Wacklige Actionhelden: Kann Hollywood nur noch Comic-Verfilmungen?

Jan-Thilo Caesar

Wankende Kameramänner, CGI-Overkill und verbitterte, alte Männer - ist das wirklich alles, was das Hollywood-Actionkino noch zustande bringt? Die Liste der Enttäuschungen der letzten Zeit ist lang: Ob nun „Expendables 3“, „Taken 3“, „Die Hard 5“ oder sogar Filme ganz ohne faden Fast-Food-Franchise-Beigeschmack, wie „The Equalizer“ oder „Blackhat“ - die scheinbar unzerstörbaren Actionhelden aus meiner Jugend sind mittlerweile entweder so gebrechlich wie Rockys Nasenbein nach dem Kampf gegen Apollo Creed oder mussten jüngeren Haudegen weichen, die man meist schon kurz nach Filmende wieder vergessen hat. Was ist da passiert? Ein Blick in den fernen Osten zeigt, dass es auch besser geht.

Ach ja, im Jahr 1999 war die Welt noch in Ordnung: Es ist Sommer, „Matrix“ läuft in den Kinos und ich bin in der glücklichen Situation, dass sich die Kinobetreiber in meiner Umgebung nicht um Altersfreigaben scheren. Obwohl ich die meisten dieser Filme noch gar nicht sehen dürfte, prägen vor allem Action-Spektakel wie „Blade“, „Ronin“ und „Die Mumie“ meine ersten Kinoerfahrungen. Knapp 15 Jahre später beschäftige ich mich zwar auch mit vielen anderen Genres, aber der kleine Junge in mir sehnt sich weiterhin nach knallharten Kerlen, Explosionen und halsbrecherischen Verfolgungsjagden.

Leider geht heutzutage in Hollywood offenbar nichts mehr ohne schnelle Schnitte, verwackelte Kamera und einem CGI-Overkill, der die Grenzen zwischen Film und Videospiel gerne mal verschwimmen lässt. Während Comic-Verfilmungen die Leinwände dominieren, hat der klassische Actionfilm scheinbar ausgedient. In einer Welt, in der Superhelden gemeinschaftlich ganze Städte in Schutt und Asche legen und ihre epische Kämpfe allerhöchstens notgedrungen auf Bodenhöhe ausfechten, gibt es für einfache Haudegen vom Schlage eines John McClane oder John Matrix offenbar keinen Platz mehr. Was bekommen wir stattdessen serviert? Griesgrämige Opa-Action mit Liam Neeson mit exzessiver Drunken Cam in Verbindung mit einem wilden Schnittgewitter, bei dem bald niemand mehr weiß, wo oben und unten ist. Da sind mir ab und zu ein paar unelegante, aber dafür ehrlich gemeinte Hiebe auf die Fresse doch irgendwie lieber, deswegen gibt es jetzt zur Einstimmung auch erstmal alle Schläge auf die Zwölf, die der Film „Road House“ so zu bieten hat:

Schlaffe Helden und faule Filmemacher

„Taken 3“, „Re-Taken“, „Taken, again…“ oder wie auch immer der dritte Teil der Reihe um den prügelnden Ex-Jedi-Ritter Liam Neeson hierzulande genannt wird, bringt die Probleme im modernen Hollywood-Kino ziemlich auf dem Punkt und ist gleichzeitig eines der wirksamsten Rezept für plötzliche Kopfschmerzen und Übelkeit, dass je entwickelt worden ist. Der Film setzt dabei vornehmlich auf zwei inszenatorische Mittel: Jumpcuts und Shaky Cam. Eine Kombination direkt aus der Hölle, die nur noch mithilfe von 3D und CGI-Schlachten à la „Transformers“ unübersichtlicher werden könnte. Entweder hatte der Kameramann gewaltig einen im Tee oder ein unerwartetes Sturmtief wirbelte plötzlich über das Set und in der allgemeinen Euphorie hatte man keine Lust, eine Drehpause einzulegen. Die Kamera springt von Ort zu Ort und durch die ständige Bewegung kann man schlussendlich praktisch gar nichts mehr erkennen, geschweige denn eine Übersicht über die Szene bekommen.

