Mit dem letzten Apple-Produkt des Jahres hatte so eigentlich niemand mehr gerechnet, die Überraschung war dem iPhone-Hersteller also sicher. Doch muss man dann noch so beim Preis übertreiben, der aktuell jedwede Vorstellung sprengt? Apple meint ja, ich sage (zunächst) nein – das Thema der heutigen Wochenend-Kolumne.

 

AirPods Pro

Facts 
AirPods Pro

So viel ist sicher, Apple ist auch auf der Zielgeraden 2020 noch für einen oder mehrere Lacher gut. Man möchte gerne mitspielen im Club der dicken Ohrpolster – Tech-Profis sprechen da von ohrumschließenden Studio-Kopfhörern. Mit den bisherigen Ohrhörern haben die AirPods Max aber nur den „Familiennamen“ gemein, denn Aussehen und Preis sprengen jedwede Vorstellungskraft.

Jetzt vorbestellen: AirPods Max bei Notebooksbilliger.de

AirPods Max: Apples neue Lachnummer

Aktuell verlangt Apple dafür 597,25 Euro, im Januar wird's mit der dann wieder steigenden Mehrwertsteuer sogar noch teurer, die Schallmauer von 600 Euro wird durchbrochen. Ein Wahnsinn, 600 Tacken für einen einzigen Kopfhörer! Wer dachte die Konkurrenz von Bose, Sony und Co. langt mächtig hin, der wird von Apples neuem Selbstvertrauen bei der Preisgestaltung nahezu hinweg geweht. Ich meine ernsthaft, für die nachweislich besten Kopfhörer von Bose (Noise Cancelling Headphones 700) zahlt man bei Amazon derzeit weit weniger als 300 Euro. Bei einem doppelt so hohen Preis erwarte ich dann aber, dass mir Tim Cook die Ohrwärmer höchstpersönlich vorbeibringt und zwar in schmucker Ritterrüstung auf einem eleganten Schimmel mit lautem Fanfaren-Geräusch.

Um sich mal ein Bild zu machen, das Video zu Apples neuem „Schnäppchen“:

AirPods Max: Apples Vorstellungsvideo

Noch mal nachgerechnet: Ein neues iPhone XR, iPhone SE, ein iPad der 8. Generation oder auch eine Apple Watch Series 6 sind billiger als die neuen AirPods. Alternativ könnte man auch für den Preis der Kopfhörer glatt 6 neue HomePod minis erwerben und eine mittelgroße Villa damit beschallen. So sehr ich den Produkten von Apple auch verbunden sein mag, meine persönliche Schmerzgrenze ist dann doch erreicht, der Bogen überspannt.

So wie ich, sehen dies auch andere Beobachter im Netz, wohlverdient handelt sich Apple der neuen AirPods Max wegen Spott und Häme ein. Beispielsweise nimmt dieser Twitter-Eintrag die Preisgestaltung aufs Korn, Zitat: „Tut mir leid, ich kann dich nicht hören. Meine AirPods Max schalten arme Menschen automatisch auf stumm.“

Und auch das Design des neuen Smart Case muss sich einen Witz gefallen lassen:

Der externe Inhalt kann nicht angezeigt werden.

Auf dem zweiten Blick: Richtig so

Soweit meine erste Reaktion. Doch ist die natürlich von Emotionen gezeichnet. Bei der zweiten Betrachtung macht Apple dann nämlich wieder alles richtig. Wie heißt es so schön: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Augenscheinlich greifen genügend Leute zu, die Lieferzeiten werden immer weiter nach hinten verlegt. Ein Ladenhüter sind die extrem teuren AirPods Max also schon mal nicht. Eher ein sichtbares Fashion Statement, da spielt der Preis nur eine untergeordnete Rolle.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Man kennt das alte Markenspiel, setze dein neues Produkt auf ein Podest und mache es so begehrenswert. Apple beherrscht die Taktik, übte einst bei der Produkteinführung der Apple Watch. Bei einer Handtasche von Hermès regt sich auch niemand über den Preis auf, ein Vergleich verbietet sich geradezu. Die Marke ist alles, Exklusivität ist King. Markenaufbau ist das Ziel, extrem hohe Stückzahlen nicht mal wünschenswert. Die AirPods Max verstehen sich daher als neues Leuchtturmprodukt der AirPods-Reihe, sie sind die S-Klasse. Die Masse kann und soll es sich nicht leisten, die dürfen weiter zu A, B oder C greifen.

Am Ende muss ich eingestehen: Apple scheint zwar frech zu sein, verlangt abstruse Preise für einen Kopfhörer, doch letztlich spielt man nur das Spiel der Luxusmarken in Perfektion. Niemand braucht Hermès, Louis Vuitton, Patek Philippe und wie sie alle heißen, doch wer sie sich leisten kann, der will damit etwas ausdrücken. Dieses Gefühl der Extravaganz ist unbezahlbar und 600 Euro dafür fast schon wieder ein Schnäppchen. Wer indes auf dieses Gefühl verzichten kann, der muss nicht kaufen und darf selbstbewusst auch Alternativen eine Chance geben.

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.