Stummfilm und sagt zu seinem Kunstgriff: „Gebärdensprache ist wie ein Tanz, wie Ballett, wie Pantomime oder Kabuki-Theater. Gleichwohl fehlt ihr der Aspekt der Groteske - denn so kommunizieren Menschen tatsächlich.“ Der Film ist ein Beleg dafür, wie sehr es sich lohnen kann, Risiken im Kino einzugehen. „The Tribe“ bietet eine einzigartige Erfahrung, die die Grenzen von dem, was Kino kann, ein kleines bisschen verschiebt.

The Tribe Trailer.

The Revenant: Der Film, der bei Eiseskälte ohne künstliches Licht gedreht wurde

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Auch das Mainstream-Kino ging 2015 Risiken ein, die die verantwortlichen Produzenten nicht gerne sehen. Alejandro González Iñárritu bestand bei der Inszenierung seiner archaischen Rache-Mär „The Revenant“ darauf, dass ausschließlich natürliches Licht verwendet wird. Für Außenstehende wirkt diese Regie-Maßnahme erst einmal nicht besonders riskant, doch übersetzt bedeutet Iñárritus Ansatz nichts anderes als die radikale Verkürzung der täglichen Drehzeit.

Gerade einmal anderthalb Stunden blieben dem Kamera-Verantwortlichen Emmanuel Lubezski am Ende für den Dreh selbst aufwendiger Plan-Sequenzen. Was diese Auflage für die Dreharbeiten in einen abgelegenen Teil von British Columbia bedeuteten, machte bereits lange vor dem Release des Films die Runde. Auch wenn uns „The Revenant“ inhaltlich am Ende weniger begeistern konnte als erwartet, für diese Bilder haben sich Aufwand und Risiken sicher gelohnt.

The Revenant deutscher Trailer.

 

Taxi Teheran: Der Film, der unter Lebensgefahr gedreht wurde

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Dass ein Film wie „The Revenant“ für seinen Wagemut gelobt wird, muss Filmmacher Jafar Panahi ein bisschen wie ein schlechter Witz vorkommen. Panahi arbeitet nämlich unter permanenter Lebensgefahr. Und das nun schon seit über fünf Jahren. 2010 wurde Panahi im Iran zu einer Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt. Er gilt als staatsfeindlicher Propagandist des Westens. Dass es Panahi dennoch gelungen ist, im Laufe dieser Zeit drei Filme unter staatlicher Drangsalierung und unter Hausarrest zu realisieren, zeugt von einem außergewöhnlichen Willen, der vor allem auf der Berlinale ein lautes Medien-Echo fand.

In „Taxi Teheran“, seinem neusten Film, der wie schon die Filme zuvor auf überaus riskante Weise außer Landes geschmuggelt wurde, spielt der Filmemacher einen Taxifahrer, der seine Passagiere durch die Straßen Teherans fährt. Gefilmt wurde mit einer im Taxi fest befestigten Kamera. Mit diesen einfachen Mitteln entstand ein überaus interessantes Werk über die absurde Repression des Iranischen Regimes und die Irrwege staatlich ausgeübter Religion.

 

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