Noch ein paar hastige Schnitte, die komplett auf Kontinuität und Räumlichkeit pfeifen und schon hat man ein chaotisches Durcheinander, dass vor allem durch Tempo das Gefühl von Action suggerieren und gleichzeitig die Faulheit der Filmemacher kaschieren soll. Warum die unruhige Kamera mittlerweile auch bei ganz normalen Dialogszenen und anderen eher unspektakulären Situationen zum Einsatz kommt, bleibt wohl das Geheimnis einiger Filmmacher. Ein unstetes Bild kann zwar auch Dynamik und eine gewissen Unmittelbarkeit erzeugen, meistens kommt sie aber zum Einsatz, um sich die Mühen einer komplizierten Choreographie oder einer wohlüberlegten Bild-Komposition zu ersparen. Kleinere Fehler, der Wechsel zwischen Schauspieler und Stuntman, die Behäbigkeit von Steven Seagal… um all das muss sich der Regisseur plötzlich keine Gedanken mehr machen.

Im ersten Bourne-Film mochte ich den Stil, mittlerweile nervt es:

Diese Entwicklung steht in Wechselwirkung mit einer Erscheinung im modernen US-Actionkino, die für mich gleichzeitig Fluch und Segen ist: Ob nun das inzwischen jährlich stattfindende Klassentreffen der 80er- und 90er-Action-Veteranen in „The Expendables“ oder Schauspiel-Legenden wie Liam Neeson und demnächst wohl auch Sean Penn, die plötzlich auf den Spuren von Charles Bronson wandeln - nur ganz selten können mich Rentner in Actionrollen überzeugen. Und das sage ich als riesiger Fan der alten Garde! Klar freue ich mich auch, die Helden meiner Jugend wiederzusehen und hab meinen Spaß mit den Filmen, aber so langsam ist es einfach an der Zeit für frisches, unverbrauchtes Blut. Sogar Jason Statham, der zwar viele Durchschnittsfilme auf der Agenda hat, aber als Action-Darsteller immer noch sehr überzeugend wirken kann, kommt so langsam in die Jahre. Nach Ersatz muss man eigentlich nicht lange suchen: Für Comic-Verfilmungen finden sich immer wieder Schauspieler, die sicher auch ohne Superkräfte auskommen und in klassischen Actionfilmen eine gute Figur machen würden. Jemand wie Chris Hemsworth oder Henry Cavill überzeugt bestimmt auch ohne wackelnde Kamera und und kommt ohne Rollator ans Set.

Warum denn so ernst?

Hinzu kommt, dass viele Action-Filme heutzutage auch noch ziemlich humorbefreit sind und ihre meist wenig innovativen Geschichten furchtbar ernst nehmen. Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit wäre da „The Equalizer“: Im Vorfeld habe ich viel Positives über den Rache-Thriller mit Denzel Washington gehört, aber das Verhältnis von Action und Story war hier so unausgeglichen, dass ich mich dann letztendlich doch eher gelangweilt habe. Mit weniger Fokus auf die eher austauschbaren Charaktere und vielleicht um knapp 30 Minuten gekürzter Spieldauer hätte das vielleicht ein kleiner Action-Hit werden können.

Da liefert Kenau Reeves in „John Wick“ eine weitaus bessere Rachearbeit ab und hat außerdem den Vorteil auf seiner Seite, anders als gewöhnliche Menschen nicht wirklich älter zu werden. Der Film hat auch das Spagat gemeistert, sich selbst nicht allzu ernst nehmen und gleichzeitig nicht zu versuchen, lustig sein zu wollen - ganz in der Tradition vieler 80er-Actioner. Wobei eine gute Portion Humor natürlich nie verkehrt ist. Sylvester Stallone hat das bei „Expendables 2“ meiner Meinung nach genau richtig gemacht. Über Chuck-Norris-Witze kann ich halt immer lachen und die selbstreferentiellen Sprüche waren mir lieber, als die Humorlosigkeit des ersten Teils. So stell ich mir ein Wiedersehen mit den alten Recken vor. Schade, dass er dann alle guten Ansätze beim dritten Teil wieder über Bord geworfen hat. Auch „Lookout“ geizt nicht mit dummen Sprüchen, sondern feuert schon in der ersten Szene ein Feuerwerk markiger Oneliner ab, die für sich schon ihres Gleichen suchen.

„Lockout“ hat zwar seine Schwächen, aber der Humor ist einfach spitze:

Das klingt jetzt vermutlich alles erstmal sehr pessimistisch, aber eigentlich will ich gar nicht wie ein alter Sack klingen, der längst vergangenen Zeiten hinterher trauert -  dass ich mich vermutlich trotzdem genau so anhöre, ist wirklich purer Zufall, denn die glanzvollen 80er- und den Großteil der schon nicht mehr ganz so glanzvollen 90er-Jahre habe ich schließlich selbst nicht mehr miterlebt. Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass Filme mittlerweile verstärkt auf Stilmittel wie Shaky Cam oder rasante Schnitte setzen und jede Menge CGI verwendet wird. Ich glaube auch nicht, dass ein Actionfilm nicht auch gleichzeitig als Drama funktionieren kann. Es sind viel mehr die Filmemacher, die mit all den technischen Spielereien, die sie an die Hand bekommen, oft nicht umgehen können und sich zu sehr auf die Post-Production verlassen. Darüber hinaus scheinen wirklich gute Drehbücher - ganz besonders im Actiongenre - mittlerweile rar geworden zu sein.

