Virtual Reality: Spiele mit Umfang und Tiefe – geht das überhaupt?

Lisa Fleischer 4

Es heißt, VR-Brillen seien die Zukunft der Videospiel-Branche. Aber kann die VR auch eine vergleichbar tiefe Spieleerfahrung bieten, die wir von den klassischen Konsolen gewohnt sind? Ich habe mir einige Spiele für die virtuelle Realität genauer angeschaut und verrate euch im Folgenden, warum es für den Hype noch zu früh ist.

HTC Vive im Test.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit euren eigenen Vorstellungen.

Nach der Meinung vieler Publisher und Entwickler wird Virtual Reality die Videospiel-Welt revolutionieren. Schon jetzt sind unübersichtlich viele Titel erschienen oder in Arbeit, die euch das ultimative Eintauchen in die virtuelle Welt ermöglichen sollen. Vor allem wird der Markt momentan noch von der Indie-Szene beherrscht, seit der E3 2016 ist aber bekannt, dass inzwischen auch schon große Publisher wie Bethesda oder EA VR-Titel in Planung haben. Und spätestens mit der PlayStation VR soll die Technologie dann auch für die breite Masse erschwinglich sein – schließlich kostet die PS-Brille „nur“ 399 Euro.

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11 Probleme, mit denen VR auch heute noch zu kämpfen hat

Im Vergleich dazu: Für die Oculus Rift müsst ihr stolze 699 Euro hinblättern, die HTC Vive beginnt sogar erst ab einem Preis von 899 Euro. Da kann einem schon mal schwindelig werden angesichts der horrenden Preise. Allerdings: Kann die Hardware etwas leisten und hat tolle Spiele zu bieten, wären viele Nutzer bereit, auch mal mehr Geld über den Tresen wandern zu lassen. Aber können Oculus Rift und Co. uns überhaupt die Tiefe der Spieleerfahrungen bieten, die wir von den klassischen Konsolen gewöhnt sind?

Virtual Reality: Was ist das?*

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich mir zwei Spiele genauer angeschaut, die beide speziell für VR konzipiert sind. Leider musste ich feststellen: Beide Spiele haben mit ganz unterschiedlichen Problemen zu kämpfen, die zeigen, dass VR leider doch noch nicht so weit ist, wie ihr es euch vielleicht erhofft habt. Auf drei zentrale Probleme möchte ich im Folgenden näher eingehen.

1. Es gibt noch kein Geheimrezept für die perfekte Immersion

Dass es schwierig zu sein scheint, die perfekte Mischung aus Gameplay und Story zu finden, um euch gänzlich in das Spielerlebnis abtauchen zu lassen, ist mir vor allem bei Space Rift aufgefallen. Das Spiel ist eine Art Raumschiff-Simulator mit Story-Fokus. Es ist der erste Titel vom deutschen Entwicklerstudio Vibrant Core und soll nach nur knapp einem Jahr in Entwicklung noch in diesem Sommer veröffentlicht werden.

Obwohl die Liebe zum Detail in den Leveln nicht zu übersehen ist, merkt man dem Spiel die kurze Entwicklungszeit leider an: Während des Testens der Vorschau-Version sind mir viele Bugs aufgefallen, die mich immer wieder aus der VR-Erfahrung zurück in die Realität geworfen haben. Das muss nicht heißen, dass das auch im finalen Spiel so sein wird. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass viele andere VR-Spiele ein ähnliches Problem haben werden.

Für kleinere Studios ist es außerdem nicht einfach, die richtige Mischung aller Gameplay-Elemente zu finden, um eine perfekte Immersion zu ermöglichen. Schließlich gibt es bislang nur wenige tolle Vorlagen, an denen man sich orientieren kann. Im Fall von Space Rift konnte darüber leider auch nicht die Story hinwegtrösten, die trotz Fokus insgesamt doch recht dünn ausfiel und mir nicht die nötige Tiefe bot, die ich gesucht hatte. Es kann die bisherigen Konsolen-Spiele also keinesfalls überbieten, sondern hinkt ihnen eher hinterher, weil eben die für VR so wichtige Immersion wenn überhaupt nur kurzweilig zustande kommt.

Was Space Rift aber durchaus zeigt, ist dass VR zumindest auf dem richtigen Weg ist – hier vor allem, was den schicken Look des Spiels angeht.

Space Rift - Episode 1
Entwickler: Vibrant Core
Preis: 19,99 €

2. Tolle Spiele für VR sind leider viel zu kurzweilig

Von der Immersion her viel eindrucksvoller ist The Assembly: Das First-Person-Adventure vom englischen Entwicklerstudio nDreams entführt euch in einen unterirdischen Bunker, in dem eine geheime Wissenschafts-Organisation moralisch fragwürdige Experimente durchführt. Abwechselnd spielt ihr entweder Madeleine Stone, eine neue Mitarbeiterin, die diverse Einstellungstests durchlaufen muss, oder Cal Pearson, der schon länger in der Firma arbeitet, inzwischen aber an den fragwürdigen Forschungsmethoden zu zweifeln beginnt.

