Das MacBook: Form over function [Kommentar]

Ben Miller 28

Das neue 12-Zoll-MacBook fasziniert mich mehr als die Apple Watch. Warum das so ist, lest ihr im folgenden Kommentar.

Letzten Monat hatte Apple die Produktlinie des MacBook von den Toten auferweckt. Das neue MacBook ist atemberaubend dünn und leicht, verfügt über ein tolles Retina-Display und auch die Akkulaufzeit kann sich für so ein dünnes Design sehen lassen.

Das neue MacBook wirkt wie die Essenz eines Notebooks, reduziert auf das Notwendigste. Es ist Apples Idealvorstellung eines mobilen Computers. Kompakt, dünn, leicht, hochwertig, robust und dadurch auch (mit Abzügen) langlebig. Es ist beinahe ein fleischgewordenes Design-Konzept.

Apple MacBook 2015.

Ein wichtiges Attribut fehlt hier aber: leistungsstark.

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Die Geschichte des MacBook: 10 Jahre Innovation (Überblick)

Mit der Leistung eines 2011er MacBook Airs ist das neue MacBook nur wenig mehr als ein Chromebook-Equivalent, wobei der Vergleich natürlich etwas hinkt.

Das derzeit beste Chromebook auf dem Markt, das Pixel 2 von Google, bringt für denselben Preis einen Intel Core i7, 16 GB Arbeitsspeicher, ein schärferes Display, eine längere Akkulaufzeit, ein mindestens ebenso ansprechendes Design und ganze 4 USB-Anschlüsse (zwei davon USB-C) mit. Die verbaute SSD ist zwar nur 64 GB groß, dafür ist auch ein SD-Karten-Slot vorhanden. Auch ist es dicker und mehr als ein Drittel schwerer, aber hier folgt die Form der Funktion, und nicht umgekehrt.

Wer jetzt mit dem Argument kommt, dass Chrome OS im Grunde nur ein Browser und OS X aber ein vollwertiges Betriebssystem ist, hat schon recht.

Chrome OS ist über die Jahre aber stark an Funktionen gewachsen. Es ist immer noch nur ein Chrome-Browser im Vollbildmodus, aber man kann damit durchaus Dinge erledigt bekommen, wenn man will, auch weil zumindest beim Pixel 2 die Hardware-Leistung passt. Wer mit Chrome als Standardbrowser unterwegs ist, weiß, dass dieser nicht gerade mager auf der Brust ist und doch schon ein gutes Stück Leistung voraussetzt.

Beim MacBook hingegen hat man zwar ein vollwertiges Betriebssystem. Viele Vorteile, die sich daraus ergeben, bremst die magere Hardware aber aus.

Der Begriff „Design“ umfasst nicht nur, wie etwas aussieht, sondern auch wie sich etwas bedienen und verwenden lässt. Wenn ich ein neues Gerät in die Hände bekomme, versuche ich an Dieter Rams „Zehn Thesen für gutes Design“ zu denken, die auch Apples Chef-Designer Jony Ive hochhält. Sie helfen mir einzuschätzen, wie durchdacht das Produkt ist und was sich die Macher bei der Entwicklung gedacht haben.

Auch bei meinem Hands-on musste sich das neue MacBook diesen 10 Thesen stellen.

Ist das neue MacBook innovativ?

Es ist der bisher dünnste und leichteste Mac, bietet dafür aber trotzdem eine ansehnliche Akkulaufzeit und ein brillantes Retina-Display. Der Flash-Speicher ist der schnellste, den Apple bisher in einen seiner mobilen Macs verbaut hat. Es kommt ohne Lüfter aus, besitzt im Grunde keine beweglichen Teile.

Das Trackpad ist sogar noch besser geworden und eine so dünne, mechanische Tastatur, auf der man doch recht angenehm tippen kann, muss man auch erst einmal hinbekommen. Nicht zu vergessen besitzt es mit USB-C einen neuen und multifunktionalen Anschluss, der alles kann. Abgsehen von der verbauten Facetime-Kamera, die mit ihrer 480p-Auflösung in so einem hochwertigen und dementsprechend teuren Notebook nichts zu suchen hat – erst recht nicht im Jahr 2015, ist das MacBook schon innovativ.

Ist das MacBook brauchbar?

Das neue MacBook ist so dünn und leicht, dass man es überall hin mitnehmen kann. Das Unibody-Gehäuse aus Aluminium ist trotzdem stabil. Auf der neuartigen Tastatur lässt sich trotz ihrer Dünnheit sehr gut tippen. Auch das neue Trackpad funktioniert tadellos.

