Tomodachi Life Test: Das Neo-Tamagotchi

Thomas Goik 3

Ich liebe die „Wario Ware“-Spiele von Nintendo. So verrückt, sinnlos und unkonventionell spaßig wie die Minispiel-Sammlungen für Gameboy Advance, DS und Wii waren bisher kaum andere Spiele von Nintendo. Und was genau haben die Mini-Abenteuer von Marios Erzfeind mit „Tomodachi Life“ zu tun, fragt ihr euch jetzt. Ganz einfach: „Tomodachi Life“ kommt von den gleichen Entwicklern wie „Wario Ware“ – und das merkt man, obwohl wir hier ein vollkommen anderes Spiel vor uns haben.

Tomodachi Life Test: Das Neo-Tamagotchi

„Tomodachi Life“ ist viel Tamagotchi. Und ein bisschen „Die Sims“. „Animal Crossing“ steckt auch mit drin. Und „Wario Ware“, versteht sich. Viele kleine Mii-Charaktere teilen sich ein großes Apartment-Gebäude auf einer paradiesischen Insel. Wirklich Spaß werdet ihr nur dann haben, wenn ihr Miis erstellt, die entweder berühmten Persönlichkeiten oder euren Freunden entsprechen. Dann wird „Tomodachi Life“ nämlich zur ultimativen Seifen-Oper und Alternativ-Realität – und das kann verdammt witzig sein!

Ähnlich wie „Animal Crossing“ ist auch „Tomodachi Life“ ein Spiel, das man über einen langen Zeitraum täglich spielen soll. Die Bedürfnisse der Miis wollen regelmäßig befriedigt werden. Ein leerer Magen? Kein Ding, kauft man eben neues Essen im Shop und gibt es an seine Insel-Bewohner. Die sagen einem dann auch direkt, ob ihnen die Mahlzeit mundet oder nicht – findet man nämlich ihr Lieblingsessen, dann gibt es mehr Erfahrungspunkte für die Aktion und der Mii steigt schneller im Level auf. So ziemlich jede Interaktion mit euren Schützlingen bringt XP und Geld, bei einem Level-Up könnt ihr etwa den Raum eures Miis neu dekorieren, den Miis Gegenstände schenken oder ihnen eine Catchphrase lehren.

Ein leeres Grollen in der Magengrube ist aber nicht das einzige Problem der Miis. Auch bei Beziehungsproblemen ist der Spieler die Anlaufstelle Nr. 1, so bestimmt man etwa die Partnerwahl der Miis indirekt. Nach eigenem Willen befreunden sich die Miis miteinander oder verlieben sich, ich kann dann lediglich meinen Segen dazu geben oder sie davon abhalten, ihrem Schwarm nachzugehen. Danach schwebt aber auch eine graue Regenwolke über den Köpfen der Miis und man muss sie wieder aufheitern.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass es in „Tomodachi Life“ – aus welchen Gründen auch immer – keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt. Nintendo lieferte für diesen altertümlichen Umstand bereits eine holprige Entschuldigung und gelobt Besserung für künftige Einträge in der Serie. Auf einen Patch für „Tomodachi Life“ sollte man allerdings nicht hoffen.

Tag für Tag ploppen neue Gebäude auf der Insel der Miis auf. Neben einem Supermarkt gibt es Kleidungsgeschäfte, einen Aussichtsturm, einen Jahrmarkt, ein Einrichtungsgeschäft oder eine Musikhalle. Alle mit eigenen Funktionen und teils auch mit Events, die nur zu einer bestimmten Zeit stattfinden.

Wie ein klassisches Videospiel wird „Tomodachi Life“ dabei nur selten. Ab und zu gibt es Minispiele, die stark an den herrlichen Blödsinn der „Wario Ware“-Reihe erinnern. Oder eine Art Mini-Rollenspiel im Retro-Pixellook, bei dem man mit den Miis durch eine klassische 8Bit-Welt wandert und am Ende einen Bossgegner besiegt. Nur ist der Boss meist einfach irgendein Gegenstand, etwa die Statue einer Winkekatze. Spielerisch anspruchsvoll wird „Tomodachi Life“ dabei nie, erst recht nicht, wenn man eines der Memory- oder Karten-Minispiele erwischt.

Highlight von „Tomodachi Life“ ist der Humor. Auf meiner Insel lebt aktuell etwa fast die gesamte GIGA Games-Redaktion zusammen mit Satoru Iwata, Shigeru Miyamoto und Reggie Fils-Aime von Nintendo. Special-Guest ist Tak Fuji von Konami, der durch seinen E3-Auftritt mit den Worten „One Mirrion Troops“ berühmt wurde. Der Mii-Editor erlaubt es mir, die Persönlichkeiten der einzelnen Miis zu bestimmen – das funktioniert so gut, dass man am Ende die echten Personen in seinen Miis tatsächlich wieder erkennt. Witziges Detail: Eure Miis reden, Tonlage und Geschwindigkeit der Sprache bestimmt ihr - das klingt dann zwar alles qualitativ mehr nach Microsoft Sam und weniger nach Siri, gibt dem Ganzen aber eine weitere humoristische Note.

Wenn Mats mit Tobi, Nik und Kristin auf der Bühne steht und einen von mir eigens geschriebenen Song in bester Heavy Metal-Manier schmettern, dann ist das schon herrlich absurd und witzig. Die Situationen werden durch ihre Banalität urkomisch: Reggie liegt mit Robin zusammen auf der Wiese und relaxt? Klar, warum auch nicht? Miyamoto schmeißt sich an Amélie ran? Äh, okay… Mats moderiert die „Tomodachi Life“-internen News und berichtet über Toms nach acht Jahren wieder aufgetauchte linke Socke? LOL!

Noch schräger wird es, wenn man nachts in die Träume der Miis hineinschauen kann. Robin sitzt mit Kristin am Steuer eines Autos und hält alle paar Sekunden an, um ihr einen bekloppten Witz zu erzählen – ein Albtraum, aus dem Kristin glücklicherweise schnell wieder aufwacht. Nik träumt wiederum davon, wie er an einem Steg am Meer steht und im Hintergrund die riesigen Köpfe der anderen Inselbewohner langsam aus dem Wasser empor steigen. Tobi läuft einfach durch einen weißen Raum und fällt alle paar Meter auf die Schnauze – immer und immer wieder.

Mit solchen abgedrehten Szenarien überrascht mich „Tomodachi Life“ jedes Mal aufs Neue, weshalb ich auch nach mehreren Wochen Spielzeit noch gerne bei meinen Miis vorbeischaue. Immer nur für ein paar Minuten pro Tag – am Stück gibt es einfach nicht so viel zu tun in diesem 3DS-Kuriosum. Auch die „Wario Ware“-Anleihen hätten ruhig stärker ausfallen können, die – verzeiht mir den Begriff – Randomness fängt zwar auch „Tomodachi Life“ gut ein, gerade die Minispiele hätten aber deutlich kreativer sein können.

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Fazit:

„Tomodachi Life“ wird euch spielerisch nicht zufriedenstellen. Zu simpel sind die Aktivitäten und Minispiele in Nintendos abgedrehtem 3DS-Tamagotchi. Wenn ihr aber den quirligen Humor von „Wario Ware“ mögt und euch die alltäglichen Seifenoper-Momente eines „Die Sims“ schon immer belustigten, dann wird euch auch „Tomodachi Life“ zum Lachen bringen – oft und heftig.

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