Schon nach kurzer Zeit war für mich klar: The Assembly ist ein erstaunliches Beispiel dafür, wie eindrucksvoll VR sein kann. Am eigenen Leib spürte ich das Unbehagen, das von dem unterirdischen Komplex ausgeht. Obwohl mich dieses Gefühl zuerst erschreckt hat, hat diese intensive Erfahrung unglaublich viel Spaß gemacht. Natürlich erfindet The Assembly dabei das Gaming nicht neu, es ist und bleibt ein Point-and-Click-Adventure aus der First-Person-Perspektive. Trotzdem bot mir der Titel eine gänzlich unbekannte Spieleerfahrung.

Letzten Endes konnte mich The Assembly so packen, dass ich es am liebsten gleich ewig gespielt hätte – leider kann das Spiel genau das nicht bieten: Je nachdem, wie schnell ihr den Bunker durchlauft und die Rätsel lösen könnt, bekommt ihr vom Spiel nur eine halbe bis vier Stunden Unterhaltung geboten; eine Fortsetzung ist derweil nicht geplant. Auch, wenn das für den Preis von 24,99 Euro in Ordnung ist, sich eine VR-Brille allein für The Assembly zu holen, lohnt sich definitiv nicht.

The Assembly
Entwickler: nDreams
Preis: 24,99 €

3. VR-Spiele gehen auf Dauer auf die Nerven – im wahrsten Sinne des Wortes

Hinzu kommt, dass VR-Spiele momentan noch enorm anstrengend sind. Sowohl bei The Assembly als auch bei Space Rift machten sich bei mir schon nach wenigen Minuten Spielzeit starke Kopfschmerzen bemerkbar, die bedauerlicherweise erst am nächsten Tag gänzlich verschwunden waren. Ich scheine nicht die Einzige zu sein, der es so ergangen ist, auch andere Kollegen berichten immer wieder von solchen „Nebenwirkungen“.

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Das liegt vor allem daran, dass VR für die Augen komplettes Neuland ist. Dr. Christian Kandzia, Oberarzt für Ophthalmologie (Augenkrankheiten) am Universitätsklinikum Kiel, setzt sich damit in einem Artikel auf Spiegel Online auseinander. Demnach krümmen sich eure Augenlinsen, wenn ihr in der Realität einen Gegenstand in der Nähe fokussiert, während die Blickrichtung gleichzeitig nach innen geht. Wollt ihr jedoch etwas in der virtuellen Realität fokussieren, geht eure Blickrichtung noch stärker nach innen als normalerweise, allerdings bleibt die Krümmung der Augenlinsen dabei aus.

Motion Sickness: Wenn Spiele wortwörtlich zum Kotzen sind*

Ob das gut oder schlecht für eure Augen ist, ist bislang noch nicht erforscht. Allerdings muss sich das Auge an die neue Bewegung erst noch gewöhnen. Darum ist es vor allem zu Anfang zu empfehlen, nicht zu lange am Stück in der virtuellen Welt zu verweilen. Mir persönlich war eine Stunde schon deutlich zu viel. Wichtig ist auch, dass ihr vor dem Zocken den Pupillenabstand an eurer Brille korrekt auf eure Sehgewohnheiten einstellt. Ansonsten strengt euch die VR-Erfahrung noch mehr an als sowieso schon. Allein, weil ihr die Brille aus diesen Gründen öfter wieder absetzen müsst, wird es schon schwierig, wirklich tief in ein Spieleuniversum einzutauchen.

Mein Fazit zur bisherigen Spielerfahrung in der virtuellen Realität

Oculus-Touch-2

Die virtuelle Realität ist noch lange nicht dort angelangt, wo wir sie gerne hätten. Teilweise gelingt es den Entwicklern noch nicht, eine völlige Immersion zu erzeugen. Und selbst wenn dies so gut wie bei The Assembly klappt, heißt das lange noch nicht, dass damit auch die Qualität und Langwierigkeit der aktuellen Konsolen-Spiele erreicht werden kann. Wir dürfen gespannt sein auf Titel wie Batman: Arkham VR sowie die VR-Unterstützung für Fallout 4 und das kommende Resident Evil 7 – alle Titel haben zumindest das Potential, uns eine volle Spiel-Erfahrung zu liefern, die vom Demo-Gefühl vieler aktueller Titel abweicht.

Floppt VR wegen der horrenden Preise?*

Durch das unausgeglichene Preis-Leistungs-Verhältnis der ersten Generation der VR-Brillen lohnt es sich aus meiner Sicht jedenfalls noch nicht, sich eine solche Brille zuzulegen. Abwarten ist also auch weiterhin die Devise, bis ihr euch den Traum von der vollkommenen Immersion in der virtuellen Welt erfüllen könnt. An sich ist die virtuelle Realität aber sicher schon jetzt einen Versuch wert. Solltet ihr also einmal die Gelegenheit haben, eine solche Brille selbst auszuprobieren: Macht es!

Habt ihr bislang schon einmal eine VR-Brille ausprobieren dürfen? Wie waren eure Erfahrungen? Und was erhofft ihr euch für die Zukunft der Technologie?

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