Der Flaschenhals ist aber der verbaute Intel Core M Prozessor. Ab Werk kommt der Core M, der im kleinsten Modell verbaut wird, mit 900 MHz daher. Apple hat ihn auf 1,1 GHz aufgebohrt.

Viel mehr als Mails checken, im Internet surfen und Office-Dokumente bearbeiten sollte man dem MacBook dementsprechend nicht aufbürden. Aber für mehr ist es auch nicht gemacht. Für das, ist das MacBook brauchbar.

Ist das Design des MacBook ästhetisch?

Also wer das neue MacBook nicht sexy findet, sollte meiner Meinung nach den Optiker seines Vertrauens aufsuchen.

Ist das Design des MacBook verständlich?

Das neue MacBook hat eine Tastatur, ein Trackpad und ein Display. Kein Schnickschnack. Alles ist an seinem gewohnten Platz. Es ist ein ultrakompaktes Notebook für den mobilen Einsatz. Da gibt es wohl keine Missverständnisse. Es wird wohl keiner erwarten, dass ein MacBook einen Mac Pro in Grund und Boden rendert.

Ist das Design des MacBook unaufdringlich?

Dass mir Apple zahlreiche Adapter aufzwingt, weil sich Ive für nur einen einzelnen USB-Port entschieden hat, finde ich aufdringlich. Dass diese Adapter, wenn man denn mehr will als nur USB auf USB, gleich 80 Euro kosten und für den doch recht hohen Preis des MacBooks nicht im Lieferumfang enthalten sind, finde ich aufdringlich. Aber davon abgesehen flüstern die abgerundeten Ecken des MacBook ganz leise „Understatement“.

Ist das Design des MacBook ehrlich?

Das kompakte und leichte Design des MacBook verspricht keine großen Sprünge, was die Leistung angeht. Es ist aber nicht ganz verständlich, warum sich Apple für nur eine USB-C-Buchse entschieden hat. Andere Hersteller schaffen auch zwei.

Bei der Akkulaufzeit verspricht Apple rund 9 Stunden Surfen im Web. Normalerweise untertreibt man in Cupertino bei den angegebenen Akkulaufzeiten. Sie sind in Realität nicht selten besser als auf dem Papier. Das kommt natürlich im Einzelfall immer auf die verwendeten Programme und die Art der Nutzung an.

Leider wird das neue MacBook hierzulande noch nicht ausgeliefert und auch Review-Geräte sind derzeit äußerst spärlich gesät. Die Reviews unserer US-amerikanischen Kollegen sind aber sehr durchwachsen und deuten im Durchschnitt eher darauf hin, dass man mit weniger als 9 Stunden rechnen muss. Genau das ist der Knackpunkt. Verwendet man ausschließlich Apple-Applikationen wie Safari und Apple Mail sowie iWork, mag man je nach Konfiguration mit rund 9 Stunden durchkommen.

Als Nutzer von Chrome und – Gott bewahre – Adobe-Applikationen, wird man mit der Hälfte der angegebenen Laufzeit rechnen dürfen.

Das lüfterlose Design des MacBook hebt Apple als besonderes Feature hervor. Das ist es auch. Der US-Blogger Dom Esposito hatte es in seinem Test jedoch schon geschafft, seinem neuen MacBook eine Hitzewarnung zu entlocken. Schuld war offensichtlich Googles Chrome-Browser, der unter anderem Flash mitbringt. So eine Warnmeldung führt dazu, dass das System den an sich schon schmalbrüstigen Prozessor runterdrosselt. Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man einem lüfterlosen Notebook zu viel aufbürdet.

Ist das MacBook langlebig?

Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt schwer sagen, da das MacBook noch sehr jung ist. Es ist aus robustem Aluminium und im Gegensatz zum MacBook Pro und MacBook Air ist sein Display-Scharnier auch nicht aus Kunststoff, sondern Metall. Eine Schwachstelle weniger.

Der verbaute Prozessor ist in Sachen Leistung auf der Höhe eines 4 Jahre alten MacBook Airs. Vier Jahre sind eine halbe Ewigkeit in der Technikwelt. Wer würde sich heute noch ein MacBook Air aus 2011 kaufen?

Apple baut seine MacBooks (auch Pro und Air) sehr robust. Sie bleiben normalerweise weit länger in Verwendung als Notebooks der Konkurrenz. 3–4 Jahre mindestens muss ein Apple-Notebook schon durchhalten, bevor es in den Gebrauchtmarkt geht. Aber ob man in zwei Jahren noch mit der relativ mageren Leistung des MacBook zufrieden sein wird? Ob man dann etwas erledigt bekommt? Man kann schließlich nichts an der Hardware nachträglich upgraden, auch nicht den Arbeitsspeicher.

