The Walk Filmkritik: Der beste Horrorfilm des Jahres!

Tobias Heidemann 1

Ich habe Höhenangst. So richtig. Robert Zemeckis „The Walk“ war für mich damit so etwas wie der Horrorfilm des Jahres. Eine Einschätzung, die sich während der Vorstellung des Biopics über den französischen Hochseilkünstler Philippe Petit bewahrheiten sollte. Mit schweißnassen Händen und rasendem Herzen saß ich da im IMAX, und, wenn das unter uns bleibt, zweimal musste ich sogar kurz wegsehen. Das hat kein einziger Film jemals zuvor bei mir geschafft! Mit anderen Worten: „The Walk“ setzt sein Kerngeschäft – den legendären Lauf zwischen den Twin Towers - einfach brillant in Szene. Schade nur, dass der Rest des Films da leider nicht mithalten kann.

The Walk - Trailer.
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Es ist gar nicht so einfach, Robert Zemeckis Kinofilm zu loben, wenn man James Marshs grandiose Dokumentation über Philippe Petits historische Mutprobe gesehen hat. Fast alles was an „The Walk“ funktioniert oder Spaß macht, die Inszenierung als Heist-Movie, die stille Hommage an die gefallenen Twin Towers, die Faszination für Petits Wagemut, alles wurde hier geklaut.

Mehr noch, ohne die Lobeshymnen zu „Man on Wire“ hätte es „The Walk“ wohl nie gegeben. „Man on Wire“  ist der bessere beider Filme. Das muss hier fairerweise einmal ganz deutlich gesagt werden. Aber die Filmwelt ist bekanntlich nicht fair, Dokus will kaum jemand sehen und am Ende gewinnen immer die Amerikaner.

The Walk Filmkritik: Französisch für Anfänger

Doch kommen wir zur dramaturgisch aufpolierten Kinofassung des Stoffs. „The Walk“ verschreibt sich in seiner ersten Stunde voll und ganz den gängigen Gepflogenheiten eines Biopics. Schnell begegnen wir Joseph Gordon-Levitts eindringlicher und engagierter Version von Philippe Petit, nur langsam gewöhnen wir uns an seinen seltsamen Haarschnitt und sein arg französisches Französisch.

Regisseur Robert Zemeckis inszeniert Petit als den getriebenen Künstler mit dem verrückten Traum. Wir erleben seine eigentlich recht ereignislosen Jugendjahre in Frankreich als unnötig aufgepeppte Origin-Story. Unangemessen aufwendige Kamerafahrten, extreme Spielerei an den Farbfilter-Reglern und eklektische Exkursionen in Schwarz-Weiß-Rückblenden, ins schwelgerisch Märchenhafte, gar in die Romantic Comedy, alles etwas planlos und wirr zusammengerührt von Joseph Gordon-Levitts omnipräsenter Erzählerstimme.

„The Walk“ versucht geradezu krampfhaft unterhaltsam zu sein. Dabei hat der Film in seiner gestreamlinten Biopic-Phase so gut wie nichts zu erzählen. Was treibt jemanden wie Philippe Petit an, etwas derartig Absurdes überhaupt zu versuchen? Ist er ein Narzisst, der den Jubel der Massen sucht, ist er gar ein manischer Egoist, der sein idiotisches Lebensziel über alles andere stellt, ist er vielleicht eine wahre Künstlerseele, die etwas zeitlos Schönes schaffen möchte? Alles Fragen mit welchen man das mühselige Vorspiel von „The Walk“ hätte interessanter gestalten können. Stattdessen erfahren wir nichts über Petit. Die Figur bleibt eindimensional.

Petit bekommt von den Drehbuchautoren in der ersten Hälfte des Films zudem noch das obligatorische Love-Interest, namentlich Charlotte Le Bon, zur Seite gestellt, und deren Beitrag zur Geschichte besteht allein darin, ein bisschen Angst um ihren Liebsten zu haben. Und sonst? Er lernt seinen Mentor (Ben Kingsley) kennen und beginnt mit dem Training für den interessanten Teil des Films. Und genauso fühlt sich die erste, viel zu lang geraten Hälfte des Films auch an – wie eine langweilige Pflicht-Übung.

Und dann geht´s endlich los!

Doch dann kommt Philippe Petit endlich in New York an. Der Film atmet hier förmlich auf. Endlich gibt es etwas zu erzählen.

Langsam aber sicher pirscht sich Robert Zemeckis mit Hilfe der Rekrutierung von Petits Partner in Crime an seine eigentliche Aufgabe heran. Die Schnitte werden schneller, die Ereignisdichte höher, die Konflikte tiefer, der Soundtrack passender, die Ideen besser und „The Walk“ insgesamt einfach deutlich unterhaltsamer. Und dann sitzen wir endlich gemeinsam mit einem zusammengewürfelten Haufen irrer Helfer in einem Van, um Petit dabei emotional zu unterstützen, etwas wahrlich Todesmutiges und Historisches zu tun.

Die letzten 30 Minuten von „The Walk“ gehören zum Besten was das Kinojahr 2015 hervorbringen wird. In der Tiefgarage des World Trade Centers beginnt eine filmische Tour de Force, die das immer schwerer atmende Publikum mit Sicherheitskräften jagt, mit bodenlosen Fahrstuhlschächten schockiert, mit falsch berechneten Kabelgewichten überrascht und mit der permanent spürbaren Höhe des World Trade Centers regelrecht terrorisiert.

Und damit wurde noch kein Wort über den eigentlich „Walk“ verloren, der das zähneknirschende Finale mit seiner Balance zwischen Staunen und panischer Angst angemessen krönt, aber an dieser Stelle ein Geheimnis bleiben soll, das man bitte schön selbst im Kino lüftet. Natürlich nur in 3D, denn im Gegensatz zu jedem anderen Film, der dieses Jahr in 3D ausgestrahlt wurde, macht „The Walk“ in der dritten Dimension tatsächlich auch mal Sinn.

Fazit:

Robert Zemeckis „The Walk“ ist einer jener Filme, die uns mit einer einzigen Glanztat alle Schwächen verzeihen lassen. Und Schwächen hat dieser Film einige. Die erste Hälfte ist eine langweilige und mit überkandidelten CGI-Effekten aufgeblasene Aneinanderreihung von Banalitäten, die man sich aufgrund ihrer Substanzlosigkeit komplett hätte sparen können.

Doch mit dem Beginn seines fulminanten Finales macht „The Walk“ wieder reinen Tisch. Aus der öden Biopic-Puppe schlüpft ein wunderschöner Schmetterling, der in schwindelerregenden Höhen ein filmisches Hochspannungs-Feuerwerk abrennt, das man einfach gesehen haben muss. Hier wird „The Walk“ zu einem jener selten gewordenen Gründe, ins (3D) Kino zu gehen. Hier wird er ein Film, der uns nie zuvor gesehene Bilder zeigt.

rating7

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