Das Transformers-Wunder: Wie ich ein Fan wurde

Tobias Heidemann 4

Damit die Fronten gleichmal geklärt sind: Ich verabscheue das Transformers-Franchise. Und zwar vom ganzem Herzen. Für mich sind die minderwertigen Massenprodukte, die da seit 2007 mit einer atemberaubend verlässlichen Seelenlosigkeit vom Fließband der Michael Bay-Fabrik verhökert werden, das filmische Pendent zur Musik von Helene Fischer. Warum der halbe Globus sich ohne Schamesröte um den Hals eines Regisseurs wirft, der erst einen Starttermin bekannt gibt und sich dann um das Drehbuch kümmert, der sich in erste Linie als Geschäftsmann und nicht als Filmemacher versteht und der alte Szenen aus seinen früheren Werken zwecks Einsparung recycelt – das werde ich nie verstehen. Wie gesagt, ich finde die „Transformers“ ganz grauenvoll. Oder um genauer zu sein: Das was Michael Bay aus ihnen daraus gemacht hat.

Es gibt nämlich noch eine ganz andere Welt der „Transformers“. Sie liegt jenseits des Kinos. Seit nunmehr zwei Wochen bin ich offiziell verknallt in sie. Nein, gemeint ist nicht jene Welt aus den 80er Jahren, die meine Generation mit dem wahrscheinlich coolsten Spielzeug aller Zeiten und einer ziemlich guten Kinderserie ausgestattet hat. Das hier wird kein nostalgisch verklärter Schwanengesang auf einen vergewaltigten Quellcode, das hier meint schon auch die Gegenwart.

Der mysteriöse Ort, von dem ich spreche, ist unter dem Namen „The Transformers: More Than Meets the Eye“ auf der Popkultur-Karte zu finden und wurde von James Roberts und Alex Milne erschaffen.

Im Gegensatz zum Kino ist in dieser Welt der Frieden zwischen den Autobots und Decepticons eingekehrt. Der Krieg ist vorbei. „More Than Meets the Eye“ erzählt die spannende, ereignisreiche und bisweilen unglaublich komische Geschichte von Rodimus und seiner intergalaktischen Suche nach den „Knights of Cybertron“. Wer oder was das ist, sei uns an dieser Stelle erst einmal egal. Wichtig ist vorerst nur das illustre Team, das Rodimus in seinem Raumschiff „Lost Light“ begleitet.

Transformers - More Than Meets the Eye: Star Trek auf Acid

Im Grunde fühlt sich „More Than Meets the Eye“ an wie „Star Trek“ auf Speed. Oder, wenn man den späteren Verlauf der nunmehr 46 Hefte umfassenden Comic-Serie (erscheint bei IDW) berücksichtig, „Star Trek“ auf Acid. Doch ich will nicht zu viel verraten. Bleiben wir bei jenen Qualitäten, die dieser schöne Geheimtipp von Anfang an zu bieten hat. Tolle Charaktere und erstklassig geschriebene Dialoge. Beides gehört zum Besten, was man derzeit in der Comic-Landschaft entdecken kann. Kein Scheiß!

Moment Mal, „Transformer“ können Charakter haben? Und ob! Das hier ist ja schließlich kein Michael Bay-Film. Ich zähle mal ein paar auf: Der bereits erwähnte, herrlich von sich selbst überzeugte Rodimus, der zwangsgestörte Zweite Offizier Ultra Magnus, ein nach einer Nahtoderfahrung positiv erleuchteter Irrer namens Drift, ein alternder Super-Doktor mit zittrigen Händen, die Kampfmaschine aka tickende Gewaltbombe Whirl, der paranoide (!) Sicherheitschef Red Alert, der zierliche Archivist Rewind und der „Erinnerungs-Chirurg“ Chromedome, zusammen ihres Zeichens das erste schwule Pärchen im Transformers-Kosmos, und, und, und.

„More Than Meets the Eye“ ist ein hervorragend gemachter Ensemble-Comic und die sorgfältig konstruierten und liebevoll geschriebenen Figuren, die Roberts hier in seiner aberwitzigen Space-Sitcom aufeinander prallen lässt, machen auf jeder verdammten Seite Spaß. Vom Schenkelklopfer über das clevere Popkultur-Zitat bis hin zum leisen Augenzwinkern ist alles dabei, was das Zwerchfell reizt.

Eine oberflächliche Witzesammlung ist der Roberts-Run allerdings nicht. Ernste Themen, überraschend emotionale Momente (in einem „Transformers“-Comic!) und einige sehr harte Gegner geben sich hier regelmäßig die Klinke in die Hand. Hier geht´s immer gleich um alles.

Sogar gestorben wird recht oft. Zusammengehalten wird „More Than Meets the Eye“ aber letztlich von einem tollen Gespür für das große Abenteuer. Viele Hefte widmen sich einer einzigen, akuten Bedrohung, die gekonnt in die erstaunlich üppige und interessante Backstory des „Transformers“-Universum eingelassen ist. Mit anderen Worten: „More Than Meets the Eye“ erzählt viele kurze, stimmige Geschichten und lässt deren erzählerische Konsequenzen gekonnt in die Charakterentwicklung der tollen Cast einfließen. Einfach gesagt: Storytelling auf höchstem Niveau.

Besser als Kino: Witzig, spannend und voll meta!

Was in „More Than Meets the Eye“ so alles abgeht, wenn ein Transformer namens Swerve erst einmal von der „Meta-Bombe“ getroffen wird und die Crew der „Lost Light“ sich plötzlich mit einer alternativen Version der Erde konfrontiert sieht, die auf 80er Jahren Sitcoms basiert (!) – das sei an dieser Stelle ebenfalls noch nicht verraten.

Was ich stattdessen sagen möchte: Ich bin jetzt „Transformers“-Fan. Und die Filme von Bay sind gerade noch einmal ein bisschen schlechter geworden. Die Comics sind ein tragischer Beleg für das verschenkte Potential der Filme und die Schlampigkeit der Hollywood-Autoren. Wer irgendwo in sich eine schlummernde Affinität zu der ursprünglichen Idee der „Transformers“ hat, der sollte sich „More Than Meets the Eye“ nicht entgehen lassen.

 

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