USB-C ist die Zukunft, aber die Leistung des Prozessors eher ein Gruß aus der Vergangenheit. Ist das MacBook also langlebig? Jein.

Ist das Design des MacBook konsequent bis ins letzte Detail?

Meines Erachtens ist das MacBook konsequent umgesetzt. Apple wollte einen ultraleichten Mac entwickeln, der einen ganzen Arbeitstag durchhält und überall hin mitgenommen werden kann. Dafür hat man einiges geopfert. Vor allem Anschlüsse, aber auch Leistung.

Apple hat jedoch auch vieles neu entwickeln müssen. Den Butterfly Mechanismus für die noch dünnere Tastatur, das kompaktere Force-Touch-Trackpad mit Taptic Engine und ein hochauflösendes Display-Modul, welches noch dünner ist und noch weniger Strom verbraucht.

Das MacBook besitzt, abgesehen vom Kopfhörer-Anschluss, nur eine Buchse und diese ist auch noch USB-C. Über diese eine Buchse kann und muss alles Kabelgebundene abgewickelt werden (abgesehen von den Kopfhörern glücklicherweise).

Das MacBook ist aber ein ultramobiler Rechner und mobil bedeutet ungebunden und somit kabellos. Es hat alles an Bord, um auch ohne Kabelsalat zu funktionieren. iPhone syncen? Kabellos. Tethering? WiFi-Hotspot des iPhones. Speichererweiterung? Über die (i)Cloud. Kopfhörer anschließen? Über Bluetooth – es geht zwar auch per Kabel aber Bluetooth ist angenehmer. Unterwegs aufladen? Einfach ein starkes Akkupack eines iPhones oder iPads anschießen.

Ist das MacBook umweltfreundlich?

Laut Apple verbraucht das MacBook bei durchschnittlicher Nutzung 10 kWh im Jahr – im Jahr! Im selben Zeitraum verbraucht ein iPhone 6 rund 4,5 kWh. Bei einer Energiesparlampe rechnet man im Jahr mit 8–9 kWh – und die kann aber nur leuchten! Die jährlichen Stromkosten für ein MacBook belaufen sich auf weniger als 2 Euro.

Der Großteil des MacBooks besteht aus besonders recyclingfähigen Materialien wie Aluminium und Glas. Ich weiß leider nicht, wie recyclingfähig die Akkus sind, aber rechnet man noch die anderen Umwelt-Initiativen von Apple mit ein, ist das MacBook sicherlich eines der „grünsten“ Notebooks auf dem Markt.

Ist das Design des MacBook so wenig Design wie möglich?

Am gesamten MacBook findet sich kein einziges unnötiges Designelement. Jedenfalls konnte ich keines ausfindig machen. Aber das ist auch wenig überraschend. Apples Designsprache ist so wenig Design wie möglich. Und das ist schwerer zu bewerkstelligen, als viele glauben. Jeder Millimeter des Gehäuses ist mit einem neuartigen Akku im Kaskaden-Design ausgefüllt.

Zwischenfazit

Das neue MacBook ist, soweit ich das bisher beurteilen kann, ein tolles, kleines Notebook. Es ist nicht perfekt und (noch) nicht für jedermann, einfach weil es (und das Konzept, auf dem es basiert) seiner Zeit etwas voraus ist. Selten ist die erste Generation eines Produktes ohne Kinderkrankheiten. Das gilt auch (manche würden sagen besonders) für Apple-Produkte.  Eine zukünftige Generation dieses MacBooks wird meiner Meinung nach der erste Mac sein, der mit Apples eigenem ARM-Chip angetrieben wird. Warum? Weil der Intel-Chip der Flaschenhals ist und weil Apple es kann. Die Ingenieure hätten sicher schon dieses Jahr einen ARM anstelle des Intel verbauen können und haben sicher einen Prototyp in ihrem Black Lab stehen. Die Zeit war aber noch nicht reif und die bisherigen Schritte eigentlich auch schon groß genug.

Quiz: Bist du ein Mac-Kenner?

Welche Beinamen trug OS X? Und welcher Meilenstein der Computerindustrie war von Apple? Wie gut du dich rund um die Apple-Computer auskennst, kannst du in diesem Quiz testen. 20 Fragen zu MacBook, iMac, macOS & Co:

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