Drunken Cam mit Köpfchen

Natürlich gibt es auch zahlreiche Ausnahmen: Christopher Nolan weiß genau, wann es sinnvoll ist, eine Szene mit verwackelter Kamera zu drehen oder CGI einzusetzen. Der erste Auftritt des dunklen Ritters in „Batman Begins“ ist zwar kurz und man kann eigentlich kaum etwas erkennen, aber genauso erleben ihn auch seine Widersacher. Man bekommt durch den unruhigen Kameraeinsatz ein Gefühl dafür, wie es sich in etwa anfühlen muss, von Batsy aufgemischt zu werden - hier geht es nicht einfach nur um Action, es wird gleichzeitig auch Handlung und Charakterentwicklung vorangetrieben.

Batman kann man kaum erkennen und das ist auch gut so:

Ähnliches gilt für CGI-Effekte: Als die „Matrix“-Fortsetzungen in die Kinos kamen, habe ich die neue Technik gehasst und jahrelang das Kino gemieden. Aber Filme wie „Inception“, „Star Trek“ oder „Avatar“ haben mich mittlerweile davon überzeugt, dass auch CGI seinen Platz im Actiongenre hat. Überhaupt alles, was einem Regisseur dabei helfen kann, seine Vision zu verwirklichen, sollte man erstmal als positive Entwicklung sehen. Sogar HFR und 3D! Man kann ja hinterher immer noch sagen, dass der Look der „Hobbit“-Filme absolut schrecklich ist und wahrscheinlich in spätestens 10 Jahren nicht mal mehr mit einem Videospiel mithalten kann. Aber ein anderer Filmemacher weiß dieselbe Technik womöglich sinnvoll einzusetzen.

Ruhig Blut und erstmal abwarten, wie sich das Ganze entwickelt, lautet da meine Divise. Während eine Hundertschaft schlecht animierter Agent Smiths gegen einen genauso schlecht animierten Neo kämpft, wäre mir auch nicht eingefallen, dass es schon früher als man denkt Filme wie „Gravity“, „Der Herr der Ringe“ und „Interstellar“ geben wird, die die technischen Möglichkeiten genial zu nutzen wissen und realistische Effekte auf den Bildschirm zaubern, die sich nahtlos ins Gesamtbild einfügen.

So sieht tolles CGI aus:

Das asiatische Actionkino macht es vor!

Insbesondere die Werke von Quentin Tarantino („Kill Bill“) oder Kathryn Bigelow („The Hurt Locker“) beweisen aber auch, dass man mit dem gezielten Einsatz von traditionellen Effekten und „altmodischen“ Analogkameras immer noch Kinohits produzieren kann. Es muss eben nicht immer ein lärmendes Action-Gewitter sein, bei dem kein Mensch mehr weiß, was da eigentlich auf der Leinwand abgeht. Ein Regisseur wie Christopher Nolan lässt seinen ehemaligen Stamm-Kameramann Willy Pfister auch mal ohne Schüttelkrämpfe arbeiten und gleiches gilt natürlich auch für zahlreiche andere Filmemacher - insbesondere aus dem asiatischen Raum.

Wenn ich jetzt die vielen grandiosen Actionfilme aufzähle, die uns in den vergangen Jahren aus China („The Grandmaster“), Süd-Korea („Oldboy“), Thailand („Ong-Bak“) oder neuerdings auch aus Indonesien („The Raid 2“) erreicht haben, sitze ich wahrscheinlich noch das ganze Jahr an diesem Artikel, denn der Nachschub reißt nicht ab. Wer also meint, es gäbe nur noch seichte Comic-Verfilmungen für kleine Kinder oder Ramschware wie „Taken 3“, der hat einfach noch nicht gründlich genug gesucht. Und ich wette, dass der Erfolg dieser Filme - die meist verstärkt auf handgemachte Action und stylische Kameraarbeit setzen - bleibt auch Hollywood nicht ewig verborgen.

Solche Actionszenen würde ich gerne öfter sehen:

Wenn euch das Thema interessiert, empfehle ich euch die Kurz-Doku „Unsteady“ auf YouTube.

Welche Art Actionfilme mögt ihr am liebsten?

asdd

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