Warcraft The Beginning - Filmkritik: Von wegen Fantasy-Fail des Jahres!

Tobias Heidemann 29

Fail des Jahres, die erste richtig gute Spiele-Adaption, kommerzieller Flop und falsch beworbener Überraschungshit – auf dem Grabbeltisch der Kinoexperten wurde in den letzten Monaten so ziemlich jede Prognose zu „Warcraft“ für ein paar Klicks verramscht. Und was stimmt nun? Ganz einfach: Es ist kompliziert. 

Warcraft: The Beginning - Deutscher Trailer.
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Warcraft“ wird als seltsamer Sonderfall in die Filmgeschichte eingehen. Ein Film, der seine längst in alle Himmelsrichtungen zerstreute Fanbase 10 Jahre zu spät mit etwas glücklich machen möchte, das heute keine Sau mehr interessiert. Während Schalke 04 mit breiter Brust sein „League of Legends“ E-Sports-Team vorstellt und „Game of Thrones“ das Fantasy-Genre neu definiert, tanzt Duncan Jones geekiger Fanfilm verloren auf den Trümmern eines verschwundenen Kulturphänomens. Der Untergang scheint vorbestimmt. Und jetzt wird es richtig kompliziert: „Warcraft“ ist kein schlechter Film!

Schaffen wir zunächst die offensichtlichen Probleme aus Weg. Zu viel Computeranimation? Auf jeden Fall! Wer die Trailer gesehen hat, weiß ziemlich genau, was sie oder ihn in dieser Hinsicht erwartet. „Warcraft“ hat mehr Nullen und Einsen unter der Haube als vielen Kinogängern dieser Tage recht sein dürfte. Doch in einer Zeit, in welcher Filme wie etwa das „Dschungelbuch“ eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass die Technologie gerade wieder einen gewaltigen Sprung hinter sich hat, sind CGI-Vorbehalte vor allem eines: Vorurteile. Im Kino wirkt „Warcraft“ nämlich nochmal ganz anders als im Trailer.

Ducan Jones weiß um die Gefahren der Computeranimation. Gleich sein erster Shot auf den Hauptdarsteller und vollständig am Computer entstandenen Ork Durotan (Toby Kebbell) endet deshalb auch nicht von ungefähr in dessen Tränen. Die einfühlsame Großaufnahme der orkischen Augenpartie haucht der Figur genug Leben ein, um ihre Künstlichkeit vergessen zu machen. Jones kontert die Probleme der Technologie erfolgreich mit großen Gefühlen.

Warcraft Filmkritik: Problem erkannt, Problem gebannt

Doch nicht nur die emotionale Erzählweise gibt „Warcraft“ genug Glaubwürdigkeit, auch die Actionsequenzen umgehen die gängigen Fallstricke der computerisierten Animation. Alles hat Schwung und Richtung. Das physikalische Momentum wird geschickt durch die Szenerie geführt, die Perspektiven sind gut gewählt und die menschlichen Schauspieler wirken nie als würden sie mit Tennisbällen Schattenboxen. Kurz: Die visuelle Kinetik geht auf.

Das verleiht „Warcraft“ eine aufregende Wucht, wenn die Schwerter gezogen werden. Zwar bliebt der Film in puncto Choreographie stets hinter Peter Jacksons Glanzstücken, etwa der Flucht aus der Goblin-Stadt im ersten Hobbit-Film, zurück, doch alles in allem funktioniert die Orks vs. Menschen-Action hier gut.

Was indes gar nicht aufgeht, sind etliche Design-Konzepte des Films. Während die Ork-Kultur überraschender Weise einen Hingucker nach dem nächsten auf die Leinwand zaubert, sieht die Allianz viel zu oft nach einem Liverollenspiel bei Darmstadt aus. Was tragisch ist, denn Rüstungen, Waffen und Architektur wurden überaus akribisch aus der digitale Vorlage übernommen. „Warcraft“ schämt sich in keinster Weise für seine kulturellen Herkunft.

Nur leider will die High-Fantasy Folklore der späten 90er Jahre so gar nicht mehr in unsere Zeit passen, was den Film in dieser Hinsicht tragisch scheitern lässt. Tragisch ist das vor allem auch deshalb, weil das konzeptionelle Anliegen hinter den Design-Entscheidungen sehr sympathisch ist und vielen Fans ein paar schöne Wiederkennungsmomente beschert. Aber eben nur den Fans. Wer „Game of Thrones“ für das Maß der Fantasy-Dinge hält, der wird in „Warcraft“ mehr als einmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Warcraft Filmkritik: Packende Origin-Geschichte einer ganzen Welt

Und das war´s auch schon mit dem Meckern. Der Rest ist tatsächlich gut. Manchmal sogar super. Duncan Jones erzählt mit „Warcraft“ die gefühlvoll inszenierte Origin-Geschichte einer ganzen Welt.

Fel, Gul’dan, Anduin – wem diese seltsam klingenden Wörtern tatsächlich noch etwas bedeuten, der wird in „Warcraft“ auch seinen Spaß haben. Garantiert. Tief in der Geschichte des digitalen Azeroth verwurzelt, wächst dieser klassisch servierte Fantasyfilm im Laufe seiner zwei Stunden zu etwas heran, das nicht nur rund und unterhaltsam ist, sondern auch in seiner Form als Spiele-Verfilmung eine neue Bestmarke setzt. Gerade weil „Warcraft“ so reich an Warcraft-Lore ist und dennoch als Genrefilm funktioniert, werden vergleichbare Filme wie etwa „Prince of Persia“ oder „Resident Evil“ übertroffen.

Ohne die spielerische Vorbildung verliert „Warcraft“ zwar viele seiner besonderen Reize, doch dank seines straffen Tempos und der interessanten Figuren findet man sich auch ohne Vorwissen bestens zurecht. Insbesondere die gelungene Visualisierung von Magie, die überzeugenden Bösewichte und die erstaunlich hohe Zahl von dramatischen Todesfällen sorgen dafür, das „Warcraft“ nie wirklich langweilig wird. Zwar wird man hier und da durch das ausführliche und manchmal etwas abgedroschene Palaver der Akteure etwas aus dem Takt gebracht, die Spannungskurve flacht aber nie in wirklich bedenkliche Gefilde ab.

Fazit

„Warcraft“ kann einem fast leidtun. Zu spät für den Spiele-Hype und etwas zu früh, um die Nostalgie-Karte zu spielen. Und damit nicht genug: In einer Welt, in welcher es sechs „Herr der Ringe“-Filme und sechs Staffeln „Game of Thrones“ gibt, wirkt „Warcraft“ gefährlich irrelevant. Duncan Jones hat sich mit dieser Herzensangelegenheit zielsicher zwischen die Stühle gesetzt. Wer ihm das ankreiden möchte, wird dafür massig Munition finden. Mit seinem gestrigem Look, seiner nerdigen Attitüde und einem Übermaß an Computereffekten droht der Film im Kreuzfeuer verschiedenster Lager aufgerieben zu werden.

Das wäre schade. Sehr sogar. „Warcraft“ ist nämlich ein sehr guter Fanfilm und ein ziemlich gelungener Abenteuerfilm geworden. Packend und emotional erzählt, trommelt „Warcraft“ seine verlorenen Fans noch einmal zusammen, um gemeinsam mit ihnen auf den Kriegspfad nach Azeroth zu gehen. Interessante Figuren, gute Bösewichte und ein Finale, das unter die Haut geht. Gebt „Warcraft“ eine Chance. Er hat sie verdient.

rating7

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