Vom Indie-Film zum Blockbuster: Warum talentierte Regisseure die Finger von den Superhelden lassen sollten (Kolumne)

Tobias Heidemann 3

Folgendes Problem: Der Blockbuster frisst talentierte Indie-Regisseure auf. Wer gestern einen Indie-Hit gelandet hat, bekommt schon morgen den Auftrag, irgendeinen Superhelden-Film zu inszenieren. Immer häufiger werden wir Zeuge solch erstaunlicher Karrieresprünge, die vielversprechende Nachwuchstalente quasi über Nacht mit einem Mega-Budget ausstatten. Neu ist das zwar nicht, doch aktuell scheint aus der Ausnahe eine Regel zu werden. Muss uns das ärgern? Ich denke schon.

Vom Indie-Film zum Blockbuster: Warum talentierte Regisseure die Finger von den Superhelden lassen sollten (Kolumne)

Bryan Singer, die Wachowskis, Paul Greengrass und selbst gestandene Regie-Größen wie Peter Jackson oder Steven Spielberg – sie alle haben ihre Wurzeln im Indie-Film. Mit minimalen Budgets zogen sie maximale Aufmerksamkeit auf sich und fanden sich binnen kürzester Zeit auf dem Regiestuhl einer Millionen-Produktion wieder.

So gesehen, ist der hier problematisierte Trend alles andere als neu. Dass die Hollywood-Elite auf hervorstechende Talente setzt, um ihre kostspieligen Blockbuster zu realisieren, ist seitjeher fester Bestandteil ihrer Rekrutierungsmaschinerie. Warum sich also jetzt darüber aufregen?

Gute Frage. Vielleicht sollte man sie als erstes Josh Trank stellen. Sein kleines, feines Found Footage-Event „Chronicle“ zog 2012 mit einem smarten Drehbuch und einer packenden Inszenierung so ziemlich jeden in seinen Bann, der sich für Superhelden interessiert.

Chronicle-Trailer German.

Hier war ein Regisseur mit einem besonderen Händchen zu Gange, so der bleibende Eindruck, den Josh Trank mit seinem Film hinterließ. Gerade einmal zwölf Millionen Dollar hat „Chronicle“ seinerzeit gekostet. Ein Film, der vielen heute als einer der besten und interessantesten Superhelden-Filme aller Zeiten gilt. Nach „Chronicle“ übernahm Trank umgehend das auf über 200 Millionen Dollar geschätzte Reboot-Projekt „Fantastic Four“ – einen Film, der vielen heute als einer der schlechtesten Superhelden-Filme aller Zeiten gilt.

Der Vorher/Nachher-Effekt

Zugegeben, diese Gegenüberstellung ist ein bisschen unfair. Immerhin weiß bisher niemand so ganz genau, was während der Dreharbeiten zu „Fantastic Four“ überhaupt schiefgelaufen ist. Nur, dass es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Trank und seinem neuen Arbeitgeber 21st Century Fox gekommen ist. Auch wenn sich dieses extreme Beispiel wohl nicht verallgemeinern lässt, so trägt es doch die Elemente eines meiner Meinung nach grundsätzlichen Problems der derzeitigen Produktionslandschaft in sich.

Irgendwo zwischen den Indie-Filmen, die uns für ihre Regisseure begeistern konnten und dem ersten Blockbuster dieser Regie-Talente, geht genau das verloren, was ihnen den Job überhaupt erst eingebracht hat: Ihre Handschrift. Und das ist es, was diese neue Generation von Filmemachern von Regisseuren wie Peter Jackson oder Steven Spielberg unterscheidet.

Fantastic Four - Trailer 2 Deutsch.

Der persönliche Stil, die eigentliche Identität dieser Regisseure scheint sich den Gepflogenheiten der großen Hollywood-Produktionen derartig umfassend fügen zu müssen, dass ihre spezielle Handschrift fast unleserlich wird.

Und damit drängt sich natürlich jene Frage auf, auf die ich hier hinaus will: Warum dann das Ganze? Warum den jungen Wilden die Bühne überlassen, wenn sie sich am Ende doch nur anpassen müssen? Was ist der Sinn dieser neuen Manie für den Nachwuchs, wenn man ihn nicht zu Wort kommen lässt?

