The Walking Dead: Brutal egal – Geht die Zombie-Serie mit ihrer Gewaltdarstellung zu weit? (+Umfrage)

Tobias Heidemann 2

Ich liebe Zombies. Seit die Leichen laufen lernten und George A. Romero ein Schlaglicht auf die eitrigen Wunden der US-amerikanischen Gesellschaft warf, bin ich Hals über Kopf verliebt in die wandelnden Toten. Apokalypse, Zivilisationskritik, Splatter und die Romantik des Überlebens – kaum ein anderes Horror-Genre ist so vielschichtig und so experimentierfreudig wie das Genre mit dem Z. Auch das erfolgreiche Comic „The Walking Dead“ von Robert Kirkman beherrscht die Klaviatur der untoten Mythologie perfekt und konnte dem Metier sogar noch ein paar neue Aspekte abgewinnen. Schade, dass die dazugehörige TV-Serie sich zunehmend von den eigentlichen Reizen des Genres entfernt und sich stattdessen auf Schockwerte extremer Gewalt verlässt.

The Walking Dead: Brutal egal – Geht die Zombie-Serie mit ihrer Gewaltdarstellung zu weit? (+Umfrage)

Gewalt braucht Kontext. Dass ich zum Beispiel einen jovialen Freudenschrei ausgestoßen habe, als Bruce Campbells Ash gestern Abend jemanden den Kopf mit einer Kettensäge entfernte, hat viel mit dem Kontext der Szene zu tun. Die Gewalt von „Ash vs Evil Dead“ ist komisch. Sie gehorcht speziellen Regeln und darf aufgrund ihrer unrealistischen Absurdität auch mehr als gemeinhin üblich. Sie darf Spaß machen.

The Walking Dead Staffel 6 - Trailer Englisch Folge 1.

Die Gewalt von „The Walking Dead“ hat dagegen eine ganz andere Funktion. Zu Beginn der TV-Serie war sie unter der Regie vom später geschassten Frank Darabont noch fest in der DNA ihres Genres verwurzelt. Die absolute Aggression, das Beißen, die Sprachlosigkeit, der unstillbare Hunger und die Treibjagd durch die unwirtliche Endzeit – die Zombies standen in der TV-Serie für den totalen Verlust von Menschlichkeit.

The Walking Dead: Am Anfang war der Zombie

Und so wurde auch die von ihnen provozierte Gewalt portraitiert. Eine unmenschliche, unendliche Gewalteskalation, die die geistige und körperliche Gesundheit der Überlebenden jeden Tag aufs Neue gefährdet. Am Anfang hat mich „The Walking Dead“ fasziniert.

Schneller Vorlauf zum Auftakt von Staffel 5. Acht Menschen knien über einer Schlachtbank. Ein irrer Kannibale im Schutzanzug schlägt mit einem Baseballschläger auf den Hinterkopf seines Opfers ein. Er setzt ein Schlachtermesser an und schneidet ihm die Kehle auf. Der Mann blutet langsam aus. Wie ein Schwein. Die Szene wiederholt sich. Nicht einmal. Nicht zweimal. Dreimal stellt „The Walking Dead“ diese bestialische Gewalt kommentar- und teilnahmslos aus. Die Kamera wird immer voll drauf gehalten. Zombies sind in dieser Sequenz nicht zugegen. Die Serie braucht sie nicht mehr. Die Gewalt selbst ist der neue Star von „The Walking Dead“.

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5 Fantheorien: So wird The Walking Dead zu Ende gehen.

Die Gewalt wird zum Star

Wer von Anfang an dabei war, wird gemerkt haben, dass sich in „The Walking Dead“ etwas verändert hat. Eine Folge ohne Gewalt fühlt sich langsam, leer und überflüssig an. Statt sich der erzählerischen Funktion der Gewalt im Zombie-Gerne zu bedienen, hat „The Walking Dead“ die Gewalt zur bloßen Masche gemacht. Sie ist ihr Inhalt. Andere, spannende Aspekte aus der Vorlage oder dem Genre wurden dafür sträflich vernachlässigt.

Zwar wird manch einer nun sicher zur Verteidigung der Serie ins Feld führen wollen, dass auch andere TV-Serie überbordende Gewalt zum Schockieren und Provozieren einsetzen, doch anders als „Game of Thrones“, „Dexter“ oder auch „Boardwalk Empire“ verfügt „The Walking Dead“ über kein weiteres Standbein mehr. Ohne ihre exzessive Gewalt gerät die Serie erzählerisch sofort ins Wanken. „Game of Thrones“ hat Macht und Politik, „Boardwalk Empire“ hat die Mafia und ihren historischen Kontext, usw. Doch was hat „The Walking Dead“?

Nur seine Charaktere. Und das sind ja auch dank der guten Ideen von Robert Kirkman nicht mal die schlechtesten. Doch leider haben sich die Macher der TV-Serie irgendwann entschieden, ausschließlich von ihrer zunehmenden Verrohung zu erzählen.

Was bleibt ohne die Gewalt?

Enthauptungen, tote Babys, Zombie-Kaiserschnitte und Kannibalen – die grausamen Erlebnisse haben die Protagonisten in „The Walking Dead“ zu stumpfen Botschaftern der Gewalt gemacht. Zwar gönnt sich die Serie immer wieder auch kurze Auszeiten vom Gewaltexzess, um dessen Konsequenzen zu beleuchten, doch die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Leid und psychischen Problemen wirken formelhaft und gewollt.

Die Erzählung selbst ist verroht und unsensibel geworden. Statt den Verlust von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt anständig zu problematisieren, zelebriert die Serie meist nur noch die Bestie Mensch. Die Gewalt verliert dadurch ihren erzählerischen Sinn. Sie wird zum Selbstzweck.

Die Zeichen dafür sind allgegenwärtig. Das Abschlachten von Zombie-Horden hat viel von seiner dunklen Anziehungskraft eingebüßt. Man kennt das jetzt schon. Hunderte Zombies wurden zerstückelt, zerschossen, zersägt und zersetzt. Die serielle Zerstörung der Zombie-Körper gelangt an ihr kreatives Ende. Die Serie hat bei der Darstellung ihrer Gewalt folgerichtig mit enormen Ermüdungserscheinungen zu kämpfen.

Eine selbst auferlegte Zwangslage, aus welcher sich die Showrunner nur noch mit Verzweiflungstaten befreien können. „The Walking Dead“ versucht sich zunehmend selbst zu überbieten. Die Zombies sind dabei längst Staffage geworden. Nur mit Gewalt gegen Menschen lässt sich in der kontraproduktiven Logik der Serie noch etwas erreichen. Fragt sich, wo das enden wird und warum genau ich mir das noch ansehen sollte.

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