rain Test: Mit Schirm, Charme und Schattenmonstern

Thomas Goik

Zwischen den Explosionen eines GTA 5 und dem Grafik-Bombast eines Battlefield 4 erscheint rain, ein unscheinbares kleines Abenteuer, das mit dem einzigartigen Konzept eines unsichtbaren Helden, der nur im Regen sichtbar wird, ein interessantes Experiment wagt. Steckt zwischen den innovativen Gameplay-Ideen und der herzigen Geschichte ein kleines Meisterwerk?

rain Test: Mit Schirm, Charme und Schattenmonstern

„rain“ gewinnt direkt zu Beginn des Spiels Sympathiepunkte für seinen tollen Stil. Damit meine ich nicht nur die realistisch angehauchten Einblicke in die Straßen und Gassen der verregneten, fiktiven Stadt von „rain“, die mit festen Kameraperspektiven immer erstklassig in Szene gesetzt wird. Nein, auch erzählerisch fühlt sich „rain“ neu an – und dann auch wieder ganz alt. Statt einen Erzähler die Geschichte vortragen zu lassen oder ständig Zwischensequenzen einzusetzen, schreibt „rain“ seine Zeilen einfach mitten in die Spielwelt.

Damit gewinnt das Spiel den Eindruck eines Märchenbuchs, dessen Geschichte sich mit jeder Seite neu entfaltet. „rains“ Zeilen werden nur enthüllt, wenn ich weiter durch die Welt gehe – der einzige Erzähler ist die Musik, die mit mal sanften, mal harten Piano-Klängen stets die richtige Stimmung setzt. Aber was erzählt „rain“ eigentlich für eine Geschichte? Ähnlich wie in „Limbo“ oder „Lost in Shadow“ übernehme ich die Kontrolle über einen kleinen Jungen, der in seinem Traum eine verregnete, scheinbar leere Welt betritt.

Rain Story Trailer.
Das Problem: Er hat seine Form verloren, er ist unsichtbar. Nur der Regen enthüllt seine Silhouette, steht er unter einem Dach, verschwindet er – auch für mich. Als Spieler identifiziert man den Jungen anschließend durch seine Fußspuren oder das Platschen einer Pfütze, wenn er durch sie läuft. So leer ist diese Zwischenwelt dann aber doch nicht, er sieht nämlich ein Mädchen, das vor merkwürdigen Kreaturen flieht. Sowohl das Mädchen als auch die Kreaturen sind genauso transparent wie der kleine Junge selbst, seine Aufgabe wiederum ist klar und deutlich: Das Mädchen beschützen und der Nacht dieser Traumwelt entkommen.

Dabei gerät der kleine Junge natürlich selbst in die Schusslinie der merkwürdigen Albtraumwesen, die aussehen wie die lebendigen Skelette von Hunden oder deformierte Dinosaurier. Was „rain“ folglich spielmechanisch leistet, ist beeindruckend: Die Jump&Run-Elemente, Stealth-Einlagen und Puzzles des Spiels funktionieren meist wunderbar und das obwohl ich oft meine eigene Spielfigur gar nicht sehe. „rain“ vermag mit seinem originellen Konzept den einen oder anderen Aha-Moment hervorzurufen – etwa wenn ich mit dem Jungen in Matsch laufe und durch den Dreck für Monster sichtbar bin, bis ich ihn in einer Pfütze wieder abwasche – verpasst es aber, echte Herausforderungen zu liefern.

Der Großteil der Rätsel beschränkt sich auf die Suche des passenden Schlüssels oder das Verschieben irgendwelcher Kisten, um an vorher unerreichbare Stellen zu kommen – das wird schnell vorhersehbar und öde, weil sich das Novum der Unsichtbarkeit und dem damit verbundenen Versteck-Spiel vor Monstern nach einer Stunde legt und „rain“ nur wenig Neues versucht. Dadurch fühlt sich „rain“ schnell gewöhnlich an, wird dank des guten Spielflusses aber nicht langweilig.

Um dann doch Aufregung in die sonst eher ruhige Stimmung des Spiels zu bringen, hetzt mir „rain“ recht oft eine große Kreatur hinterher und kreiert so Zeitdruck. Da nicht immer eindeutig ist, was das Spiel in solchen Situationen von mir will, entstehen unfreiwillig Trial & Error-Passagen, die dank eines großzügigen Checkpoint-Systems aber nicht sonderlich frustrierend sind – nur nimmt der ständige Neustart die Dramatik aus der Situation und hemmt den sonst so tollen Flow.

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Fazit:

„rain“ ist trotz einiger Mängel ein durchweg sympathisches Spiel. Die herzige Geschichte, der wunderbare Grafik- und Erzählstil, der fantastische Soundtrack und der innovative Spielansatz – Sony hat hier einen Geheimtipp im Repertoire, der an manchen Stellen sogar richtig überrascht. Leider versäumt „rain“ die Chance, mich wirklich zu fordern – sowohl in seiner Geschichte als auch in seinem Gamedesign. Unter der wunderschönen und einzigartigen Oberfläche steckt am Ende also doch nur ein recht gewöhnliches Spiel.

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