Das große Missverständis

Schauen wir uns ein paar weitere Beispiele an, die vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen können. Jüngstes Opfer der derzeit so angesagten Rekrutierungsstrategie ist der Neuseeländer Taika Waititi. Waititi hat uns mit seinen subtil-schrägen Underdog-Komödien „Eagle vs Shark“ und „5 Zimmer Küche Sarg“ in der Vergangenheit sehr glücklich gemacht hat. Nun dreht er als nächstes „Thor: Ragnarok“. Warum?

5 Zimmer Küche Sarg - Trailer Englisch.

Jeder kennt doch die Marvel-Formel. Die DNA des Marvel-Universum braucht keine schrillen Mutanten wie Taika Waititi. Vielmehr braucht sie verlässliche Handwerker, die die akribischen Regie-Vorgaben und kreativen Impulse des Marvel Studios 1-zu-1 umsetzen können. Und zwar ohne dabei Stress zu machen.

Was passiert, wenn man einen eigensinnigeren Regisseur mit erkennbarer Handschrift hinter ein Marvel-Projekt klemmt und dieser dann tatsächlich noch darauf besteht, seiner Identität filmischen Ausdruck zu verleihen, das hat „Ant-Man“ auf erstaunlich transparente Weise ausgestellt.

Edgar Wright („Shaun of the Dead Shaun of the Dead“, „Hot Fuzz“, „Scott Pilgrim“) ist damals aus gutem Grund aus dem Marvel-Uinversum ausgestiegen, und diesen Grund hat er die Filmwelt auch wissen lassen. Marvel will gar keine eigenständig arbeitenden Regisseure. Marvel will unkomplizierte Administratoren einer sehr beliebten Formel. Nicht mehr, nicht weniger.

Der Blockbuster braucht keine Mutanten

Natürlich ist das auch vollkommen OK so. Die Marvel-Filme sind nicht der Antichrist, nur weil sie formelhaft hergestellt wurden. Peyton Reed, der Mann, der nach Edgar Wright artig übernahm, hat seinen Job sogar recht gut gemacht. Doch wie schon zuvor bei seinem Kollegen Josh Trank muss man sich schon fragen, warum es überhaupt zu diesem fatalen Missverständnis kommen musste, wenn am Ende doch nur alle den Kürzeren ziehen. Warum?

Ant-Man - Trailer 3 Englisch.

Warum muss uns Colin Trevorrow nach der gefühlvollen Außenseiter-Fabel „Safety Not Guaranteed“ unbedingt von der komplett geklonten „Jurassic World“ erzählen? Ein Reboot, das nichts, aber auch wirklich gar nichts dem Regie-Zufall überlassen hat. Warum muss ein Neil Burger sich nach „Interview with the Assassin“ für das denkbar uninspirierte Young Adult-Vehikel „Divergent“ einspannen lassen? Warum lässt sich jemand wie Justin Kurzel („Snowtown“) von Michael Fassbender zu „Assassin’s Creed“ überreden? Warum muss ausgerechnet Marc Webb (“500 Days of Summer„) das „Spider-Man“-Reboot drehen und warum kommt Gareth Edwards in „Godzilla“ so ziemlich alles abhanden, was uns an seinem Indie-Hit „Monsters“ so fasziniert hat?

Verschwendung von Talent?

Die Antwort auf diese Frage haben die Zyniker unter uns natürlich sofort gefunden. Weil diese Regisseure halt schlichtweg Karriere machen wollen. Ist ja auch ihr gutes Recht. Für die betreffenden Regisseure ist eine derartige Studio-Beförderung sicher alles andere als ärgerlich. Mit der Aufnahme in den erlauchten Kreis der Big-Budget-Dompteure ist man in Hollywood schließlich erstmal ein gemachter Mann (das Fass mit Nachwuchsregisseurinnen machen wir ein anderes Mal auf.)

Warum sollte man ein solches Angebot - Missverständnis hin oder her – also überhaupt ablehnen? Auch auf diese Frage gibt es eine schnelle, einfache Antwort: Weil die meisten dieser Filme eine gottverdammte Verschwendung von Talent sind. Die Blockbuster-Industrie läuft wie geschmiert. Sie läuft auch ohne meine liebgewonnenen Indie-Regisseure auf Hochtouren. Also lasst bitte die Finger von ihnen.

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