X-Men: Apocalypse - Unsere Kritik zum vielleicht besten Superhelden-Film des Jahres

Philipp Schleinig 7

Im 2016 erstmals so präsent stattfindenden Aufeinandertreffen der erfolgsversprechenden Zusammenschlüsse aus Disney/Marvel und Warner/DC stand bisher nur eine Frage im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Wer schlägt sich besser - „Batman v Superman“ oder „Captain America 3“? Diese Frage erhitzte in den letzten Wochen die Gemüter, die Fan-Lager spalteten sich so sehr, wie im Superhelden-Genre noch nie zuvor. Die direkte Konfrontation der ersten Runde, nämlich zwischen „Iron Man 3“ und „Man of Steel“, viel dabei noch glimpflich aus. Da erscheinen die „X-Men“ fast schon wie Underdogs, die sich im Superhelden-Clash ebenfalls noch ihren Platz zu suchen scheinen. Was in dem Zusammenhang dann immer leicht und schnell wieder vergessen wird: Spätestens seit dem letzten Film der Reihe, „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“, befindet sich dieses Franchise auf einem hohen und sehr vielversprechenden Niveau.

Und so wird der Kinostart von „X-Men: Apocalypse“ bei vielen Kinogängern mit der „Ach ja…“-Geste quittiert: Ach ja, dieser Superhelden-Film kommt ja auch noch dieses Jahr in die Kinos. Dass diese Geste des (Fast-)Vergessens symptomatisch für die nächsten Jahre sein dürfte, wird mit Blick auf die Kinostarts von Superhelden-Filmen klar: Nicht selten erwarten uns 4 bis 5 Filme des Genres pro Jahr. Wer soll da in der Masse der anderen Hollywood-Filme noch den Überblick behalten? Diese Tatsache wiederum wird bis 2020 aber auch zeigen, wer auf die richtigen Karten gesetzt hat und einer Superhelden-Müdigkeit entgehen wird. Der aussichtsreichste Kandidat: das „X-Men“-Franchise. Die Gründe dafür schuf einst „Zukunft ist Vergangenheit“. „X-Men: Apocalypse“ unterstreicht diese Fakten nun.

X-Men: Apocalypse - Kritik - Kampf gegen die Superhelden-Müdigkeit

Die alte Ära der Mutanten rund um Patrick Stewart (Professor X), Ian McKellen (Magneto), Halle Berry (Storm) und Co. liegt hinter uns. Mit Inkaufnahme einiger gravierender Anschlussfehler schaffte es Regisseur Bryan Singer die nach der ersten „X-Men“-Trilogie ins Stocken geratende Reihe einer Auffrischung zu unterziehen, ohne dabei die erste Ära völlig zu vernachlässigen. Er griff, nachdem er dem Franchise für 11 Jahre den Rücken zugekehrt hatte, die Versatzstücke aus „X-Men: Erste Entscheidung“ auf, vermischte sie mit seiner Grundlage der alten Mutanten und war so in der Lage, das Franchise nun neu aufzulegen. „X-Men: Apocalypse“ stellt in diesem Sinne also den Neustart dar. Da mag die Wahl des gleichnamigen Bösewichts Apocalypse (Oscar Isaac) als ägyptische Gottheit vielleicht etwas zu übertrieben finden, stellt er doch den möglicherweise ersten und mächtigsten Mutanten dar. Was da noch kommen soll, könnte man sich fragen.

Dabei verwundert es doch, dass zum ersten Mal in der „X-Men“-Reihe ein konkreter Bösewicht auftaucht, bildete sich in den bisherigen Filmen das Protagonisten-Antagonisten-Spektrum doch vor allem aus den inneren Moral-Kämpfen der Mutanten (ausgetragen zwischen Professor X und Magneto) und der Beziehung Mensch-Mutant. Letzteres spielt, im Gegensatz zu „Zukunft ist Vergangenheit“, diesmal nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr könnte man „X-Men: Apocalypse“ als Orientierungs-, Etablierungs- und (wieder) Auftaktsfilm betrachten. Der Bösewicht treibt die Story voran, doch es ist das Rekrutieren der neuen Helden, für das der Film in erster Linie geschaffen wurde. Dass „X-Men: Apocalypse“ dabei zu keinem Zeitpunkt an langweiligen Passagen krankt, ist der hervorragenden Charakterzeichnung und seinen erstklassigen Schauspielern geschuldet.

