Oscars 2016: Verdient Leonardo DiCaprio wirklich den Oscar? Wie wäre es mit einem NEIN!

Tobias Heidemann 8

Die Geschichte ist bereits geschrieben: Es ist so weit. 23 Jahre nach der Schmach von „Gilbert Grape“ wird unser Leo endlich bekommen, was ihm zusteht. Ein Medienmoment für die Ewigkeit wird es sein. Im gesponserten Blitzgewitter der Glamour-Elite wird der verstoßene Sohn endlich den verdienten Lohn für zwei Jahrzehnte harter Arbeit einfahren. Halleluja! Die Welt wird applaudieren. Ob Leonardo DiCaprio die Auszeichnung wirklich verdient hat, interessiert dabei schon lange niemanden mehr. Die Frage stellt sich gar nicht. Warum eigentlich nicht?  

Leonardo DiCaprio ist ein guter Schauspieler. Man kann ihn nicht mögen, ihn gar unsympathisch finden, doch seine Kompetenzen als Darsteller sind unbestritten. Sein Auftritt als Teenager in „This Boy’s Life“ ist Beleg genug für das üppige Talent des in Hollywood, Kalifornien geborenen Weltstars.

The Revenant deutscher Trailer.

Auch seine schlüpfrige Boyfriend-Phase hat der Nachwuchsschauspieler mit Filmen wie „Gilbert Grape“, „Romeo & Julia“, „Titanic“ oder „The Beach“ vergleichsweise erstklassig überstanden.

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Oscars 2016: Wenn Film-Poster die Wahrheit sagen würden

Und als der Junge in „Gangs of New York“ langsam zum Mann wurde, als er sich als smarter Charakterdarsteller in „Catch Me If You Can“ und „Aviator“ erstmals als einer der Großen empfahl, da hatten die meisten Zuschauer damit auch überhaupt kein Problem. Dass diffuse Gefühl, dass Leonardo DiCaprio irgendwie auch mal einen Oscar verdient hätte, dürfte dann in erster Linie wohl in  „Departed“, „Inception“, „Blood Diamond“, „Django Unchained“ und „The Wolf of Wall Street“ begründet sein.

Hat Leo den Oscar verdient?

Ob DiCaprio für einen dieser Filme einen Oscar hätte bekommen müssen, ob er ihn mehr verdient gehabt hätte als, sagen wir Matthew McConaughey in „Dallas Buyers Club“ oder Forest Whitaker in „Der letzte König von Schottland“, das soll uns heute mal egal sein.

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Die Frage lautet: Hat DiCaprio den Oscar 2016 verdient? Wie wäre es da einfach mal mit einem Nein? Wer diese exotische Meinung vertritt, muss dieser Tage mit einem veritablen Shitstorm rechnen. Leo hat seinen Oscar immerhin nicht nur verdient, es ist geradezu eine Schande, dass er immer noch keinen hat. Und mehr noch, er ist durch die vergangenen Verfehlungen der Oscar-Academy zu einem Oscar berechtigt! Er steht ihm einfach zu. So die beinahe einhellige Meinung, die nicht nur von seinen Fans vertreten wird.

Drei Gründe, warum DiCaprios Oscar nicht selbstverständlich sein darf

Die Selbstgerechtigkeit dieser derzeit dominierenden Meinung verwundert doch sehr. Immerhin lassen sich nicht nur künstlerische Gründe für ein klares „Nein“ als Antwort finden, die ganze Haltung der Leo-Gemeinde ist äußerst bedenklich. Und zwar aus folgenden Gründen.

  • Erstens: Der Oscar steht niemanden zu! Das wäre ja noch schöner. Jede Nominierung steht für sich. Man wird als Schauspieler für einen Film nominiert, nicht für mehrere. Viele gute Performances lassen sich auch nicht zu einer großartigen aggregieren. Die Fälligkeit eines Oscars ist keine Kategorie der Awards und der Oscar für eine herausragende Karriere heißt übrigens Ehrenoscar. Punkt. DiCaprio ist also zu gar nichts berechtigt.
  • Zweitens: So zu tun, als wäre die Tatsache, dass Leo DiCaprio „nur“ 4 Oscar-Nominierungen und keinen Oscar hat, ein außergewöhnlicher Skandal, ist lächerlich und gegenüber den vielen, vielen Schauspielerinnen und Schauspielern, die mit DiCaprio in selben Boot sitzen, sogar etwas unhöflich. Folgende Schauspieler haben ebenfalls noch keinen Oscar und bekommen deshalb keine empörte Sonderbehandlung: Edward Norton, Annette Bening, Bill Murray, Sigourney Weaver, Ralph Fiennes, Robert Downey Jr, Glenn Close, Samuel L Jackson, Bruce Willis und die wundervolle Laura Linney. Diese Liste könnte noch sehr viel länger sein. Trotz herausragender Leistungen bei den Oscars übergangen zu werden ist nichts Besonderes. DiCaprio ist nichts Besonders.
  • Drittens: Die Kunst an sich. Oder anders gesagt: Man sollte sich einen Oscar nicht erzwingen dürfen. Zugegeben, dieser Punkt ist äußerst subjektiv, doch DiCaprios dreckfressende Performance in „The Revenant“ scheint genau diesem Zweck zu dienen. Auch wenn sein Engagement und die Intensität seiner Darstellung uns höchsten Respekt abfordern, so zwängt sich DiCaprio der Jury mit aller Gewalt förmlich auf. Eine Bestätigung dieser Strategie durch einen Oscar ist im Grunde genommen genau das falsche Signal an die Schauspieler. Die Oscar-Performance wird damit noch mehr als zuvor ein kategorisches Klischee, das extreme Maßnahmen und auffällige Körperlichkeit bevorteilt. Doch bei der Schauspielerkunst geht es um so viel mehr. Minimalistische Performances, die trotzdem ganz viel transportieren, erfordern mindestens genauso viel handwerkliches Können wie Leos Brechstange. So gesehen wäre DiCaprios Oscar für die ganze Zunft keine gute Entscheidung.

Sollte DiCaprio nun am Wochenende den Oscar bekommen, geht das natürlich vollkommen klar. Die Meinung zu vertreten, dass er ihn nicht bekommen sollte aber auch.

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