Erneut verhilft das Triumvirat aus James McAvoy (Charles Xavier), Michael Fassbender (Magneto) und Jennifer Lawrence (Mystique) einem „X-Men“-Film zu einer Emotionalität, die man in den meisten Superhelden-Filmen vermisst. Während man in „Captain America 3: Civil War“ den Schmerz von Tony Stark im Ansatz erkennt und nachzuvollziehen glaubt, nimmt sich „Apocalypse“ Zeit, die Emotionen der Charaktere auf- und auszubauen. In Magneto tobt die Wut und der Rachegedanke, in Xavier der immerwährende Kampf um das gemeinsame Leben von Menschen und Mutanten und in Mystique das moralische Dilemma zwischen Gutmütigkeit und der Wut über den Umgang der Menschheit mit den Mutanten. All das wären ins Leere geschossene Eigenschaften, wenn nicht schon früh drei herausragende Schauspieler für diese Darstellung verpflichtet worden wären.

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Die X-Men der neuen Generation

Doch auch an der neuen Front tut sich einiges: Während der zweite Auftritt von Quicksilver nochmal eine Schippe an Lässigkeit und Coolness drauflegt und mit Evan Peters kein besserer Darsteller des Superhelden hätte gefunden werden können, ist es tatsächlich die aus „Game of Thrones“ bekannte Sophie Turner, die beeindruckt. Vielleicht mag es auch daran liegen, dass die weinerliche Sansa Stark keine unbedingte Herausforderung ist und beim Zuschauer schnell an ihre Grenzen des Aushaltbaren stößt – die Rolle der jungen Jean Grey, deren spätere Mutation zu Phönix mit einem netter Anspielung angedeutet wird, scheint der Schauspielerin besser zu passen, kommt in dieser Figur doch eine ähnliche Ambivalenz wie in Mystique zu tragen. Andere Mutanten wie etwa Cyclops (Tye Sheridan) und Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) befinden sich dabei immerhin auf der richtigen Entwicklungskurve.

„X-Men: Apocalypse“ lässt eine Welle an Zerstörungen natürlich nicht vermissen, darf der Action-Anspruch in solch einem Superhelden-Film doch nicht zu kurz kommen. Wer hierbei über CGI meckert, hat das Prinzip nicht verstanden. Eine ägyptische Großstadt aufzulösen, um eine gigantische Pyramide zu schaffen, lässt sich auch mit den tollsten Bühnenbildern nicht mehr realisieren. Ein Kritikpunkt ist die Action definitiv nicht. Sie erfüllt ihren Zweck und dürfte den ein oder anderen Zuschauer bestens unterhalten. Jedoch blüht der Film genau in den Phasen auf, in denen nicht gerade etwas zerlegt wird. Es sind die Ruhephasen, die dann mit für Superhelden-Filme nicht gerade typischen tiefergreifenden Dialogen/Diskussionen gefüllt werden und dadurch „X-Men: Apocalypse“ über andere Filme des Genres hinausstellt.

Denn das macht die Reihe bisher so besonders: Sie bezieht den Menschen und damit den Zuschauer mit ein. Die Avengers stehen als Superhelden-Truppe über uns, sie sind der Schutz der Menschheit angesichts der gravierenden Gefahren. Auch die Justice League wird sich dann mit höheren Mächten aus anderen Welten beschäftigen. Die (meisten) X-Men wollen sich anpassen, in einer friedlichen Koexistenz zu uns leben. Abgesehen von Apocalypse mussten sie sich bisher vor allem mit einem auseinandersetzen – uns. Und damit bezieht das Franchise noch am ehesten den Realismus mit ein: das harmonische Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen in einer Welt. Ist da nicht an einigen Stellen Charles Xaviers Trauer auch für uns nachvollziehbar?

Fazit:

Nach „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ lässt auch „X-Men: Apocalypse“ die besten Hoffnungen aufkommen, dass wir mit dieser Superhelden-Reihe in all der Masse an Genre-Beiträgen, die uns erwarten, noch einige Höhepunkte im Kino erleben werden. Der Abschluss der zweiten „X-Men“-Trilogie und der Neustart einer alternativen Story-Linie ist mehr als gelungen. Dank nachvollziehbarer Charakterzüge, glänzenden Schauspielleistungen und einer Emotionalität, die man im Superhelden-Genre leider nur selten erlebt, ist das Franchise auf dem besten Wege, die anderen Reihen zu überdauern.

rating8

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